1. Macchiavelli


Auch die Anfänge selbständiger Staats- und Rechtsphilosophie, die in der Zeit der Renaissance auftauchten, waren von dem Geist der Antike erfüllt oder doch angeregt. So hat der berühmte florentinische Staatsmann Nicolo Macchiavelli (1469-1527), durch seine Verbannung 1512 zur Schriftstellerei veranlaßt, aus dem Studium der römischen Geschichte den Antrieb zu seiner politischen Theorie erhalten, zu der dann allerdings in noch höherem Grade die Bedürfnisse und Einflüsse des modernen Staatslebens mitwirkten. In seinen Untersuchungen (Discorsi) über die erste Dekade des Titus Livius leitete er aus der Geschichte seiner antiken Landsleute die Gesetze der Erhaltung der Staaten ab, während sein Principe dem zerrütteten Staate, den er in dem augenblicklichen Zustande seines Vaterlandes vor Augen hatte, die nach seiner Ansicht unumgänglichen Grundsätze seiner Wiederaufrichtung vorhielt. Seine Geschichtsauffassung ist durchaus naturalistisch. Die Geschichte erscheint ihm als ein beständiger Kreislauf von Ordnung, Kraft, Müßiggang, Unordnung, Zerrüttung, und aus dieser wieder Rückkehr zu Kraft und Ordnung. Erhalten wird ein Staat durch die gleichen Eigenschaften, die ihn gegründet haben. Deshalb fordert er für sein Italien die Wiedergeburt der antiken Kraft und Größe; zu diesem Zweck verlangt er, in Konsequenz des von Dante (S. 269) Begonnenen, in bewußtem und schärfstem Gegensatz zu dem mittelalterlichen Staatsideal, völlige Trennung von Staat und Kirche; denn in der römischen Kirche und dem Papsttum sieht er das schlimmste Hindernis des von ihm ersehnten unabhängigen italienischen Nationalstaates. So hat auch der verrufene Macchiavelli sein Ideal. Freilich, um es zu verwirklichen, erscheint ihm jedes Mittel recht. In der Politik soll man nicht fragen: Was ist gut oder schlecht?, sondern: Was ist nützlich oder schädlich? Es gibt in ihr nur eine Tugend: die Tatkraft (virtù). Wer sich der Moral nicht entschlagen kann, soll als Privatmann leben. Das Gute tun die Menschen nur aus Zwang. Hunger und Armut machen sie betriebsam, die Gesetze gut. Die christliche Moral dagegen - so sagt der Mann der Renaissance, Nietzsche vorausnehmend - hat mit ihrem Preis der Demut, der Selbstüberwindung und der Kraft im Leiden die Menschen schwach gemacht. Am verhaßtesten sind ihm diejenigen, welche weder zum Guten noch zum Bösen Energie zeigen. Den geistigen Gehalt der Religion verkennt dieser reine Machtpolitiker gänzlich, er schätzt sie nur aus politischen Gründen. Ebensowenig hat er ein Auge für die in der Stille wirkenden wirtschaftlichen Kräfte. Die Politik geht ihm ausschließlich in Intrigenspiel und Machtkampf auf.

Macchiavelli ist einseitig und kalt, aber scharf und klar. Mit der bloßen moralischen Verurteilung, zu welcher die »macchiavellistischen« Grundsätze seines Principe allerdings herausfordern, ist es nicht getan. Friedrich der Große, der eine solche in seiner Jugendschrift Anti-Macchiavell gab, hat sich als Herrscher nicht selten zu »macchiavellistischen« Handlungen genötigt gesehen.


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