Seele

 

Seele (gr. psychê = Hauch, Lebenskraft, Seele; lat. anima; hebr. Nephesch) bezeichnet bei Homer das Leben der einzelnen Person und auch das Lebensprinzip des Menschen. Homer denkt sich die Psyche als eine Substanz, die im Körper wohnt, ihn beim Tode verläßt und nach dem Tode als Schattenbild im Hades fortbesteht. Dort hat sie kein Bewußtsein (phrenes und thymos) mehr; doch kann sie dies durch Bluttrinken zurückerlangen. Nachdem der Begriff der Psyche als des Lebensprinzips im einzelnen Menschen durch die homerische Dichtung gegeben war, hat sich die Fortentwicklung und Erweiterung des Begriffs innerhalb der griechischen Gedankenwelt und dann weiter in der Philosophie des Mittelalters und der Neuzeit vollzogen, und da die Frage nach dem Wesen der Seele eine metaphysische ist, so spiegelt sich auch in den Wandlungen dieses Begriffs die Geschichte und das Schicksal der Metaphysik ab. Das Problem vom Wesen der Seele ist bis heute noch nicht endgültig gelöst, aber auch nicht fallen gelassen. Der Skeptiker und Positivist hat das Problem gemieden, der Kritizist hat die Schwierigkeiten, die die Lösung des Problems bereitet, gekennzeichnet und die Grenzen unseres Wissens vom Wesen der Seele beleuchtet, der Metaphysiker hat die Lösung in Angriff genommen und sich mit dem Glauben und den einzelnen Religionen auseinandergesetzt. Der Empirist hat die Einzeltatsachen des Seelenlebens durch Beobachtung und Experiment zu erfassen, Gesetze des Seelenlebens zu gewinnen und in letzten Hypothesen die Lehre abzuschließen versucht. Der Rationalist ist von Dogmen über das Wesen der Seele ausgegangen und hat sich bemüht, durch Schlüsse und Folgerungen mit den Dogmen die Einzeltatsachen in Einklang zu setzen. Der Dualist hat die Seele scharf vom Körper als unkörperliches Wesen abzuscheiden versucht, der Monist hat Körper und Geist in Einklang bringen zu können gemeint. Unter den Monisten bat sich der Realist die Seele als materielle, oder auch als eine der Materie ähnliche feinere Substanz oder als Funktion einer solchen Substanz gedacht, der Idealist (Spiritualist) sah in ihr ein die eigentliche Wirklichkeit darstellendes, geistiges Wesen, der Identitätsphilosoph, Pantheist oder Idealrealist betrachtete sie als eine Seite des über der Scheidung von Körper und Geist stehenden Göttlichen und Absoluten. Der eine Teil der Metaphysiker dachte sie sich als substanziell, der andere als aktuell, der eine als eine bleibende Einheit, der andere als eine fortschreitende Entwicklung. Mehrfach ist auch der Begriff der Einzelseele zum Begriff einer Weltseele erweitert worden. So ist von einer einheitlichen Erfassung des Begriffs der Seele nicht zu reden, und eine allgemein anerkannte Definition von der Seele zur Zeit noch nicht vorhanden; aber resultatlos ist die philosophische Forschung trotzdem nicht geblieben.

 Ausgegangen ist man bei den Versuchen, das Wesen der Seele zu erfassen, von der Bewegungsfähigkeit und von der Bewußtseinstätigkeit der beseelten Wesen, im besonderen der Empfindung, der sinnlichen Wahrnehmung, dem Denken und dem Wollen, oder auch, indem der Begriff weiter gefaßt und vom Menschen und Tiere auch auf die Pflanzen übertragen wurde, von der Ernährungs- und Erhaltungsfähigkeit organischer Wesen.

 Die Seele wurde, weil beseelte Wesen Bewegungsfähigkeit zeigen, als das Bewegende, oder auch weil, man annahm, daß das Bewegende nur ein Bewegtes sein könne, zugleich als Bewegtes und Bewegendes, und zwar entweder als ein sich selbst oder als ein den Körper oder als ein beide zugleich Bewegendes angesehen. So scheint schon Thales (um 600 v. Chr.) in der Seele ein Bewegendes gesehen zu haben (eoike de kai Thalês, ex hôn apomnêmoneuousi, kinêtikon ti tên psychên hypolabein Arist, de anima 1 p. 406 a 19). Nicht anders lehrte Anaxagoras (500-428) ('Anaxagoras psychên einai legei tên kinousan Arist, de an. 1, 2 p. 405 a 25). Herakleitos (um 500 v. Chr.) sah in ihr ein immer Bewegtes. (Arist, de an. I, 2 p. 404a.) Die Pythagoreer dagegen dachten sie sich als eine sich selbst bewegende Zahl (Pythagoras [ apephênato tên psychên] arithmon hauton kinounta Stob. Ecl. I, 41, 794; auch Aristot. sagt, ohne die Pythagoreer zu nennen: epei de kai kinêtikon edokei hê psychê einai kai gnôristikon, outôs enioi syneplexan ex amphoin, apophênamenoi tên psychên arithmon kinounth' heauton Arist, de an. I, 2 p. 404b 27).

 Leukippos (5. Jahr. v. Chr.) und Demokritos (um 460-360) dachten sich die Seele als ein Bewegtes und anderes Bewegendes (kinein ta loipa kinoumenon kai auta, hypolambanontes tên psychên einai to parechon tois zôois tên kinêsin Aristot. de an. I, 2, p. 404a. 7).

 Platon (427-347) endlich sieht in der Seele ein immer Bewegtes und sich selbst und anderes Bewegendes (psychê pasa athanatos. to gar aeikinêton athanaton. to de allo kinoun kai hyp' allou kinoumenon paulan echon kinêseôs, paulan echei zôês. monon dê to hauto kinoun, hate ouk apoleipôn heauto, oupote lêgei kinoumenon alla kai tois allois, hosa kineitai, touto pêgê kai archê kinêseôs. archê de agenêton. Phaedr. 24, p. 245 c. hô dê psychê tounoma, tis toutou logos; echomen allon plên ton nyn dê rhêthenta tên dynamenên autên hautên kinein kinêsin; Platon, de leg. 10,7, p. 896 A.)

 


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