Spiritismus

Spiritismus (nlt. von lat. spiritus = Hauch) nennt sich der Glaube an den Verkehr des lebenden Menschen mit der Geisterwelt der Verstorbenen, welcher sich seit 1848 von Amerika über England nach Europa verbreitet hat und viele Anhänger (fünf Millionen) zählt. Er will Philosophie, Weltreligion, ja Transzendentalphysik sein, ist aber nur Aberglaube. Seine Vertreter, A. J. Davis, A. Kardec, Güldenstubbe, Zöllner u.a., behaupten, der Mensch bestehe aus Körper, Tierseele und einem göttlichen Geiste, welcher sich durch stetes Fortschreiten und mehrfache Verkörperung (Metempsychose oder Reïnkarnation) vervollkommne. Der Tod sei die Wiedergeburt des Geistes; eine Hölle gebe es nicht, sondern jeder von uns setze sogleich nach dem Tode das Leben, an welchem er hier Befriedigung gefunden habe, fort. Die Geister wohnen in Palästen mit allem Komfort, fahren mit der Post, Eisenbahn usw., besuchen Gesellschaften, Theater, Konzerte u. dgl. oder spiritistische Cercles, um sich dort zu amüsieren. Je nach dem Stern, auf dem sie gerade hausen, haben sie eine andere Aufgabe. Jeder Mensch hat seinen Schutzgeist. Vermöge ihres geistigen Fluidums durchdringen die »spirits« jede Materie, ja sie können selbst materielle Körper in geschlossene Räume mit hineinbringen, indem sie diese in ihre Urzellen zerteilen und dann zusammensetzen! Andrerseits können sie selbst sichtbar, fühlbar, wägbar werden. Manche Menschen sind besonders befähigt, mit ihnen zu verkehren, die Medien; es gibt sehende, sprechende, zeichnende, schreibende Medien, deren Fähigkeit angeboren oder angelernt ist. Nur durch sie manifestieren sich die Geister bald körperlich, bald geistig. Es gibt übrigens gute und schlechte, kluge und dumme, reine und unreine, höhere und niedere Geister, welche sich offenbaren; das richtet sich ganz nach dem Medium. Alle diese Behauptungen sollen nun nicht Sache des Glaubens, sondern der exaktesten Forschung sein. Denn Tausende der verschiedensten Phänomene hätten sie bewiesen. Die Geister hätten sich durch Klopfen, Musizieren, chemische Veränderungen, körperliche Erscheinungen bekundet; sie hätten durch Sprechen und Schreiben sich mitgeteilt, ja selbst Photographien und plastische Abdrücke wären von ihnen genommen worden. Dem Spiritismus reiht sich in neuester Zeit würdig das Gesundbeten an.

 Der Spiritismus und was ihm verwandt ist, ist eine der geistigen Epidemien, wie sie von Zeit zu Zeit auftreten. Betrug und Leichtgläubigkeit, Denkfehler und Abhängigkeit vom Gefühl haben hierbei physiologische und psychologische Vorgänge, welche auf noch zum Teil unbekannten Gesetzen beruhen, falsch gedeutet. Sinnestäuschungen, psychische Defekte und geistige Beschränktheit wirkten mit, die Taschenspielereien der Medien für Wunder zu halten. Dazu kam der Reiz, den alles Geheimnisvolle hat, und das Interesse, etwas über das Jenseits zu erfahren. Der Nährboden für den Spiritismus ist vor allem in den Salons zu suchen. Verteidigungsschriften sind: Davis, Prinzipien d. Nat. 1847. Zöllner, Wissenschaftliche Abhandlungen. 1878. Crookes, der Spiritismus und die Wissenschaft. 1872. Polemische Schriften sind: Th. Fechner, die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht. 1879. W. Schneider, der neue Geisterglaube. 1882. F. Schultze, der Spiritismus. 1883. F. Kirchner, der Spiritismus, die Narrheit unseres Zeitalters. 1883.


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