Seele

 

 Ganz eigene Wege hat dagegen Fichte (1762 -1814) mit seinem moralischen Idealismus eingeschlagen. Für ihn besteht das Wirkliche lediglich im Ich, das er sich anfangs mehr individualistisch als Einzelobjekt, dann mehr pantheistisch als das All denkt, und in den sittlichen Tathandlungen dieses Ichs. Da er die Wirklichkeit der Außenwelt ableugnet und diese nur für eine Setzung des Ichs um eines bestimmte Stufen in sich einschließenden Systems moralischer Zwecke willen ansieht, so ist für ihn die Welt das tätige Ich. Eine Seele, in Beziehung auf einen Leib gesetzt, ist daher ein Begriff, der in seine Philosophie nicht hineinpaßt. Das theoretische wie das praktische Ich, das Selbstbewußtsein im Erkennen und Handeln, die Seele, bleibt außer Beziehung zu einem Wirklichen, abgesehen von sich selbst, und läßt nur Selbstbeschränkung zu. Die Seele ist ihm daher ein sich selbst um moralischer Zwecke willen Schranken im Erkennen und Handeln setzendes, seiner selbstbewußtes Ich, dessen Funktionen ein System von Handlungen bilden, deren jede an ihre Stelle von den übrigen gefordert wird und ihrerseits die übrigen voraussetzt. In dem neueren Idealismus scheiden sich also die Wege Hegels, Leibniz' und seiner Nachfolger und Fichte's; mit einem sicheren Ergebnis schließt die idealistische Philosophie ihre Lehre vom Wesen der Seele nicht ab, und wie Kant scharfsinnig in der Kritik des psychologischen Paralogismus gezeigt hat, überschreitet der Idealismus mit seiner Annahme einer einfachen Seelensubstanz die Erfahrung.

 Die vom Standpunkt der Philosophie des Absoluten aufgestellte moderne Seelenlehre hat zu ihrem Urheber Spinoza (1632-1677), der nur eine Substanz, Gott oder die Natur (deus sive natura) annimmt und Denken und Ausdehnung zu Attributen dieser Substanz macht, denen zwei Reihen von einzelnen Zuständen oder Affektionen der Substanz (Modi) entsprechen. Alles Einzelne ist nur Modus; der Mensch ist Modus, der menschliche Körper ist Modus, und die menschliche Seele (mens) ist nichts anderes als die Idee dieses Körpers. In jedem einzelnen Momente ist die Seele nur die Idee eines einzelnen Körperzustandes. Hierin besteht die Verbindung zwischen Seele und Körper. Das Verhältnis der Seele zum Leibe ist nicht das eines gegenseitigen Einflusses und auch nicht das eines beständig vermittelnden Eingreifens Gottes (s. Occasionalismus); es erklärt sich vielmehr daraus, daß Denken und Ausdehnung gleichmäßig Attribute Gottes sind, und daß die Reihe der Modi der Ausdehnung parallel verläuft der Reihe der Modi des Denkens, daß jedem Modus der Ausdehnung ein Modus des Denkens entspricht und umgekehrt, zwischen beiden Reihen also ein vollständiger Parallelismus besteht (Ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio rerum. Eth. II, Prop. 7, vgl. Parallelismus). Andrerseits ist die Seele und der Körper, wie alle Modi auch in der Substanz, und sie sind also ein Teil des unendlichen göttlichen Intellekts. In Gott ist eine Idee, welche das Wesen des einzelnen menschlichen Körpers unter der Form der Ewigkeit ausdrückt (sub specie aeternitatis). Die menschliche Seele geht daher nicht zugrunde, sondern es bleibt etwas Ewiges von ihr zurück. An Spinozas Ideen hat Schelling (1775-1854) wieder angeknüpft; er hat aber auch aus der Platonischen Philosophie den Begriff einer Weltseele aufgenommen, um ein gemeinschaftliches Prinzip für die anorganische und organische Natur zu finden. Er sieht das Wesen dieser Seele in der Duplizität und Polarität aller Erscheinungen und findet diese im Lichte, in der Wärme, der Elektrizität, im Magnetismus, in der Irritabilität, Sensibilität und der Produktionskraft der tierischen Organismen usw. Das starre Sein der Dinge in Gott bei Spinoza löst sich bei ihm also in Entwicklung und Stufenfolge in Natur und Dasein auf. Die Einzelseele denkt sich Schelling zugleich als unendliches und endliches Erkennen. Sofern sie unendliches Erkennen ist, steht sie über dem Leibe, insofern sie endliches Erkennen ist, ist sie der Leib selbst. Die Einheit beider ist das Ich. Das endliche Erkennen ist Empfindung, Bewußtsein, Anschauung, das unendliche Begriff, Urteil, Schluß und zuletzt Vernunfterkenntnis, die alles in seinem Wesen unter der Form der Absoluten begreift. - An Leibniz und Spinoza zugleich haben angeknüpft Fechner (1801-1887) und Lotze (1817-1881), indem sie mit einem idealistischen einen pantheistischen Grundzug verbinden.

