Feste, Feiern und Gottesdienste


Feste feiern sie am ersten und am letzten Tage jedes Monats und des Jahres, das sie in Monate einteilen, die nach dem Mondumlaufe gegliedert sind, während der Umlauf der Sonne das Jahr begrenzt. Die ersten Tage heißen in ihrer Landessprache Eynemernen, die letzten Trapemernen, welche Wörter als »Anfangsfest« und »Endfest« gedeutet werden mögen.

Man findet bei ihnen prachtvolle Tempel, nicht nur trefflich gebaute, sondern, was bei der geringen Anzahl derselben nötig war, sehr geräumige, die große Volksmassen fassen können. Trotzdem aber sind sie halbdunkel, was nicht aus Unverstand der Baumeister, sondern auf den Rat der Priester so eingerichtet worden sein soll, weil übermäßig helles Licht die Gedanken ablenke und zerstreue, während durch matteres und gleichsam zweifelhaftes die Gemüter gesammelt würden und das Gefühl der Andacht sich erholte.

Denn wenn auch nicht eine und dieselbe Religion auf der Insel herrscht, so stimmen doch die Glaubensbekenntnisse, so verschiedentlich und vielfach sie auch sind, darin überein, dass sie auf verschiedenen Wegen in der Verehrung der göttlichen Natur die in einem Endziel zusammenkommen; daher sieht und hört man in den Tempeln nichts, was nicht für alle Kulte gemeinsam zu passen schiene.

Der besondere Gottesdienst einer Sekte wird in ihren Privathäusern abgehalten. Der allgemeine öffentliche Gottesdienst ist so beschaffen, dass keiner Privateigenheit eines Kultus zu nahe getreten wird. Daher ist kein Götterbild im Tempel zu erblicken, damit es Jedem unbenommen bleibe, unter welcher Gestalt er sich Gott nach seiner besonderen Religion vorstellen will, sie rufen Gott nicht unter einem bestimmten Namen, sondern nur unter dem des Mythras an, mit welchem Worte sie alle einmütig die Natur her göttlichen Majestät bezeichnen, was diese auch sei; und es werden keine Gebete gesprochen, die nicht ein Jeder vorbringen könnte, ohne sich gegen seine Sekte zu verfehlen.

An den Endfesttagen kommen sie Abends noch nüchtern zusammen, um Gott für das glücklich vollbrachte Jahr oder desgleichen Monat, dessen letzer Tag dieser Festtag ist, Dank zu sagen; am nächsten Tag, das ist am Anfangsfesttage, strömen sie früh in die Tempeln zusammen, um für das folgende Jahr oder den folgenden Monat, das oder der durch diesen Festtag eingeweiht wird, Glück und Heil zu erbitten.

Bevor sie sich an den Endfesttagen nach dem Tempel begeben, bekennen zu Hause die Frauen, indem sie ihren Männern, die Kinder, indem sie den Eltern zu Fußen fallen, dass sie gesündigt haben, sei's durch Begehung eines direkten Vergehens, sei's durch fahrlässige Erfüllung einer Pflicht, und bitten für ihren Fehler um Verzeihung; und so wird jede leichte Volke, die etwa aufgestiegen war und den Frieden am häuslichen Himmel verdunkelt hatte, zu voller Genugtuung verflüchtigt, so dass sie sie (Utopier) mit reinem und heiterem Gemüte dem Gottesdienste beiwohnen können, denn mit getrübtem anwesend zu sein, verbietet ihnen ihr Gewissen, und wenn sie sich daher eines gegen jemand gehegten Grolles oder Zornes bewusst sind, so drängen sie sich nicht in das Gotteshaus, so lange sie sich nicht versöhnt und ihre Herzen von unlauteren Leidenschaften gereinigt haben, aus Furcht, dass die Rache des Himmels sie treffe.

Sobald sie eintreten, begeben sich die Männer auf die rechte Seite des Tempels, die Frauen auf die linke, dann ordnen sie sich so, dass die männlichen Mitglieder jeder Familie vor dem Familienvater Platz nehmen und die Hausfrau die Reihe der weiblichen Mitglieder schließt.

Das ist deswegen so vorgesehen, damit die Geberden und das Gebahren Aller von Denjenigen genau beobachtet werden können, die die häusliche Gewalt über die andern Alle haben; wie sie denn auch sorgsam daraus sehen, dass ein Jüngerer an diesem Orte mit einem Älteren zusammengesetzt werde, damit nicht die Kinder, sich unter einander überlassen, diese Zeit mit kindischen Läppereien verbringen, während welcher sie gerade hauptsächlich fromme Furcht vor dem Himmlischen empfinden sollten, welche der stärkste und fast einzige Anreiz zur Tugend ist.

Bei ihren Opfern schlachten sie keine Tiere und wähnen nicht, dass sich die göttliche Güte an Blut und Mord freue, die Allem, was da lebt, das Leben nur gegeben hat, damit es sich froh auslebe.

