Lorbeerbaum und Bettelstab


Ein Schauspieler und eine Schauspielerin, die zu jenen Lieblingen gehören, die nicht die meinen sind, haben sich von einem Journalisten anstiften lassen, sich als Bettler verkleidet auf die Straße zu stellen, um dem Herrn einen Weihnachtsartikel zu verdienen zu geben. Mehr hat dabei nicht herausgeschaut. Das Publikum, das an bessere Bettler gewöhnt ist, dürfte die Lieblinge erkannt und eingesehen haben, dass es sie auch als Schauspieler überschätzt hatte. Speziell die Kummermiene des Herrn Treumann scheint den Passanten verraten zu haben, dass er einst jene besseren Tage gesehen habe, die unsere schlechteren Abende waren.

Vier Uhr ist es geworden und in den Straßen beginnt es zu dämmern. Treumann stellt sich an eine Straßenecke und da das Geschäft flau ist, spielt er den »blinden Mann«. Das scheint lukrativ werden zu wollen. Die Glöckner …

Wer ins Bettlergeschäft die Sprache des Operettengeschäfts hinübernehmen will, hat bald ausgespielt, und die anerkannten Lieblinge des Publikums brauchen auch dort um ihre Plätze nicht zu zittern. Solche Gastspiele, auch wenn sie von der Presse begünstigt werden, sind der sichere Durchfall, und vielleicht erkennt das Theaterpublikum endlich, um wieviel musikalischer die Melodien der Operettenleute sind, wenn sie von blinden Werkelmännern gespielt werden. Die Kollegin wieder, welche am Deutschen Volkstheater engagiert ist, mußte es erfahren, daß mit dem Publikum nicht zu spassen ist, wenn man statt seiner Langmut seine Barmherzigkeit herausfordert. Es gelüstete sie, in die Häuser des Rathausviertels zu gehen, wo das spezifische Volkstheaterpremierenpublikum wohnt, denn hier, hoffte sie, werde man noch am ehesten ein Gemüt haben. Die Leute aber riefen: »Wir haben selber nichts!« und »Man sollte die Polizei holen!«, und an keiner Tür erhielt sie einen Heller. Da erkannte sie, wie schlecht das Volkstheaterpremierenpublikum sei, und wurde tiefsinnig. Ihr Partner aber, der schon durch seine tiefsinnige Auffassung in der »Lustigen Witwe« beliebt geworden war, ging noch mehr in sich, und beide beschlossen, vor einem solchen Gesindel sich nur mehr in den dankbarsten Rollen zu zeigen und die größten Gagen einzuheben und sieben Kronen vierzig Heller als den Ertrag des Betteltags dem Sankt Annen-Kinderspitale zu überweisen, so wenig, dass der Journalist, der den Artikel schrieb, vor Herzweh beinah auf sein Honorar verzichtet hätte. Er ging aber in sich. Ihrer aller Hoffnung, dass auch das Publikum endlich in sich gehen und einen gesunden Ausgleich zwischen Schauspielergagen, Artikelhonoraren und Bettlergewinsten herbeiführen werde, erfüllte sich Gottseidank nicht. Das würde erst geschehen, wenn die Bettler auf die Idee kämen, sich als Theaterleute zu verkleiden, eine Idee, deren erfolgreiche Durchführung zwar ihr Talent verbürgt, auf die sie aber noch kein Journalist gebracht hat.

 

 

Januar, 1912.


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