Seele

 

 Die christliche Philosophie des Mittelalters neigt zu Anfang einer materialistischen Auffassung vom Wesen der Seele zu, sieht die Seele aber trotzdem für unsterblich an; in ihrem weiteren Verlauf stellt sie sich auf idealistischen (spiritualistischen) Standpunkte, und erneuert im wesentlichen die Lehre des Aristoteles. Tertullianus (• 20 v. Chr.) und Arnobius (• 327) erklärten die Seele für geschaffen, körperlich und unsterblich. Schon Augustinus (353-430) aber sah in ihr eine geistige, unkörperliche, einfache, unzerstörbare, vernunftbegabte und den Körper regierende Substanz, und seine Auffassung kehrt im wesentlichen bei Claudianus, Marestus, Cassiodorus, Hugo von St. Victor, Bernhard von Clairvaux u.a. wieder. Mehr oder weniger eng schlössen sich in der Bestimmung des Wesens der Seele an Aristoteles an: Averroes (1162-1198), Albertus Magnus (1193-1280), Thomas von Aquino (1225-1274), Duns Scotus (1265 [od. 74] bis 1308) u.a., die zum Teil die Definition des Aristoteles wörtlich übernahmen. Gefordert ist die Erkenntnis der Seele durch die Scholastik im wesentlichen nicht.

 Erst in der neueren Philosophie haben sich die Gegensätze in der Auffassung des Wesens der Seele scharf zugespitzt. Den Dualismus vertritt nur Descartes (1596 bis 1650). Er nimmt die Existenz von zwei Substanzen, Körper oder Ausdehnung und Geist oder Denken, an und scheidet dementsprechend Leib und Seele. Der menschliche Leib ist nur eine Maschine. Die Wärme des Herzens bewirkt den Blutumlauf; aus dem Blute scheiden sich als feinste und beweglichste Teile die Lebensgeister aus, die zur Zirbeldrüse und von dort in die Nerven gelangen und mit Hilfe der mit den Nerven verbundenen Muskeln die Körperbewegungen verursachen. Die Seele ist dagegen geistige Substanz, die von Gott geschaffen und mit dem Körper nur durch eine Einheit der Zusammensetzung (unio compositionis), nicht durch irgend welche Wesensgleichheit verbunden ist. Ihr Sitz ist die Zirbeldrüse, ihr einziger Einfluß auf den Körper besteht darin, eine Änderung in der Bewegung der Lebensgeister in der Zirbeldrüse hervorzurufen: Ihr ganzes Wesen ist Denken oder Bewußtseinstätigkeit. Nur die Menschen haben eine Seele, die Tiere sind nur seelenlose Maschinen. Dem Dualismus Descartes' ist es nicht gelungen, die Tatsache der Wechselwirkung zwischen Seele und Leib widerspruchslos und befriedigend zu lösen. (Vgl. Occasionalismus, Freiheit.) Den Materialismus, der das Körperliche für das Wirkliche, die Seele für körperlich oder wenigstens alles Psychische für eine Eigenschaft der körperlichen oder alle psychischen Vorgänge für körperliche Bewegungsprozesse oder deren Resultate ansieht, haben in der Neuzeit viele Philosophen und meist solche, die zugleich Naturforscher, Physiker, Ärzte waren, vertreten. Für Hobbes (1588-1679) war die Philosophie Körper- und Bewegungslehre. Alle Substanz erschien ihm daher als körperlich, alles Seiende als Körper, alles Geschehen als Körperbewegung. Auch die Seele erklärt er für körperlich; alle Erkenntnis erwächst aus den Empfindungen, und alle Empfindungen aus Bewegungen, aber auch alle Materie trägt die Anlage zu Empfindungen in sich. Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Diderot (1713-1784), nach dem die Empfindung eine wesentliche Eigenschaft der Materie ist. Noch strenger materialistisch hat Lamettrie (1709-1751) der Ansicht gehuldigt, daß der Mensch nur Körper, nur Maschine, daß alle psychischen Funktionen nur Resultate der körperlichen Organisation seien, daß alles Empfindende materiell sei. Die Seele hängt ganz und gar von den leiblichen Organen ab, entsteht, wächst, nimmt ab und stirbt mit ihnen. Ebenso erklärt Holbach (1723-1789) den Menschen für ein rein physisches Wesen. Die Seele ist ihm nur das Gehirn, alle Seelentätigkeiten sind ihm Gehirntätigkeiten und als solche nur Spezialfälle des Wirkens der allgemeinen Naturkräfte. Denken und Wollen ist Empfinden, und Empfinden Bewegung. Auch Priestley (1733-1804) sieht in dem Denken nur Nervenund Gehirntätigkeit, in den psychischen Vorgängen mechanische Vorgänge und erklärt die Entstehung aller komplizierteren Vorgänge aus den einfacheren durch Assoziation (s. d.). Nach Cabanis (1757-1808) sind ebenfalls alle Gedanken Absonderungen des Gehirns, das Bewußtsein ist die Eigenschaft der organischen Materie. Auch die deutschen Materialisten des 19. Jahrhunderts Vogt (1817-1895), Moleschott (1822-1893), Büchner (1824-1899) halten die Seelentätigkeiten lediglich für Funktionen des Gehirns, während du Bois-Reymond (1818 bis 1896) die Ohnmacht des Materialismus richtig erkannt und die Möglichkeit der Ableitung des Bewußtseins aus den physischen Vorgängen geleugnet hat und Albert Lange (1828-1875), der kritische Geschichtschreiber des Materialismus, mit Kant den Ausgangspunkt des Materialismus für verkehrt und die Materie für bloße Erscheinung erklärt hat. So endet also die materialistische Lehre vom Wesen der Seele mit ihrer kritischen Selbstaufhebung. Der inneren Erfahrung, nicht der äußeren kommt die Priorität zu.

