Blumenthal, Wald und Lyrik


Auch Oskar Blumenthal, der Lose, treibt Scherze mit der Karlsbader Kur, die eine Askese ist, von welcher man zu den liebenswürdigen Torheiten des Winterlebens zurückkehrt und so. Man kann aber schon während der Kur liebenswürdige Torheiten begehen und es ist eine bekannte Fahrlässigkeit der Karlsbader Ärzte, dass sie ihren Patienten nicht die Karlsbader Briefe verbieten. Dazu kommt die alte Gewohnheit des Herrn Blumenthal, von Lyrik nichts zu verstehen und vor jedem neuen Gedichtband, der ihm in die Hände fällt, das Ironische zu bekommen, in der Art jener Briefkastenredakteure, die man mit Goethe-Zeilen hineinlegt. Herr Blumenthal hat in der idyllischen Waldeinsamkeit, von der er öfter schwärmt, ein modernes Gedichtbuch gelesen. Die Waldeinsamkeit ist jener Zustand, den auch der Wald bevorzugt und um den ihn Herr Blumenthal immer dadurch bringt, dass er ihn mit ihm teilt. Diese Teilung ist die denkbar unehrlichste. Denn während Blumenthal die Fähigkeit hat, in der Waldeinsamkeit »ins Weite zu träumen«, und diese Fähigkeit auch rücksichtslos durchsetzt, ist dem Wald in der Blumenthal- Gemeinsamkeit ein ähnliches Glück versagt. Ich glaube, dass der Wald, wenn es ein Eichenwald ist, in solcher Lage höchstens an die Zukunft denken und von der Konjunktur des Knoppernmarktes träumen kann. Herr Blumenthal rühmt sich aber, dass er im Wald noch eine zweite Möglichkeit hat, nämlich die, »lautlose Zwiegespräche mit einem Buch zu halten«, die er dann veröffentlicht. Er kann sich also im Wald über einen Lyriker lustig machen, während der Wald, dem auch diese Gabe versagt ist, einen Satiriker wie Herrn Blumenthal durchaus ernst nimmt. Es ist angenehm, dass man beim Erdbeerensuchen jetzt immer wieder Herrn Blumenthal begegnen kann, dessen älpisches Wesen so würzig aus dem Ischler Boden hervorwächst, schwarz wie die Erde und rot wie die Beere. Aber was ihm fehlt, ist doch jenes einzige Talent, das man dem Wald lassen muß, das Talent, zu schweigen. Blumenthal findet im Wald, dass die modernen Lyriker absurde Wortverbindungen lieben, und bezeichnenderweise fühlt sich sein feines Gehör durch ein Quellchen beleidigt, das »sich wichtig um die Mauerecke schwatzt«. Das ist ihm ein »Schulbeispiel modischer Sprachverzerrung«. Es wäre überflüssig, Herrn Blumenthals Natursinn auf jenes Wasser zu verweisen, das sich bei Liliencron selig durchs Gelände schwatzt. Und es ist gleichgültig, ob der Lyriker, der jeweils Herrn Blumenthal reizt, ein Dichter ist. Die Proben können nie gegen ihn sprechen, denn so wahr ein Vers sich unter Wurstfingern in Wurst verwandelt, so kann das Schlechte, das Herr Blumenthal findet, gut sein. Darum verteidigt man, wenn ihn Herr Blumenthal angreift, auch in einem Dilettanten immer den Künstler. Dass sich ein Quellchen wichtig um die Mauerecke schwatzt, kommt ihm unmöglich vor. Wenn Herr Blumenthal von »Neutönern« schwatzt, so ergibt das eine viel geläufigere Vorstellung. Die Metaphern, die seinesgleichen gebraucht, würde er gewiß nicht übernehmen, wenn sie nicht schon erprobt wären. Es ist aber gar nicht auszudenken, dass es einmal eine Zeit gegeben hätte, in der man Herrn Blumenthal einen Neutöner genannt hätte, wenn nämlich die ausgespuckten Sätze, die ihm schmecken, in seinem Mund entstanden wären. »Träge Gewänder« findet er absurd und reißt sie dem Lyriker herunter, weil sie noch nicht von Herrschaften abgelegt sind. Zum Glück lassen wir uns heute nicht mehr verblüffen, wenn: Karlsbad ein zwischen Wäldern und Felsen eingebettetes Sanatorium ist und Erregungen keinen Eingang in das ehrsame Bad finden dürfen, dennoch aber Spiel und Sport sich ihren Platz erschlichen haben. Wenn der Schloßbrunnenfelsen nackt und kühn in die Gasse hinauspringt und die üppigen Wipfel des Waldes den Häusern vertraulich über die Dächer schauen, während die schlanken Türme der Aussichtswarten in alle Straßen hineinblicken und das Gestein hie und da seine Felsschultern mitten zwischen die Häuser drängt. Wenn hohe Kastanien ihre Wipfel über den Weg wölben und eine kurze Atempause im Gestöber der Stunden uns gegönnt ist. Und wenn im Herbst, wo die Flut der Kurgäste schon zu verebben beginnt, die Birken ihre lichtgrünen Schleier um das Gelände senken und der Wald als eine einzige grüne Welle emporschwillt. Heute hat sich Karlsbad verändert, und wenngleich der Blick stets auf ein Haus fällt, in welchem einst Goethe gewohnt hat, so darf man doch nicht vergessen, dass er nur ein Trockenwohner für Herrn Blumenthal war, nämlich ein Neutöner.

 

 

Oktober, 1912.


 © textlog.de 2004 • 17.12.2017 09:02:22 •
Seite zuletzt aktualisiert: 13.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen