19. Aufnahme der humanistischen Wissenschaft, Buchdruck


Als sie von mir Einiges über die Literatur und Wissenschaft der Griechen gehört hatten (denn von der lateinischen Literatur würden sie, dachte ich, außer den Geschichtschreibern und Dichtern wenig gutheißen), da war es wirklich merkwürdig zu sehen, mit welchem Eifer sie bestrebt waren, zum Verständnis der griechischen Autoren zu gelangen, indem mir ihnen dieselben erklärten. Wir fingen also zu lesen an, anfangs mehr nur, damit es nicht den Anschein habe, dass wir die Bitte abschlagen wollten, als dass wir praktischen Nutzen davon erhofft hätten. Als wir aber allmählich ein wenig darin fortschritten, da bewirkte ihr Fleiß, dass wir bald erkannten, unsere Bemühung würde nicht umsonst aufgewendet werden. Sie begannen die Gestalt der Buchstaben so leicht nachzuahmen, die Wörter so treffend auszusprechen und sich so schnell ins Gedächtnis zu prägen und den Text mit solcher Treue zu übersetzen, dass es uns schier ein Wunder hätte dünken müssen, wenn nicht die meisten darunter, nicht nur von freiwilligem Lerneifer entbrannt, sondern auf Befehl des Senats dieses Studium unternommen hätten und sie nicht auserlesene Köpfe aus der Zahl der Gelehrten und von reifem Alter gewesen wären. Daher dauerte es keine drei Jahre, dass sie die guten Autoren in griechischer Sprache ohne Anstoß lesen konnten, wofern im Bücherdruck keine Fehler waren.

Sie eigneten sich aber diese Kenntnisse, wie ich vermute, deswegen um so leichter an, als sie ihnen nicht ganz fremde waren, sondern eine gewisse Verwandtschaft vorliegt. Ich nehme nämlich an, dass der Ursprung dieses Volkes von den Griechen hergeleitet werden könne, weil seine Sprache, die im übrigen ziemlich der persischen ähnlich ist, gewisse Spuren griechischer Sprache in den Städtenamen, sowie in den Benennungen ihrer Obrigkeiten aufweist. Sie besitzen von meiner Hand die meisten Werke Platos, mehrere von Aristoteles, dann Theophrast über die Pflanzen, aber an vielen Stellen unvollständig, was ich sehr bedauere. (Denn als ich beschlossen hatte, meine vierte Seereise anzutreten, packte ich an Stelle der Waren ein ziemlich großes Bücherbündel in das Schiff, da ich viel eher entschlossen war, gar nicht mehr, als nach kurzer Zeit zurückzukehren.) Ich hatte während der Fahrt auf das Buch nicht weiter geachtet, da gerieth eine Meerkatze darüber, die mutwillig und spielerisch einige Seiten herausgerissen und zersetzt hatte. Von Grammatikern besitzen sie nur den Laskaris, denn den Theodorus hatte ich nicht mitgenommen, und auch kein anderes Wörterbuch als den Hesychios und Dioskorides. Die Bücher des Plutarch schätzen sie sehr hoch und auch von Lucians Schwänken und anmutiger Darstellung sind sie ganz eingenommen. Von den Dichtern besitzen sie den Aristophanes, Homer, Euripides und den Sophokles in des Aldus kleinen Typen. Von den Geschichtschreibern Thukydides und Herodot, sowie den Herodianus. Auch mein Reisegefährte Tricius Apinatus führte einige kleine Werke des Hippokrates mit sich, sowie Galens Mikrotechne, Bücher, die sie gar hoch halten. Denn, wenn die Medicin ihnen fast von allen Völkern am wenigsten Not tut, so steht sie doch nirgends höher in Ehren, denn sie rechnen ihre Kenntnis zu den schönsten und nützlichsten Teilen der Philosophie, durch deren Hilfe sie die Geheimnisse der Natur erforschen, woraus sie nicht nur ein wunderbares Vergnügen sich selbst verschaffen, sondern auch das höchste Wohlgefallen des Weltenschöpfers und Werkmeisters der Natur sich zu erwerben glauben. Sie sind der Meinung, dieser habe nach Art anderer Handwerksmeister den Mechanismus dieser Welt für den Menschen (den er allein zu solcher Betrachtung fähig geschaffen hat) zur Beschauung hingestellt und habe denjenigen lieber, der ein wißbegieriger und eifriger Betrachter und Bewunderer seines Werkes sei, als Denjenigen, der wie ein vernunftloses Tier einen so großartigen und wunderbaren Anblick in geistiger Stumpfheit und unbewegten Busens gar nicht beachtet.

Daher sind die beständig in den Wissenschaften geübten Geister der Utopier ganz vortrefflich geeignet, Fertigkeiten und Künste zu erfinden, die zur behaglichen Gestaltung des Lebens beitragen. Zwei davon aber verdanken sie gleichwohl uns, nämlich den Buchdruck und die Papierfabrikation, aber keineswegs ganz und gar nur uns allein, sondern zum guten Teile auch sich selbst, d.h. ihrer eigenen Begabung. Denn als wir ihnen die Drucke des Aldus in Büchern von Papier zeigten, und mit ihnen von den Stoffen sprachen, woraus Papier verfertigt wird, sowie von der Möglichkeit mit Buchstaben zu drucken, und ihnen davon mehr nur einige Andeutungen gaben (denn keiner der Unsrigen war in den beiden Künsten wohlbewandert), so erriethen sie alsbald mit großem Scharfsinn durch Kombiniren das Übrige, und wenn sie früher bloß auf Fellen, Rinden und aus dem Schafte der Papyrusstaude hergestellten Blättern schrieben, so machten sie jetzt sofort Besuche, Papier zu verfertigen und mit Lettern zu drucken, und als sie damit Anfangs nicht zum Besten zustande kamen, stellten sie fortgesetzt neue Versuche an und hatten in beiden Beziehungen bald guten Erfolg, ja brachten es darin so weit, dass, wenn nur die erforderlichen Exemplare griechischer Autoren vorhanden gewesen wären, sie an gedruckten Bänden keinen Mangel hätten. Nun haben sie aber an gedruckten Büchern nicht mehr, als ich oben schon erwähnt habe, diese aber haben sie bereits in Tausenden von Exemplaren vervielfältigt.


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Seite zuletzt aktualisiert: 08.11.2006 
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