 Von den auf idealistischem (spiritualistischem) Standpunkte stehenden Philosophen der Neuzeit, die von dem richtigen Gedanken ausgehen, daß die innere Erfahrung unmittelbare Gewißheit hat, hat Hegel (1770-1831) die Auffassung vom Wesen der Seele, wie sie Aristoteles hatte, erneuert. Ihm ist die Seele die ideelle und immaterielle Einheit des organischen Leibes, die Entelechie (s. d.) ihres Körpers. Als solche ist sie den körperlichen Affektionen unterworfen, ist klimatischen und meteorologischen Einflüssen ausgesetzt, bildet die Besonderheit der Erdteile als Rassenbestimmtheit in sich nach, hat individuelle Eigentümlichkeiten des Naturells, Temperaments und Charakters, wird vom Unterschied der Lebensalter, dem Gegensatz der Geschlechter, dem Wechsel von Schlaf und Wachen berührt, macht überhaupt Veränderung und Entwicklung durch. (Vgl. Zeller, Gesch. d. deutschen Philos. S. 651f.) Eine neue Prägung hat dagegen vom idealistischen Standpunkte aus dem Begriffe der Seele Leibniz (1646-1716) gegeben, an den sich fast alle anderen neueren Idealisten angeschlossen haben. - Nach Leibniz besteht die Wirklichkeit aus einer unendlichen Zahl unkörperlicher einfacher Einzelsubstanzen, deren inneres Wesen die Vorstellungskraft ist. Solche Wesen sind aber Seelen, und Leibniz nennt sie daher âmes oder, um ihrer Einheitlichkeit willen, Monaden. Nur Seelen machen daher bei Leibniz die Wirklichkeit aus. Darum denkt er sich alle Wesen als organisch und nimmt innerhalb der organischen Welt keinen Wesensunterschied, sondern nur Gradunterschiede in der Vorstellungskraft an. Die Seelen oder Monaden haben nur innere Zustände und spiegeln mit ihren mehr oder weniger klaren und deutlichen Vorstellungen das Universum ab. Fenster haben sie nicht, und von außen sind sie nicht beeinflußbar. Aber alle Monaden sind von dem Schöpfer durch die Grundunterschiede der Vorstellungskraft und die darauf beruhende geringere und größere Vollkommenheit in den Zustand einer ein- für allemal festgesetzten Harmonie (s. praestabilierte Harmonie) gebracht; jede ist in Rücksicht auf die andere geschaffen. Wenn in einer Monade so viel Vollkommenheit ist, als in anderen Unvollkommenheit, so bilden sie ein Aggregat von Monaden, und die erste ist eine Zentralmonas. Die sinnliche Vorstellung eines solchen Monadenaggregats faßt dieses als Körper. Die menschliche Seele im besondern ist eine solche Zentralmonas, die durch den Wechsel ihrer Vorstellungen auch in wechselnden Beziehungen zu ihrem Leibe steht und durch Abfluß und Zufluß der Teile Entwicklung, Evolution und Involution in sich einschließt. An Leibniz schließt sich Christian Wolf (1679-1764) an, dem die Seele eine einfache Substanz mit der Kraft, sich die Welt vorzustellen (vis repraesentativa universi) ist. Auch Herbart (1776-1841) folgt Leibniz, führt aber die Vorstellungskraft auf die Fähigkeit der Selbsterhaltung zurück. Die Seele ist ihm eine einfache Substanz, deren Selbsterhaltungen gegenüber störenden Einflüssen Vorstellungen sind.

 



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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