Szene zwischen einem Psychologen und einem
Tramway-Kondukteur


»Ich stieg in einem halbleeren Wagen, setzte mich in das vordere Coupe mit dem »abgezählten« Fahrgeld in der Hand. Bis mir der Kondukteur nachgekommen war, wurde meine Aufmerksamkeit zufälligerweise in die Fahrtrichtung abgelenkt. Da ich, wie man so sagt, in Gedanken versunken war und der Lärm des fahrenden Wagens auch das Seinige beitrug, so habe ich nicht gehört, dass der Kondukteur bereits eingetreten war. Da er meinerseits der Situation gemäß nicht aufgefordert wurde, mir einen Fahrschein zu geben, so ging er, obwohl er nur meinethalben ins vordere Coupé gekommen war, unverrichteter Dinge wieder hinaus. Dass er das absichtlich getan hat, konnte ich aus folgenden schließen. Als er nämlich die Zwischentür des Wagens hinter sich zugemacht hatte, drehte er sich um und beobachtete mich durchs Türfenster. In diesem Augenblick bemerkte ich mein »Versäumnis«. Unwillkürlich streckte ich die Hand aus, um dem Kondukteur anzudeuten, dass ich noch keinen Fahrschein habe. Ein schadenfrohes Lachen seinerseits war die nächste Wirkung meiner Handbewegung, wie wenn er mir damit sagen wollte, dass ich momentan unter der suggestiven Kraft der Vorschriften gehandelt hätte. Nachdem ich »endlich« im Besitze meines Fahrscheines war (zum Glück hatten wir noch nicht die nächste Haltestelle erreicht), stellte ich den Kondukteur zur Rede. Aber da kam ich schön an. Es wurde mir bedeutet, dass nicht er, sondern ich der »Pflicht« nicht nachgekommen sei, denn »jeder Fahrgast sei verpflichtet, unaufgefordert einen Fahrschein zu lösen«; im übrigen lache er, wann er wolle. Ich glaube, der Fall ist so kraß, dass er keiner weiteren Ausdeutung bedarf. Professor R. V.«

Mit einem Wort, Kommentar überflüssig. Die Kondukteure sind bessere Psychologen, die Psychologen sind schlechtere Kondukteure. Guck — Guck, da — da. Ist der eine oben, ist der andere unten. Das Glück ist rund. Dann wird gespielt: Meinerseits deinerseits. Dann: Gedanken erraten. Die Kondukteure sind schadenfroh. Die Psychologie ist eine Wissenschaft, welche Zeit braucht, um den Fahrschein zu umgehen. Will sie unwillkürlich zahlen, sagt der Kondukteur: Schmecks. Die Forschung ist voraussetzungslos. Der Verkehr ist geregelt. Der Kondukteur sagte schließlich, um der Szene ein Ende zu machen: »Ober So Herr, So ham jamomentan unter der suggestiven Kraft der Vurschriften gehandelt!« Der Professor, offenbar ein Freidenker, fragte hierauf, ob er es ihm nicht ansehe, dass er soeben gedacht habe der Fall ist kraß. Worauf der Kondukteur unwillkürlich die Hand ausstreckte, aber dabei ein Gesicht machte, als ob er ohne weitere Ausdeutung oder Anspielung auf unverrichtete Dinge sagen wollte: Ah woos, Kirntnerstraßii aoschtign!

 

 

Oktober, 1912.


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