Seele

 

 Die Vorstellung, daß die Seele Bewegungsprinzip sei, schloß nicht die Ansicht aus, daß sie stofflich und körperhaft sei. Die älteren griechischen Philosophen haben vielmehr an eine stoffliche Existenzform der Seele geglaubt, und sie nacheinander bei den von der Philosophie angenommenen Elementen außer bei der Erde gesucht, (panta gar ta stoicheia kritên elabe plên tês gês Arist, de an. I, 2, p. 405 b 8.) So sah Hippon (5. Jahrhundert) die Seele für Wasser an (kai hydôr tines [tên psychên] apephênanto, kathaper Hippôn. Arist, de an. I, 2, p. 405 b 2). Kritias (403 v. Chr.) identifizierte die Seele mit dem Blute (heteroi d' haima [tên psychên apephênanto], kathaper Kritias Arist, de an. I, 2, p. 405 b 5). Anaximenes (um 530 v. Chr.) und Diogenes von Apollonia (5. Jahrhundert) hielten die Seele für Luft (hoion hê psychê, phêsin [sc. Anaximenes], hê hêmetera aêr ousa synkratei hêmas, kai holon ton kosmon pneuma kai aêr periechei Stob. Ecl. I, 12, 296. - Diogenês d' hôsper kai heteroi tines aera [eoike tên psychên hypolabein], touton oiêtheis pantôn leptomerestaton einai kai archên) Herakleitos (um 500 v. Chr.), der als den Stoff, an dem sich der Werdeprozeß abspielt, das Feuer ansah, hat sich die Seele als Feuer gedacht (Zeller, Phil. d. Gr. I, S. 479), auch Leukippos und Demokritos dachten sich die Seele als Feuer (Dêmokritos men pyr ti kai thermon phêsin autên [sc. tên psychên] einai. - homoiôs de kai Leukippos Arist. de an. I, 2, p. 403 b 31-404 a 5). Empedokles (um 490-430) ließ die Seele aus allen Elementen zusammengesetzt und jedes von ihnen im Menschen eine besondere Seele sein, die das Gleichartige außer sich erkennt. ('Empedoklês men ek tôn stoicheiôn pantôn, einai de hekaston psychên toutôn, legôn houtô: gaiê men gar gaian opôpamen, hydati d' hydôr, aitheri d'aithera dian, atar pyri pyr aidêlon. Arist, de an. I, 2, p. 404 b 11.) Die Atomisten ( Leukippos, Demokritos), die die Seele für Feuer ansahen, ließen sie zugleich mit dem Feuer aus runden Atomen bestehen apeirôn gar ontôn schêmatôn kai atomôn ta sphairoeidê pyr kai psychên legei [Dêmokritos. homoiôs de kai Leukippos] Arist. de an. I, 2, p. 404 a 1), identifizierten sie auch mit den Sonnenstäubchen, wie schon die Pythagoreer vorher getan hatten (Arist, de an. I, 3, p. 404 a 5-25). Die Lehre der Atomisten über die Seele hat später Epikuros (341-270) etwas modifiziert wieder aufgenommen.

