III. Die Methode der Induktion oder Lehre von den Instanzen (Fällen).


Die wahre Methode macht es nicht wie die Spinnen, die alles aus sich heraus spinnen (die dogmatischen Metaphysiker), oder wie die Ameisen, die bloß Stoff sammeln (die reinen Empiriker), sondern sucht ihn durch eigene Kraft zu verarbeiten, wie die Bienen. Sie steigt von den einzelnen Erfahrungen stetig und allmählich zu allgemeineren Sätzen auf. Sie darf sich jedoch nicht damit begnügen, bloß die positiven Fälle (instantiae) der betreffenden Erscheinung aufzuzählen und so eine tabula praesentiae (Tafel vorhandener Eigenschaften) hinzustellen, sondern sie muß auch eine Tafel der negativen Instanzen, d.h. derjenigen Fälle, in denen die Erscheinung nicht auftritt (tabula absentiae), aufstellen; was Baco sehr umständlich an dem Begriff der Wärme zeigt, wo 28 bejahenden Fällen, d.h. warmen Dingen, wie Sonnenstrahlen, Vitriolöl und Pferdemist, 32 verneinende Fälle wie Mondstrahlen, kalte Blitze und Nordwinde gegenübergestellt werden. Zu diesen zwei Tafeln muß als dritte hinzukommen die der Vergleichungen oder Grade, das will sagender Fälle, wo das Mehr oder Minder des einen Faktors (z.B. des Lichtes) auch ein Mehr oder Minder des anderen (z.B. der Wärme) hervorbringt. Dann ist eine »erste Weinlese« zu halten; es sind nämlich die Fälle auszuscheiden, die nicht zum »Wesen« oder der »Form« des behandelten Gegenstandes gehören, und aus diesen wieder durch eine zweite Auslese die vornehmsten Fälle, die sog. prärogativen Instanzen, zu gewinnen, welche die wahren Eigenschaften des gesuchten Begriffs schnell erraten lassen, die übrigens von Baco in nicht weniger als 27 (!) ausführlich behandelte Arten, von den »isolierten« bis zu den »magischen« Eigenschaften, zerlegt werden. So erhält man schließlich die »Form« des betreffenden Dinges und seine Definition. Die »Form« oder das »Wesen« der Wärme z.B. besteht in dem, was sich überall findet, wo Wärme ist, nirgends, wo Wärme fehlt, was stärker oder schwächer vorhanden ist, je nachdem mehr oder weniger Wärme da ist. Als ihre Definition ergibt sich schließlich: eine schnelle Expansivbewegung aufwärts strebender kleinster Teilchen.

Trotz mancher geistvollen Anregungen und treffenden Bemerkungen im einzelnen, trotz der Hochschätzung des Experiments und der berechtigten Warnung vor vorschnellen Verallgemeinerungen bedeutet diese naturwissenschaftliche Methode des Novum Organum als Ganzes doch einen entschiedenen Rückschritt hinter Galilei, der eben zu jener Zeit die Naturwissenschaft von ihren metaphysischen Fesseln löste. Bacos Ziel bleibt, wie er ausdrücklich erklärt: die »Form« oder das »Wesen« der Dinge, ihre »wirkende Natur« (natura naturans), ihren »Ursprungsquell« (fons emanationis) zu entdecken. Wohl setzt er gelegentlich diese »Form« auch mit dem »Gesetze« gleich, aber es ist nicht das Gesetz in dem Sinne, wie es die mathematische Naturwissenschaft versteht, sondern im Grunde nur die an die Scholastik erinnernde Substantialisierung der Eigenschaften zu einer höheren Eigenschaft oder Wesenheit. Er kennt eben nichts als »Dinge« und ihre »Eigenschaften«. Einzeltatsachen und beobachtungen werden zusammengetragen und aufgezählt, um sodann ihre Erklärung zu beginnen. Mathematik und Logik sind ihm nur die Mägde der Naturwissenschaft. Auf den Syllogismus sieht er - nach den scholastischen Spitzfindigkeiten allerdings erklärlich - mit Verachtung herab. Er sieht nicht, dass Induktion ohne Deduktion unmöglich ist. Es fehlt die bei Galilei schon vorhandene Kritik der Sinneswahrnehmungen, ebenso wie die Einsicht darein, dass die Mathematik das einzige Objektivierungsmittel der Natur darstellt. Die Physik ist ihm demgemäß denn auch gut genug für das bloß Stoffliche in der Natur; das »in höherem Grade Feststehende und Abstrakte«, das »Konstante« in der Natur zu finden, wird der Metaphysik, als der trefflichsten aller Wissenschaften, überlassen. So vermag der »Erneuerer der Wissenschaften«, trotz aller äußerlichen Bekämpfung des Aristoteles und der Scholastik, doch aus deren Gleisen nicht recht herauszukommen. Er nimmt eine Zwitterstellung ein zwischen der alten Metaphysik und der modernen Naturwissenschaft.


 © textlog.de 2004 • 05.12.2022 05:41:54 •
Seite zuletzt aktualisiert: 31.10.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright