3. Nicolaus von Kues


Zeitlich und sachlich gehört in diesen Zusammenhang auch die merkwürdige Gestalt des Nicolaus Cusanus (1401-1464). Denn Nicolaus Chrypffs oder Krebs, der deutsche Winzerssohn aus dem Dorfe Kues an der Mosel, der 1448 zur römischen Kardinalswürde aufstieg, steht auf der Grenze zweier Zeitalter: des Mittelalters und der Neuzeit, und zweier Gebiete: der Theologie und der Philosophie; sodass man ihn fast ebensogut dem einen wie dem anderen zuzählen kann. Er faßt mehrere Richtungen des ausgehenden Mittelalters, wie den Nominalismus und die Mystik, in seiner Person zusammen, aber er ist auch schon berührt von dem Humanismus der Renaissance. Er verkehrt mit dem Erbauer der Florentiner Domkuppel, Brunelleschi; sein Lehrer in der Mathematik ist auch der des Columbus. So wendet er sich, obwohl stofflich noch an den mittelalterlichen Problemen haftend, doch bereits neuen Fragestellungen zu. Er zeigt Interesse nicht nur für die Alten, besonders für Plato, die Pythagoreer und Neuplatoniker, sondern auch für Mathematik und Naturwissenschaft, lehrt die Kugelgestalt und Achsendrehung der Erde schon vor Kopernikus, läßt die erste Karte von Deutschland in Kupfer stechen, macht Vorschläge für methodische Experimente und empfiehlt überhaupt das Lesen in dem großen Buche der Natur, das Gott vor uns aufgeschlagen habe.

Philosophisch bedeutsam ist vor allem seine Theorie des Erkennens. Er nimmt vier Stufen desselben an: 1. den nur verworrene Bilder liefernden Sinn, 2. den sondernden Verstand (ratio), 3. die spekulative Vernunft (intellectus) und zuhöchst 4. die mystische Anschauung, die in der Vereinigung der Seele mit Gott besteht. Jede Stufe ist in der nachfolgenden enthalten, aber alle vier sind nur Gestaltungen einer und derselben Grundkraft. Das Erkennen besteht in der Verähnlichung des erkennenden Subjekts und seines Gegenstandes, ist also ein geistiges Messen. Doch all unser Wissen ist nur ein Vermuten. Der Mensch muß sich bewußt werden, dass er Gott oder das Unendliche nie ganz erfassen kann, wenn er sich auch ihm beständig anzunähern vermag: das ist der Zustand des »bewußten Nichtwissens«, der Docta ignorantia, wie der Titel seiner Hauptschrift lautet. In Gott lösen sich alle Gegensätze in Einheit auf (coincidentia oppositorum), in ihm sind alle Möglichkeiten verwirklicht (er ist das poss-est d.h. das »kann-ist«). Aber er stellt nicht bloß das alles umfassende und überragende Maximum, sondern auch das in allem seiende Minimum, dabei zugleich das absolute Können, Wissen und Wollen, die absolute Sittlichkeit dar. Und wenn nun auch der Theologe in Nicolaus die Geheimnisse der kirchlichen Dreieinigkeitslehre u. a., zum Teil in phantastischen Zahlenspekulationen, auszulegen sich bemüht, so zieht ihn doch sein philosophischer Geist zum Pantheismus hin. In Gott hängt ihm alles Seiende zusammen. Gottes Entfaltung, gewissermaßen sein Körper ist die Welt; und jedes Ding spiegelt an seiner Stelle das Universum wider. So ist auch der Mensch ein Spiegel des Alls, eine »kleine Welt« (parvus mundus, Mikrokosmus). Seine Vervollkommnung ist nur eine Entfaltung seiner ursprünglichen Anlagen, seine Liebe zu Gott = Einswerden mit Gott. Aber auch des Menschen Geist entspricht der absoluten.

Wirklichkeit, sein Sehen ist ein Nachbild des göttlichen, ohne seinen Intellekt gäbe es keine Werte auf der Welt. So wird das Negative schließlich zum Positiven, das »bewußte Nichtwissen« zur »unendlichen Erkenntnis«.

Es sind Gedanken, die uns in der Geschichte der Philosophie noch öfters, bis zu Schelling und Hegel hin, begegnen werden. Neben seinen theologischen Spekulationen hegt zudem dieser merkwürdige Kopf einzelne ganz moderne Gedanken, wenn auch zum Teil erst keimhaft, wie den der Individualität, der Entwicklung, der Widerspiegelung der Gegenstände im Bewußtsein, der religiösen Toleranz. Bei aller Verschiedenheit der Riten »gibt es nur eine Religion«, der er auch durch Wiederherstellung der Einheit mit der griechischen Kirche zu dienen suchte (Dialog De pace seu concordantia fidei). Er schätzt »unsere« Mathematik als Musterbild der Gewißheit, erörtert das Unendliche, den Grenzübergang, das spezifische Gewicht und erinnert, wie K. Lasswitz nachgewiesen hat, zuerst wieder an die Grundgedanken der Atomistik. So hat er in mehrfacher Hinsicht der Naturphilosophie des 16. Jahrhunderts, ja, wie Cassirer gezeigt hat, auch den Begründern der modernen Naturwissenschaft (Kepler und Galilei) und Mathematik (Descartes, Leibniz) vorgearbeitet.

Verwandt mit dem Kusaner ist der auch als Mathematiker bedeutende Franzose Charles Bouilié (Carolus Bovillus, um 1475-1553); vgl. über ihn Cassirer, S. 77 bis 85, 154 f.


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