14. Die Gesandtschaft der Anemolier


Wie sehr aber diese von denen anderer Völker ganz und gar abweichenden Gebräuche und Einrichtungen auch ganz verschiedene Anschauungen und Gesinnungen erzeugt haben, ist mir nie so klar geworden, als im Falle der Anemolischen Gesandten. Diese waren nach Amaurotum gekommen (zur Zeit, als ich mich gerade dort aufhielt), und weil es über wichtige Dinge zu verhandeln galt, so waren noch vor ihnen jene drei Bürger aus der Stadt dort zusammengekommen. Nun kannten aber die Gesandten aller benachbarten Völkerschaften, die einmal auf der Insel gelandet hatten, bereits die Sitten der Utopier, wussten, dass diese auf prunkvollen Staat und Aufputz nichts gaben, Seide verachtet werde, Gold aber gar in schimpflichem Verrufe sei, und waren daher stets in so bescheidenem Aufzug als nur möglich in Utopien erschienen. Aber die Anemolier, deren Wohnsitze ziemlich weit abgelegen waren, und kaum Verkehr mit den Utopiern gehabt hatten, hatten vernommen, dass diese alle dieselbe grobe Tracht trügen, und der Meinung waren, sie hätten Mangel an dem, was sie nicht zur Schau trugen, beschlossen, mehr hoffärtig als weise, sich an Pracht wie die Götter herauszustaffiren und durch den Glanz ihres Ornats die Augen der armseligen Utopier zu blenden. So hielten denn die drei Gesandten ihren Einzug mit einem Gefolge von hundert Personen, alle in bunten Farben, die meisten in Seide gekleidet, die Gesandten selbst aber, die in ihrem Lande Edelmannsrang hatten, in golddurchwirkten Gewändern, mit großen goldenen Ketten, mit goldenen Ohr- und Fingerringen, obendrein mit an den Hüten, die von Perlen und Edelsteinen funkelten, besetzten Kleinodien, kurz mit allen jenen Dingen geschmückt, die bei den Utopiern entweder von den Sklaven zur Strafe getragen werden müssen, oder schimpfliche Abzeichen de Ehrlosen, oder Knabenspielzeuge sind.

Es war wahrhaft der Mühe wert, zu sehen, wie sie den Kopf hoch trugen, als sie ihren festlichen Putz mit der Kleidung der Utopier verglichen (denn das Volk war in hellen Haufen auf alle Straßen geströmt).

Dagegen aber war es nicht minder lustig, zu beobachten, wie sehr die Gesandten ihre Erwartung getäuscht sahen und wie weit sie davon entfernt waren, der Hochschätzung teilhaft zu werden, die sie zu erzielen gehofft hatten.

Denn in den Augen aller Utopier, mit Ausnahme einiger Weniger, die aus irgend einem ernsten Grunde bei fremden Völkerschaften gewesen waren, erschien all dieser glänzende Staat schandbar und sie grüßten gerade die Niedrigsten ehrerbietig, weil sie sie für das Ehrenpersonal hielten, die Gesandten selbst aber hielten sie deswegen, weil sie goldene Kelten trugen, umgekehrt für Sklaven und ließen sie daher ohne alle Ehrenbezeugung vorüberziehen.

Und die Knaben hättest du sehen sollen, wie sie ihre Edelsteine und Perlen schleunigst fortwarfen, als sie sahen, dass solche an die Hüte der Gesandten angeheftet waren, und wie sie ihre Mütter zupften und stupften:

›Schau, Mutter, was für ein großer Schlingel da noch Perlen und Edelsteine trägt, als ob er noch ein kleiner Knirps wäre.‹

Aber die Mutter heißt ihn ganz ernsthaft schweigen und sagt: »Vielleicht ist das einer der Possenreißer der Gesandten.«

Und andere sagten beim Anblick der goldenen Ketten, dass sie ja nicht zu brauchen seien, weil sie viel zu zierlich wären, so dass sie der Sklave leicht zerbrechen könne, und andererseits hingen sie so schlaff herunter, dass derjenige, der sie um habe, sie abwerfen könne, sobald er wolle, und ungehindert entfliehen.

Als die Gesandten zwei Tage dagewesen waren, entdeckten sie eine große Menge Gold in ganz niedriger Verwendung und in nicht geringerer Unehre gehalten, als sie es hoch in Ehren hielten, und als sie nun gewahrten, dass ein einziger flüchtig gewordener Sklave an Ketten und Fesseln mehr Gold und Silber an sich trug, als sie alle drei zusammen, da zogen sie bescheidenere Saiten auf, schämten sich des Pomps, womit sie sich so sehr gebläht hatten, und legten ihn beiseite, namentlich nachdem sie mit den Utopiern eine vertraulichere Unterredung angeknüpft und deren Anschauungen und Sitten kennen gelernt hatten.


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