2. Kritik der Religion


In Sachen der Religion ist Hume vorurteilsloser als Locke und namentlich als Berkeley. Zwar dünkt ihm das Dasein einer Gottheit aus dem Kunstwerk der Natur erwiesen, aber er vermischt religiöse Betrachtungen nicht mit den moralischen und tadelt sogar ausdrücklich die Berufung auf »gefährliche Folgen für Religion und Moral« in theoretischen Dingen. An drei Stellen hauptsächlich hat er seine Religionsphilosophie entwickelt: 1. Im 10. und 11. Abschnitt der Enquiry: Über die Wunder und Über eine besondere Vorsehung und ein künftiges Leben; 2. in seiner Naturgeschichte der Religion; 3. in den Dialogen über natürliche Religion.

Die sogenannten »Wunder« stellen eine Verletzung der Naturgesetze dar (vgl. S. 114); diesen aber - hier äußert sich Hume gar nicht skeptisch - liegt eine »feste und unveränderliche« Erscheinung zugrunde. Schon die Wahrscheinlichkeit (im wissenschaftlichen Sinne des Wortes) muß stets nach der Seite des weniger Unwahrscheinlichen den Ausschlag geben. Ja, die »allgemeine Erfahrung« liefert einen vollen Beweis gegen die Wunder, ganz abgesehen davon, dass zunächst einmal die Berichte und Zeugnisse über angebliche Wunder zu prüfen sind, welchen letzteren die Leidenschaft der Menschen für überraschende und erstaunliche Ereignisse entgegenkommt. Mindestens kann kein Wunder so sicher bewiesen werden, dass es zur Grundlage eines Religionssystems tauglich ist. »Unsere allerheiligste Religion stützt sich auf den Glauben und nicht auf - Vernunft, und es heißt sicherlich sie gefährden, wenn man sie auf eine Probe stellt, die sie in keinem Falle bestehen kann!« Das nämliche, wie von den Wundern, gilt von den Prophezeiungen.

In dem folgenden Abschnitt über »eine besondere Vorsehung und ein künftiges Leben« legt Hume die Verteidigung der beide Dogmen leugnenden Lehre Epikurs einem zu »skeptischen Paradoxen« geneigten »Freunde« in den Mund. Das Urteil über wahres Glück, über Tugenden und Laster sei unabhängig von diesem Glauben, und der Beweis Gottes aus der Ordnung der Natur beweist nichts für andere Dinge. Aber läßt ein unvollendetes Bauwerk, wie die Welt und das irdische Leben des Menschen, nicht auf einen vollkommeneren Plan schließen? Wohl bei dem Menschen, den wir aus Erfahrung kennen, nicht aber bei der Gottheit, die wir nicht stillschweigend nach menschlichen Regeln beurteilen dürfen. Den tatsächlich sittigenden und zügelnden Einfluß der religiösen »Vorurteile« auf die menschlichen Leidenschaften gibt Hume zum Schluß selbst zu; wer das Volk von denselben befreien wolle, möge daher ein guter »Logiker« sein, sei aber kein »guter Bürger und Politiker« Gleichwohl soll der Staat jede philosophische Lehre zulassen, denn die Lehren der Philosophen seien weder begeisternd noch für die Menge verlockend!

Von der systematischen Frage nach der vernunftmäßigen Begründung der Religion unterscheidet Hume mit Recht die historische nach ihrem geschichtlichen Ursprung, die er in seiner Naturgeschichte der Religion (1755) zu beantworten sucht. Er versucht namentlich zu zeigen, wie Religionen nicht »gemacht« werden, sondern mit Naturnotwendigkeit aus dem menschlichen Geiste entstehen. Hier wird zum erstenmal eine bloß aus psychologisch - kulturhistorischen Prinzipien entwickelte Naturgeschichte der religiösen Vorstellungen, vom primitivsten Glauben der Urvölker über den Polytheismus hinweg bis zu dessen allmählicher Umwandlung in den Monotheismus, gegeben: für den damaligen Stand des Wissens eine bedeutende Leistung.

Der philosophisch wichtigeren Frage nach der »Wahrheit« bzw. Begründung der Religion sind die nachgelassenen Dialoge über natürliche Religion gewidmet. Von den drei Personen, die in ihnen das Wort führen, ist Demea der Vertreter der Orthodoxie, Philo Skeptiker und Naturalist, Kleanthes rationalistischer Deist. Humes eigener Standpunkt ist nicht mit voller Deutlichkeit zu ersehen. Er schenkt zwar zum Schlüsse seine Zustimmung am meisten dem Kleanthes, aber er hat offenbar auch seine Freude an den skeptischen Einwänden Philos gegen die Außerweltlichkeit Gottes, die Vollkommenheit der Welt und den Schluß von den Teilen auf das Ganze. Auch Philo verwirft übrigens die »natürliche« Religion nicht schlechtweg, sondern hält sie nur nicht für wissenschaftlich begründbar. Der Streit zwischen Theisten und Atheisten, Skeptikern und Dogmatikern sei für die vernünftige Betrachtungsweise des Praktikers in der Regel ein bloßer Wortstreit. Jedenfalls hat Hume die positiven Volksreligionen, die er einmal den »Träumen eines Fieberkranken« vergleicht, ziemlich gering geschätzt, obgleich er die persönlichen Folgerungen daraus nicht zog, sondern aus Opportunismus die Kirche besuchte. Doch trat er für unbedingte Duldung, auch Skeptikern und Atheisten gegenüber, ein. Die natürliche Rechtschaffenheit scheint ihm stärker und beständiger zu wirken als alle religiösen Beweggründe.

Auch die nachgelassenen kleinen Abhandlungen Über den Selbstmord und Die Unsterblichkeit der Seele sind in durchaus freiem bezw. skeptischem Geiste gehalten. Konnte doch auch für eine Fortdauer der Einzelseele nach dem Tode der Mann kaum eintreten, der in seiner Erkenntnislehre die Seele als ein bloßes Bündel von Vorstellungen bezeichnet und bereits als 27 jähriger in seinem Treatise jede Art des Substanzbegriffs entschieden bekämpft hatte.

Hume bildet den Gipfel der englischen Philosophie des 18. Jahrhunderts, die Vollendung von Baco, Locke und Berkeley. Er ist der letzte große Philosoph Englands gewesen, falls man nicht den Entwicklungsphilosophen des 19. Jahrhunderts (Spencer) als solchen ansehen will.


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