Ein Gedicht


Der Herausgeber der ›Zukunft‹, dessen Beziehungen zur Lyrik stadtbekannt sind, hat gehofft, sich durch ein Nachdrucksverbot gegen Indiskretionen schützen zu können. Er hätte es am liebsten, wenn die Sache zwischen ihm und seinen Lesern abgetan wäre. Das spricht für eine gewisse Feinfühligkeit, die aber im Literaturleben nicht berücksichtigt werden kann. Es ist nachgerade unerläßlich geworden, die Gedichte, welche die ›Zukunft‹ als Originalbeiträge bekommt, in der ›Fackel‹ nachzudrucken, auf die Gefahr hin, daß ein Nachdruckshonorar für Arbeiten gezahlt werden müßte, für die kein Honorar gezahlt wurde. Ein Verbot kann mich nicht schrecken, seine Übertretung könnte nicht geahndet werden, weil ich unter unwiderstehlichem Zwang gehandelt habe. Es gibt keinen Richter in der Welt, der mit gutem Gewissen entscheiden würde, dassa ich hätte weiterleben können, ohne mich an diesen Kostbarkeiten zu vergreifen. Es ist höchstens eine Platzfrage. Aber man wird mir nicht nachsagen können, dass ich lieblos mit dem folgenden Poem verfahren sei, da ich ihm fast jede zweite Strophe weggenommen habe. Vielmehr hätte ich auch die andern streichen können, ohne dem Gedanken nahezutreten. Aber für das Verständnis der Handlung scheint mir durch die gewählte Art der Verkürzung viel gewonnen. Natürlich bin ich, wenn der Dichter darauf bestehen sollte, bereit, die weggelassenen Strophen nachzutragen. Zwar wird man glauben, dass ich mir die Mühe genommen habe, das Gedicht zu erfinden und es Herrn Harden und dem angeblichen Autor aufzubringen. Aber dieser lebt in Wien, gehört zu den Dichtern, die vom österreichischen Staat subventioniert werden, heißt Dworatschek, und Schuft mein Name, wenn die folgenden Strophen nicht wörtlich so in der ›Zukunft‹ stehen:

 

Die blinde Marie.

Am Wegrand sitzt die blinde Marie,

Die hockt so still und stumm.

Die Kinder im Dorfe kennen sie

Und spielen um sie herum.

 

Laut jubelnd tollt der Kinder Schar

Im lichten Sonnenschein,

Wie klingt so hell und silberklar

Ihr Ringel-Ringel-Reihn.

 

Da läuft heran ein blondes Kind,

Das neckt und hänselt sie,

So ahnungslos, wie Kinder sind:

»Komm’, fang’ mich, blinde Marie!

 

Sie aber zürnt und hadert nicht

Und herrscht’s nicht rauh zur Ruh’.

Nur leise zuckt’s über ihr Gesicht,

Als wollte sie weinen dazu.

 

Und still ergeben im Gemüt

Die Hände faltet sie

Und sitzt so still und lächelt so müd’

Die alte, blinde Marie.

 

Und da ich so sie sitzen sah,

Als lauschte sie fernem Klang,

Da wußt’ ich nicht, wie mir geschah,

Mir ward ums Herz so bang.

 

Da ging’s mir plötzlich durch den Sinn:

»Du alte, blinde Marie,

Wie Viele schreiten durchs Leben hin

Und schauen die Sonne nie!

 

Und fristen ihr Sein in Nacht und Not

Und sind alles Schimmers bar,

Ist all ihr Hoffen und Wünschen tot,

Und harren doch immerdar;

 

Und sitzen einsam am Straßenrain,

Verlassen, wie Bettler sind,

Und um sie spielt im Sonnenschein

Das Glück, das törichte Kind.

 

Sie aber hadern und zürnen nicht

Und herrschen’s nicht rauh zur Ruh’,

Nur leise zuckt’s über ihr Gesicht,

Als wollten sie weinen dazu.

 

Und still ergeben im Gemüt

Die Hände falten sie,

Und sitzen so stumm und lächeln so müd’

Wie die alte, blinde Marie.

 

Paul Wilhelm.

 

Gelobt seist du, Marie! Willst du nicht aufstehn, Wilhelm?

 

 

Januar, 1912.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 13.01.2007 
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