Stadtverordnete besuchen Gemeinderäte


Wenn 48 Sedlatscheks 24 Langerhänse führen, so ist das ein Ereignis. Die Langerhänse, einzelweis nationalliberal und wasserfarbig wie die Seele des Berliners, bei dem es eben nicht auf die Seele ankommt, sondern auf die Straßenreinigung, die Langerhänse also bieten den Vorteil, dass sie die Straßen reine machen, während hingegen wieder die Sedlatscheks mehr Gemüt haben und den Straßendreck vorziehen. Wenn die Fremden ankommen, so genügt eine Fahrt durch das Weichbild Wiens und sie werden sofort nach dem Steinhof geführt, wo sie sich beruhigen können, weil dort jene Wiener untergebracht sind, deren torkelndes und unartikuliertes Gehaben nicht mehr die Passage hindert. Dort ist Ordnung. Kaum dass sich aber die Fremden ein wenig akklimatisiert haben, zerrt man sie zurück in das Wiener Verkehrsieben und zeigt ihnen jenes Chaos, das dazu dient, den Wald- und Wiesengürtel auszufüllen. Wien hat bekanntlich die schönste Umgebung, aber die schönste Umgebung hat dafür bekanntlich auch Wien. Von der Terrasse des Kobenzl präsentiert sich die Sachlage sehr einfach und man hat einen prächtigen Ausblick auf Dinge, die man nicht gern sieht. Am Fuße des Kahlenbergs liegt etwas, was ich dort lieber vermissen möchte. Was sagen die Berliner, denen man unsere Schätze von obenher und ringsherum zeigt, zu der Landbevölkerung, die in der Inneren Stadt wohnt? Als ich kürzlich wieder in meinem geliebten Hainbach war, machte ich eine Entdeckung. Es gefielen mir auch die Wiener, die ich dort traf. Sie störten gar nicht, ja im Gegenteil, sie ergänzten Baum und Wiese vorteilhaft. Sie gehören zur Landschaft. Und sie waren gewiß in den Zeiten, da die Stadt, die mitten ins Grüne gebaut ist, noch nicht aufbegehrte, eine liebenswürdige Bevölkerung. Mit der Elektrischen, mit dem Automobil, mit dem Telephon hat man dieses Volk und diese Einrichtungen aus Rand und Band gebracht. Zwei Millionen Landbewohner werden auch dann noch keine Großstadt machen, wenn es drei Millionen sein werden. Vor dem Automobil haben sich die Pferde beruhigt, die Wiener werden noch scheu. Hat man den Berliner Gästen eine Wiener Automobilkatastrophe vorgeführt, eine resche, die was einen Schneid hat? Zerfleischte Familien und den Pahöhl der Passanten? Haben die Berliner beobachtet, wie die Tafeln des Beiwagens der Elektrischen Straußische Walzer tanzen? Das ist fidel, aber wer drin sitzt, hat nichts zu lachen. Was sagen die Stadtverordneten zu dem Wachmann an der Kreuzung vor der Oper? Haben sie bemerkt, wie drei gefährliche Wagen vor ihm habtacht stehen und er über diese Veränderung des Straßenbildes und über den Aufschwung Wiens im allgemeinen nachdenklich wird, als wäre er Feuilletonist eines großen Wiener Blattes? Wie er, den Chauffeur erkennend, ihn begrüßt, ihn verabschiedet und dazwischen aus einem Buch dem Fremden Auskunft gibt, wo hier die Kärntnerstraße ist? Haben die Berliner beobachtet, wie man hier geht, so für sich hin, um nichts zu suchen? Hat einer der Herren in einem Wiener Restaurant zu essen versucht und eine der angeschriebenen Speisen zu verlangen getrachtet? Hat einer in Wien telephoniert? Hat er eine Verbindung bekommen? Hat er sich um zehn Uhr abends in der Strauchgasse aufgestellt und beobachtet, was sich da begibt? Die plötzliche Verwandlung einer entvölkerten Gegend, tagsüber unwirtlich, weil dort die Anglobank haust, nachts aber friedlich, in ein Schlachtfeld — auf den Wink eines Mannes, der aus dem Hinterhalt bricht, mit offener Hand, und in den völlig unverständlichen Ruf ausbricht: »Aschpanaa! Irschta!« Wie im nächsten Augenblick ein herzzerreißendes Gebrüll anhebt, aus allen Ecken, Winkeln und Seitengassen Pferde und Menschen hervorbrechen, ineinanderverkeilt, rettungslos verloren — zwischen Rufen wie »Ochtanfuchzigaa!« »Fahr füra Rabasbua vadächtigaa« und »Der Wamperl vom Kinigswartaa!« unaufhörlich, noch von sterbenden Lippen »Euer Gnaden doder!« geächzt wird, zwischen Hufen und Händen Kappen von den Köpfen fliegen und alle Aussicht geschwunden scheint, dass eines dieser wertvollen Menschenleben werde gerettet werden können, und alle Gewißheit gegeben, dass der Feind, der von dieser Wagenburg aus beschossen werden soll, verloren ist. Weshalb rast der Bürgerkrieg? Warum steht Mensch gegen Menschen auf? Was ist geschehen? ... Ein Konzert ist zu Ende.

 

 

Juni, 1912.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 13.01.2007 
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