2. Städte, Land und Landwirtschaft


Die Insel hat vierundfünfzig geräumige und prächtige Städte, in Sprache, Sitten, Einrichtungen und Gesetzen übereinstimmend; sie haben alle denselben Situationsplan, soweit die besondere Oertlichkeit es zuläßt. Die einander nächsten sind vierundzwanzig Meilen von einander entfernt. Keine ist von der andern so abgelegen, dass man aus ihr nicht in einer Tagereise zu Fuß nach der andern gelangen könnte.

Aus jeder Stadt kommen jährlich drei greise erfahrene Bürger in Amaurotum zusammen, um über die gemeinsamen Angelegenheiten der Insel zu verhandeln. Denn diese Stadt (gleichsam der Nabel des Landes und für die von allen Seiten kommenden Abgesandten am günstigsten gelegen) ist die erste, die Hauptstadt der Insel.

Die Äcker sind den Städten so passend zugewiesen, dass keine von keiner Seite weniger als zwanzigtausend Schritte hat, von der einen oder andern auch bei weitem mehr, nämlich auf der Seite, wo die Städte am weitesten voneinander abliegen. Keine Stadt hat das Verlangen, ihre Grenzen vorzurücken, zu erweitern. Denn sie halten sich mehr für die bloßen Besteller der Ländereien, als für deren Herren.

Sie haben auf dem Lande auf allen Feldern bequem gelegene Häuser, die mit landwirthschaftlichen Geräten wohl versehen sind. Diese werden von den Bürgern, die sich abwechselnd hinausbegeben, bewohnt. Keine ländliche Familie hat an Männern und Frauen weniger als vierzig Köpfe, außerdem zwei auf der Scholle haftende Knechte, denen allen der Hausvater und die Hausmutter vorstehen, gesetzte und gereifte Personen; je dreißig einzelnen Familien ist ein Phylarch vorgesetzt. Aus jeder Familie kehren jährlich zwanzig Personen in die Stadt zurück, nachdem sie zwei Jahre auf dem Lande zugebracht haben. An deren Stelle rücken ebenso viele aus der Stadt nach, die von denen im Landbau unterrichtet werden, die ein Jahr auf dem Lande gewesen sind und daher in der Landwirthschaft schon ziemlich Kenntnisse erworben haben. Im nächsten Jahre müssen diese neuen Ankömmlinge wieder Andern Unterricht geben, damit nicht alle zugleich Neulinge und unerfahren im Ackerbauwesen sind und so aus sachlicher Unkunde in der Lebensmittelversorgung Mißgriffe vorkommen. Diese Sitte, die Landbebauer fortwährend wechseln zu lassen, besteht deßwegen, damit nicht jemand wider Willen längere Zeit in einer harten Beschäftigung auszuharren gezwungen werde; aber so Manche, denen die Erlernung des Ackerbaues der Sache selbst wegen gefällt, erwirken für sich, dass sie mehrere Jahre dabei bleiben können.

Die Ackerbauern bestellen den Grund und Boden, züchten das Vieh, machen Holz und fahren es in die Stadt, zu Wasser oder zu Lande, wo sich die beste Gelegenheit bietet. Hühner ziehen sie in großer Menge auf und zwar auf sehr sinnreiche Weise. Dann die Hennen brüten ihre Eier nicht selbst aus, sondern man bringt diese dadurch zum Leben, dass eine große Menge derselben einer gewissen gleichmäßigen Wärme ausgesetzt werden; sobald nun die Küchlein aus der Schale schlüpfen, laufen sie den Menschen wie ihren Müttern nach, die sie dafür halten. Pferde ziehen sie sehr wenig auf, und das nur wilde, und zwar bloß zu dem Zwecke, um ihre Jugend in den Reitkünsten zu üben. Denn alle Arbeit des Pflügens und Fahrens verrichten die Ochsen, die, wie sie zugeben, weniger feurigen Ungestüm haben, aber an Ausdauer den Pferden überlegen, nach ihrer Meinung nicht so vielen Krankheiten unterworfen, und mit weniger Unkosten und Mühe zu unterhalten sind, und endlich, nachdem sie ausgedient haben, noch als Nahrung sich verwenden lassen.

Saatgetreide verwenden sie nur zum Brotbacken. Denn entweder trinken sie Traubenwein, oder Apfel- und Birnmost, oder zu Zeiten auch nur lauteres Wasser, manchmal auch ein mit Honig und Süßholz, das in großer Menge dort vorkommt, gebrautes Getränk.

Obwohl sie genau ermittelt haben, wie viel Korn die Stadt und die dazu gehörige Umgebung zum Lebensunterhalte bedarf, und sie wissen es in der Tat ganz genau, so säen sie doch bei weitem mehr, ziehen auch mehr Vieh auf, als zu ihrem Bedarfe erforderlich ist, indem sie den Überschuß an ihre Grenznachbarn ablassen. Was sie an Sachen brauchen, die auf dem Lande nicht zu haben sind, das lassen sie sich aus der Stadt geben, aus der sie es ohne allen Entgelt von der Obrigkeit geliefert erhalten. In jedem Monat gibt es einen Feiertag, an dem die Meisten von ihnen in der Stadt zusammenkommen.

Sobald die Erntezeit herannaht, zeigen die Phylarchen der Ackerbauer der städtischen Obrigkeit an, wie viel Bürger ihnen als benötigt zugeschickt werden sollen; diese Anzahl Schnitter und Erntemacher trifft am bestimmten Tage pünktlich ein und so wird bei schönem Wetter so ziemlich an einem einzigen Tage die gesamte Ernte eingeheimst.

Wer eine Stadt kennt, kennt die andern alle, so ähnlich sind sie untereinander, sofern nicht der Charakter der Oertlichkeit eine Änderung bedingt.


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