 Gegenüber dieser materialistischen Auffassung taucht bei den Griechen die Lehre von der Unstofflichkeit der Seele auf. Diese Lehre tritt jedoch, klar geformt, erst in der nachsokratischen Philosophie hervor. Pythagoras (680 bis um 500) hatte wohl schon die Seele als die Harmonie des Leibes angesehen (Arist, de an. I, 4, p. 407-430), Herakleitos sie für das Unkörperlichste erklärt (kai asômatôtaton dê kai rheon aei Arist, de an. I, 2 p. 405 a 24), Anaxagoras (500-428) sie, wenn auch nicht mit der alles ordnenden göttlichen Vernunft identifiziert, so doch als dem nous für wesensgleich angesehen (Anaxagoras d' eoike men heteron legein psychên te kai noun - chrêtai d'amphoin hôs mia physei, plên archên ge ton noun tithetai malista pantôn; monon goun phêsin auton tôn ontôn haploun einai kai amigê te kai katharon. apodidôsi d'amphô tê autê archê, to te gignôskein kai to kinein, legôn noun kinêsai to pan Arist de an. I, 2 p. 405 a 13), aber erst bei Platon gewinnt die idealistische Auffassung der Seele eine umfassendere, wenn auch noch nicht widerspruchslose Formulierung. Platon, für den die eigentliche Wirklichkeit in den Ideen liegt, der aber der sinnlich wahrnehmbaren Welt doch noch eine gewisse Existenz läßt, indem er sie zwar für ein Nichtseiendes, zugleich aber auch für das Einzelne, Veränderliche und Schlechte ansieht, erweitert den Begriff der Einzelseele zu dem Begriff der Weltseele, Die Weltseele ist von Gott durch Mischung aus der unteilbaren und sich selbst gleichbleibenden Substanz der Ideenwelt und aus der teilbaren und veränderlichen Substanz der körperhaften Welt gebildet und in die Welt gepflanzt, um die Vernunft in das Weltganze zu bringen und dieses dadurch vollkommener zu machen. Sie ist die Kraft, die sich selbst und alles andere bewegt, ist durch das Weltganze verbreitet und wirkt in der Sphäre der Fixsterne und in der Sphäre der Planeten. Sie ist aber auch die Ursache aller Erkenntnis. Die Einzelseele des Menschen ist von der Weltseele abgeleitet, aber abgesehen davon, daß sie in Verbindung mit dem Körper steht, der Weltseele wesensgleich; auch sie ist das Prinzip der Bewegung und des Erkennens. Platon schreibt ihr drei Teile, das Begehrende (to epithymêtikon), das seinen Sitz im Unterleibe, das Mutartige (to thymoeides), das seinen Sitz in der Brust, und das Denkende (to logistikon), das seinen Sitz in dem Kopfe hat, zu und vertritt die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, indem er für sie sowohl eine Präexistenz, aus der gefolgert wird, daß das Wissen Erinnerung (anamnêsis) ist, als auch eine Postexistenz mit Wanderung durch verschiedene Leiber und Versetzung in den Fixsternhimmel annimmt (Platon: Timaeus, Phaedrus, Phaedon, Republik, Zeller, Philos. d. Gr. II, S. 490 bis 506,524-553). - Aristoteles (384-322), der zwischen dem Stoff (hylê), der die Möglichkeit oder Anlage (dynamis) ist, dem Wesen oder der Form (eidos, ousia, hê kata ton logon ousia, to ti ên einai) scheidet, die die Erfüllung, Vollendung, Betätigung (entelecheia, entelecheia hê prôtê, energeia) ist und bewegendes Prinzip und Zweck in sich einschließt, sieht in der Seele die Form des organischen Körpers. Die Seele ist ihm die erste Entelechie (erste Entelechie = betätigungsfähige Kraft, nicht Betätigung) eines natürlichen Körpers, der die Anlage zum Leben besitzt, oder was dasselbe ist, eines organischen Einzelwesens (psychê estin entelecheia hê prôtê sômatos physikou dynamei zôên echontos. toiouto de ho an ê organikon Arist, de an. II, I, p. 412a 27 ei dê ti koinon epi pasês psychês dei legein, eiê an entelecheia hê prôtê sômatos physikou organikou Arist, de an. II, 1, p. 412 b 4). Die Seele ist also stets mit einem lebensfähigen organischen Körper (Pflanze, Tier, Mensch) verbunden, sie ist Erfüllung, betätigungsfähige Kraft, aber nicht immer Betätigung selbst. Sie ist das Bewegungsprinzip, der Zweck und die Form des organischen Einzelwesens. Bei den Pflanzen, die eine Seele besitzen, ist die Seele das Ernährungsvermögen (to threptikon), die Tiere besitzen außer diesem noch das Vermögender Wahrnehmung (to aisthêtikon), welches Reproduktionsfähigkeit (phantasia), Gedächtnis (mnêmê) und Erinnerung (anamnêsis) in sich einschließt, das Lust und Unlust in sich einschließende Vermögen des Begehrens (to orektikon) und das der Ortsbewegung (to kinêtikon kata topon) und hierfür ein Zentralorgan, das Herz. Die menschliche Seele besitzt alle Vermögen der Pflanze und des Tieres; hierzu kommt die Vernunft (nous), die präexistent und göttlichen Ursprungs und insofern unsterblich ist, als sie ihre Kraft auf eine gegebene dynamis als formgebendes Prinzip (nous poiêtikos) ausübt. Die menschliche Seele vereinigt also die Kräfte der anderen Wesen in sich (hê psychê ta onta pôs esti panta) und ist eine kleine Welt (mikros kosmos) (Arist. Phys. VIII, 2 p. 252b 26). Aber sie hat auch ihren besonderen Vorzug vor den übrigen Wesen und schließt etwas Göttliches und Unvergängliches in sich ein. - Die Stoiker nahmen wie Platon eine Weltseele an und dachten sich diese, in der sie die Gottheit sahen, als einen alles durchdringenden Hauch (to pneuma, diêkon di' holou tou kosmou), als künstlich bildendes Feuer (to pyr technikon) und als Weltvernunft (ho en autê logos). In der Einzelseele des Menschen erblickten sie eine Abscheidung der Gottheit (apospasma tou theou) und schrieben ihr eine Fortdauer nach dem Tode, aber keine Unsterblichkeit zu. Die Seele schließt nach stoischer Auffassung die fünf Sinne, das Sprachvermögen, die Zeugungskraft und eine herrschende Kraft (hêgemonikon), die im Herzen wohnt und die das Vermögen der Vorstellung, Begehrung und der Vernunft besitzt, in sich ein.

 



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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