Ein Vorschlag


»Im Hofburgtheater ist die Repertoirebildung infolge Erkrankung mehrerer Mitglieder auf Schwierigkeiten gestoßen. Nunmehr sind auch die Herren Loewe und Zeska unpäßlich gemeldet. Infolgedessen mußten schon für die morgen und Sonntag stattfindende Aufführung der ›Wallenstein‹-Trilogie Umbesetzungen stattfinden. In ›Wallensteins Lager‹ spielt Herr Höbling anstatt des Herrn v. Zeska den wallonischen Kürassier, den Octavio spielt Herr Seydelmann an Stelle des Herrn Heine, den Illo Herr Jenbach an Stelle des Herrn Loewe, den Terzky Herr Prechtler an Stelle des Herrn Zeska …«

Es ist ein Glück, dass die Repertoirebildung auf Schwierigkeiten stößt, und es ist ein Jammer, wenn man sieht, welche Leute jetzt unpäßlich werden. Früher einmal spürte man die Lebenskraft des Burgtheaters, wenn man auf dem Zettel die Liste fand: Unpäßlich: Die Herren Sonnenthal, Lewinsky und Robert, die Damen Gabillon, Hartmann und Mitterwurzer. Man erschrak nur, wenn man erst abends auf der roten Schleife las, dass statt Sonnenthals Herr Zeska spiele. Jetzt werden die Leute unpäßlich, die damals einsprangen. Es stünde also eigentlich besser als damals — wenn nicht wieder andere Leute einsprängen, die damals auch nicht der Katarrh eines Großen möglich gemacht hätte. Der Freiherr von Berger aber ist der Meinung, dass die Schottengymnasiasten sich den Wallenstein mit verteilten Rollen doch nicht so zu Gemüte führen könnten, wie es ihnen mit Hilfe jener Schauspieler geschieht, die er engagiert hat, weil sie früher am Schottengymnasium gewirkt haben. Darin irrt er. Die Schottengymnasiasten treffens besser, wenn sie unter sich bleiben. Für das Burgtheater gäbe es nur eine Rettung. Ich sage nicht, dass es gesperrt werden soll. Aber ich behaupte, dass die Budapester Orpheumgesellschaft Musterleistungen bietet, welche in der Wiener Schandpresse nicht kritisch besprochen werden dürfen, sondern annonciert werden müssen. Es gibt kein Theater in Wien, dessen Leistung — von Girardis Einzigkeit abgesehen — an das wahre Theatervergnügen auch nur hinanreicht, das die Herren Eisenbach und Rott gewähren. Von den Chargenkünsten der Unbekannten dieses Ensembles könnte ein Dutzend Reinhardts seinen Regieruhm bestreiten. Die Literatur dieses Theaters steht dort, wo sie Kulturbilder des kleinbürgerlichen Judentums stellt, turmhoch über dem in seiner Unbewußtheit frech auftrumpfenden Judentum der Produktion, welche die anderen Theater füllt, und ist in ihren Ordinärheiten lustiger. Es kann gar nicht bezweifelt werden, dass in der Region der Eisenbach und Rott eben das in Kunst aufgelöst wird, was in der Unmittelbarkeit der Treumann und Kramer die empörende Identität mit dem kommerziellen Leben ausmacht, und dass jene es vermögen, den Geschäftsreisenden so hinzustellen, dass man ihn umarmen möchte, während diese ihn dem Haß der Kundschaft preisgeben. Trotzdem dürfte es kein Wiener Literat wagen, einer Wiener Zeitung hinter dem Rücken der Administration ein Feuilleton oder auch nur eine Notiz über Wiens letzte und lebendigste Schauspielerei anzubieten: es gehört in die Kulturgeschichte, dass das, was in diese gehört, in den Annoncenteil der Tagespresse kommt. Und es ist möglich, dass vor einem Wiener Bezirksgericht ein Beleidigungsprozeß darüber abgeführt wird, dass Theaterleute ödesten Kalibers den Vergleich mit einem Spiel »wie am Budapester Orpheum« als Schmähung beabsichtigt oder empfunden haben. Im Angesicht der Talentlosigkeit, die sich auf den Wiener Bühnen breitmacht, ist das Anzünden einer Zigarette strengstens untersagt, man kennt die Verlockung und verschärft deshalb die feuerpolizeilichen Maßregeln. Das Lokal der Orpheumgesellschaft ist rauchig und wenig geräumig. Ich sage nicht, dass das Burgtheater gesperrt werden soll. Aber ein Theater, das ohne Tragöden, ohne Tragödin, ohne Helden, ohne Heroine klassische Vorstellungen herauszubringen versucht, wird am Ende doch zu der Überlegung kommen, welche Konsequenz es aus seiner breiten räumlichen Gelegenheit zu ziehen habe. Gewiß könnte ich zum Beispiel ohneweiters stimmlich das ganze alte Burgtheater ersetzen; ich tue es unter der Direktion Berger nicht. Aber das beste Wiener Ensemble spielt in einem Hotelsaal. Mein Vorschlag ist ganz ernst gemeint. Der Theaterzettel brauchte deshalb nicht jede Erinnerung an die Tradition des Burgtheaters zu verleugnen. Im Gegenteil, ich wäre dafür, dass in diesem Punkte der Pietät weitester Spielraum gelassen wird. Tief unten könnte die Spielunfähigkeit des ganzen heutigen Ensembles vermerkt sein: Gesund die Herren Reimers, Höbling u. s. w.

 

 

Januar, 1912.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 15.01.2007 
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