 Nach Fechner steht Gott und Welt in derselben Beziehung und Zusammengehörigkeit wie Leib und Seele. Die Seele verknüpft die Mannigfaltigkeit der Tätigkeiten und Zustände in der Einheit des Bewußtseins und ebenso verknüpft Gott alles einzelne Sein und Geschehen der Welt. Die Natur ist der Leib des göttlichen Geistes, der unserem Geiste gleicht, nur weiter und höher ist als der unsrige. Seelen haben nicht nur die Menschen und die Tiere, sondern auch die Pflanzen und die Himmelskörper. Im übrigen hat Fechner ein exaktes Wissen über das Verhältnis von Leib und Seele in seiner Psychophysik (s. d. und psychophysisches Gesetz) angestrebt und Maßgrößen für psychische Zustände zu entdecken gesucht. - Für Lotze heißt Sein: in Beziehungen Stehn, und in Beziehungen Stehn: Wirkungen Austauschen. Dieses Sein ist aber nur erklärlich unter Voraussetzung einer unendlichen Substanz, deren Zustände oder Modi die Einzeldinge sind; und diese Substanz empfängt erst Inhalt aus der Religionsphilosophie durch die Begriffe der unendlichen Persönlichkeit Gottes und eines höchsten Gutes. Den wirklichen Dingen kommt insgesamt, indem sie Zustände eines solchen Wesens sind, Bewußtsein zu; alle Wesen sind also beseelt und geistig.

