Tugend und Glückseligkeit


Nun meinen sie freilich nicht, dass die Glückseligkeit in jeder Art von Vergnügen bestehe, sondern nur im ehrbaren. Zu diesem, als dem höchsten Gute, werde unsere Natur von der Tugend selbst gezogen, in welche die entgegengesetzte Partei von Philosophen die Glückseligkeit verlegt.

Als Tugend definiren sie nämlich ein der Natur gemäßes Leben, dazu wären wir von Gott bestimmt. Derjenige folge dem Zuge der Natur, der in dmjenigen, was er begehrt und was er meidet, sich von der Vernunft leiten läßt. Die Vernunft entzünde ferner vor allen Dingen Liebe zur und anbetende Verehrung vor der göttlichen Majestät in den Herzen der Menschen, der wir alles verdanken, was wir sind, und alles Das, dessen wir an Glückseligkeit teilhaftig werden können; sodann ermahnt sie uns beständig und treibt uns dazu an, für's erste ein möglichst sorgenfreies und frohes Leben selbst zu führen und allen Mitmenschen, dem triebe der natürlichen Geselligkeit zufolge, zu gleichem Zwecke behilflich zu sein.

Denn es gibt wohl kaum einen so finstern und unbeugsam starren Anhänger der Tugend und Hasser des Vergnügens, der die auch noch so sehr harte Arbeit, Nachtwachen und schmutzige Kasteiung empföhle, das er dir nicht zugleich auch auftrüge, den Mangel und das Ungemach deiner Mitmenschen zu lindern, so viel das in Deiner Macht steht, sowie dass er eine solche Handlungsweise nicht für etwas im Namen der Menschheit zu Preisendes hielte, nämlich, dass der Mensch dem Menschen Gesundheit verschaffe und Trost spende, weil er es für die menschlichste aller Tugenden ansieht, die Beschwerden anderer so viel nur immer möglich zu erleichtern, den Kummer zu tilgen und das Leben der Freude, das heißt also dem Vergnügen wiederzugeben.

Warum sollte er, wozu die Natur ihn gegen andere anspornt, nicht auch sich selbst vergönnen? Denn entweder ist ein angenehmes Leben, d.h. ein vergnügungsvolles ein moralisch schlechtes, und wenn es das ist, darfst du keinem dazu verhelfen wollen, sondern man muß sogar soviel als möglich dafür sorgen, dass es, als etwas Schädliches und Verderbliches, den Leuten entzogen werde, oder es ist etwas Gutes und das darf man nicht nur Andern, sondern soll es ihnen sogar verschaffen — warum also nicht auch in erster Linie sich selbst?

Es ist doch nicht gesagt, dass du dein eigenes Wohl weniger im Auge haben sollst, als das der Andern. Denn wenn die Natur selbst uns auch mahnt und drängt, gegen andere gut zu sein, so befiehlt sie dir andererseits doch auch nicht, gegen dich selbst rauh und barbarisch streng zu verfahren.

Ein angenehmes, fröhliches Leben, d.h. also Vergnügen, hat uns, nach ihrer Behauptung, die Natur somit selbst, gleichsam als den Endzweck aller Handlungen, vorgezeichnet, und nach den Vorschriften der Natur leben, nennen sie Tugend. Wie aber die Natur alle Menschen zur gegenseitigen Unterstützung und Hilfeleistung im Genusse eines heiteren Lebens einladet (und das tut sie sehr mit Recht, denn so hoch steht keiner über dem allgemeinen Menschenloose, dass sie nur für ihn allein sorgte, sie, die alle gleichmäßig wärmt und durch das gemeinsame Band derselben Gestalt umfasst), so befiehlt sie dir doch nicht, deinen Vorteil und eigenen Nutzen in einer Weise zu suchen, dass du Andern Schaden und Ungemach bereitest.

Darum sind sie der Ansicht, dass man nicht nur die unter Privatpersonen eingegangenen Verträge, sondern auch die öffentlichen Staatsgestze halten und beobachten müsse, die entweder ein guter Fürst gerechter Weise erlassen hat, oder die durch die allgemeine Beistimmung des Volkes sanktioniert worden, das weder durch Tyrannei unterdrückt, noch durch Hinterlist umgarnt wird, Gesetze, die die gleiche Teilung der Lebensgüter, also des Vergnügens, zum Zwecke haben.

Für dein Wohl sorgen, ohne die Gesetze zu verletzen, das ist Weisheit; überdies das allgemeine Wohl fördern, das ist fromme Menschenliebe; Andern jedoch ihr Vergnügen entreißen und dem eigenen fröhnen, das ist Unrecht; hingegen dir selbst etwas abzubrechen, um es den anderen zuzulegen, das heißt im Sinne der Humanität und edler Güte tätig sein, und beraubt dich nie so vielen Vorteils, als es dir andererseits wieder einbringt.

Denn materiell wird es durch die Wiedervergeltung der Woltaten aufgewogen und zugleich gewährt das wohltuende Bewusstsein der guten Tat und die Erinnerung an die dankbare Liebe derer, denen du Wohltaten erwiesen hast, ein so viel größeres seelischer Vergnügen, als das körperliche gewesen wäre, das du dir versagt hast.

Endlich (welche Überzeugung einem religiösen gläubigen Gemüte leicht beizubringen ist) vergilt Gott ein gewährtes kurzes unbedeutendes Vergnügen mit überschwänglicher, unvergänglicher Freude.

Und so ist es denn ihre Meinung, wenn man der Sache gründlich nachdenkt, dass alle unsere Handlungen und damit die Tugenden selber, ausschließlich das Vergnügen und die Glückseligkeit zum Endziel haben.


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 23:31:57 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.11.2006 
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