 Auch Wundt (geb. 1832) schließt sich, beide kritisch berichtigend, in seiner metaphysischen Hypothese über das Wesen der Seele zugleich an Leibniz und Spinoza an. Und die Wundtsche Hypothese, die der sorgfältigsten empirischen psychologischen Untersuchung zur Krönung dient, kann als die reifste und ansprechendste Ansicht der Philosophie über das Wesen der Seele gelten. Er erkennt den Vorrang der inneren Erfahrung vor der äußeren an. Die innere Erfahrung besitzt für uns unmittelbare Realität, während die Objekte der äußeren Erfahrung nur mittelbar gegeben sind. Dies Verhältnis, das dem Idealismus den Sieg über andere Weltanschauungen verleiht, entbindet aber nach Wundts Auffassung nicht von der Pflicht, die Realität der Außenwelt anzuerkennen, sondern nötigt vielmehr zu einer kritischen Sonderung derjenigen Bestandteile objektiver Erkenntnis, welche in den Erkenntnisfunktionen des Subjekts ihre Quelle haben, von denen, die als objektiv gegebene vorauszusetzen sind. Darum ist der allein berechtigte kritische Idealismus der Idealrealismus, der das Verhältnis der idealen Prinzipien zu der objektiven Realität aufsucht und nachweist, wie weit die idealen Prinzipien sich in der objektiven Realität wiederfinden. Bei dieser Untersuchung ergibt sich, daß die innere Erfahrung einen Kausalzusammenhang bildet, der eine Entwicklung in sich einschließt. Eine nach synthetischer Methode dargestellte psychische Entwicklungsgeschichte ist das Ziel, auf das die Untersuchung hinweist, und als das Grundphänomen, das der Entwicklung zugrunde gelegt werden muß, ergibt sich der Trieb, der Empfindung und Willen in ursprünglicher Verbindung in sich einschließt. Ferner zeigt sich, daß die physische Entwicklung die Wirkung der psychischen ist, nicht umgekehrt die psychische die der physischen. Der aus der kritisch berichtigten äußeren Erfahrung gewonnene Substanzbegriff muß also zur Erklärung des Seelenlebens so erweitert werden, daß er zugleich die psychischen Lebensäußerungen der komplizierten Substanzkomplexe der organischen Welt in sich faßt, und alle organische Entwicklung muß als ein psycho- physischer Vorgang, die bewegte Substanz zugleich als Trägerin des psychischen Elementarphänomens angesehen werden. Dies führt schließlich, indem die Vorbedingungen zu den Lebensäußerungen der organischen Substanzen in dem einfachen Vorgange der leblosen Natur gesucht werden müssen, zu einer Weltansicht, die jede Bewegung als eine Triebäußerung betrachtet, dem Atom Triebanlage zuschreibt und als die allverbreiteten Zustände aller Substanz, auch der leblosen, bewußtlose unverbundene Triebelemente ansetzt, während sie für die komplizierteren organischen Verbindungen komplizierte psychische Verbindungen und Nachwirkungen vorangegangener Zustände, die sich mit neuen verbinden und durch die eine Kontinuität der inneren Zustände und der äußeren Bewegung entsteht, annehmen muß. »Nach seiner physischen wie nach seiner psychischen Seite ist der lebende Körper eine Einheit. Diese Einheit beruht aber nicht auf der Einfachheit, sondern im Gegenteil auf der sehr zusammengesetzten Beschaffenheit seiner Substanz. Das Bewußtsein mit seinen mannigfaltigen und doch in durchgängiger Verbindung stehenden Zuständen ist für unsere innere Auffassung eine ähnliche Einheit, wie für die äußere der leibliche Organismus, und die durchgängige Wechselbeziehung zwischen Physischem und Psychischem führt zu der Annahme, daß, was wir Seele nennen, das innere Sein der nämlichen Einheit ist, die wir äußerlich als den zu ihr gehörigen Leib anschauen. Diese Auffassung des Problems der Wechselbeziehung führt aber weiterhin unvermeidlich zu der Voraussetzung, daß das geistige Sein die Wirklichkeit der Dinge, und daß die wesentlichste Eigenschaft derselben die Entwicklung ist. Das menschliche Bewußtsein ist für uns die Spitze dieser Entwicklung; es bildet den Knotenpunkt im Naturlauf, in welchem die Welt sich auf sich selber besinnt. Nicht als einfaches Sein, sondern als das entwickelte Erzeugnis zahlloser Elemente ist so die menschliche Seele, was Leibniz sie nannte, ein Spiegel der Welt.« (Grundzüge d. physiol. Psychol. Leipz. 1887. Bd. II, S. 553f.)

 So schließt die Lehre vom Wesen der Seele mit einer keineswegs allgemein anerkannten, aber für denjenigen besonders ansprechenden Hypothese ab, der als die Methode der Philosophie die empiristische und als den letzten metaphysischen Gewinn der Philosophie einen kritisch berichtigten Idealismus fordert. Kant, der dem Schein einer rationalen Psychologie ein Ende gemacht hat, hat doch bei seiner Scheu vor allen metaphysischen Hypothesen zur Erklärung des Wesens der Seele positiv nichts beigetragen, sondern in seiner Anthropologie nur viele ansprechende Beobachtungen gesammelt und die Arbeit der modernen Psychologie überlassen.

 



Quelle: www.textlog.de

 © textlog.de 2004 •
Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright   A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  Y  Z