Sie zünden Weihrauch an und andere Wohlgerüche und tragen zahlreiche Wachskerzen vor sich her, nicht, als ob sie nicht müßten, dass das alles der göttlichen Natur in keiner Weise fördersam ist, wie es auch die Gebete der Menschen nicht sind, aber eine harmlose Art der Verehrung gefällt ihnen, und durch diese Düfte, Lichter und die anderen Ceremonien fühlen sich die Menschen, ich weiß nicht wie, gehoben und erheben sich mit um so viel fröhlicherem Gemüte zur Anbetung Gottes.

Das Volk hat im Tempel weiße Kleider an, der Priester ist in bunte Farben gekleidet, eine Gewandung, die durch Arbeit und Schnitt und Mache bewundernswert, doch von wenig kostbarem Stoffe ist, denn sie ist weder mit Gold durchwirkt, noch mit wertvollen, seltenen Steinen bestickt, sondern mit verschiedenen Vogelfedern so sinnreich und kunstvoll gearbeitet, dass der kostbarste Stoff den Wert der Arbeit nicht aufwiegen würde. Überdies, heißt es, sind in diesen Schwingen und Federn und in gewissen Anordnungen derselben, welche auf dem priesterlichen Gewande wahrzunehmen sind, gewisse verborgene Geheimnisse enthalten, durch deren bekannte Auslegung (die von den Priestern sorgfältig überliefert wird) sie an die ihnen zuteil gewordenen Wohltaten Gottes und umgekehrt auch an die Gott schuldige Pietät, sowie an die Pflichten, die sie gegenseitig unter einander zu erfüllen haben, erinnert werden.

Sobald sich der Priester in diesem Ornate auf der Schwelle des Heiligtums zeigt, werfen sie sich insgesamt verehrungsvoll zu Boden, unter so allgemeinem tiefen Schweigen, dass dieser Anblick allein schon einen gewissen überirdischen Schauer einflößt, als ob eine Gottheit anwesend sei.

Nachdem sie eine Weile am Boden verweilt, erheben sie sich auf ein vom Priester gegebenes Zeichen wieder und lobsingen Gott, wozu zwischendurch Instrumentalmusik ertönt; die betreffenden Instrumente sind großenteils von anderer Gestalt als die in unserem Erdkreise bekannten. Die meisten übertreffen die bei uns üblichen bedeutend an Sanftheit des Tons, manche sind mit den unsrigen nicht einmal zu vergleichen.

In einem Punkte aber sind uns die Utopier zweifellos bei weitem voraus, nämlich darin, dass ihre Musik, sei es Instrumental-, sei es Vokalmusik, so vorzüglich die natürlichen Gemütsbewegungen nachahmt und zum Ausdrucke bringt, und die Töne durchweg so fachgemäß gehalten sind, dass, ob es sich um flehendes Gebet, oder um fröhliche, sanfte, stürmische, traurige, zornige Rede handelt, die Form der Melodie sich so treffend dem Sinne anschmiegt, dass die Gemüter der Zuhörer wunderbar ergriffen, durchdrungen, entflammt werden.

Zuletzt sprechen Priester und Volk feierliche Gebete zusammen in Worten, die so gefasst sind, dass, was alle hersagen, Jeder auch auf sich selbst beziehen kann. In diesen Gebeten erkennen sie Gott als den allesregierer an, und sagen für zahllose empfangene Wohltaten Dank, insbesondere aber dafür, dass sie durch die Gunst Gottes in dem glücklichsten Staatswesen, das es gibt, das Licht der Welt erblickt haben, und jener Religion teilhaft geworden sind, die sie für die wahrste halten.

Wäre das ein Irrtum, oder gäbe es in beiden Beziehungen ein Besseres, das mehr Gottes Billigung habe, so bitten sie ihn, dass er sie erleuchte und dass sie bereit seien, ihm in Allem zu folgen, welche Wege er sie auch weise; wenn aber diese Staatsform die beste ist und ihre Religion die richtigste, dann möge ihnen selbst Gott Standhaftigkeit verleihen und die Gesamtheit der Sterblichen zur Einführung derselben Lebenseinrichtungen und zum selben Gottesglauben bewegen, wenn es nicht sein unerforschlicher Wille sei, dass diese Verschiedenheit der Religionen bestehe, weil er daran Gefallen findet.

Schließlich bitten sie um einen leichten seligen Tod und um Aufnahme zu Gott; wie bald oder wie spät das geschehen solle, darum wagen sie nicht zu bitten. Und wenn es, ohne Gottes Majestät zu verletzen, geschehen könne, so liege es ihnen vielmehr am Herzen, selbst den schwersten Tod zu erleiden und zu Gott zu gehen, als ihm sogar um den preis des glücklichsten Lebenslaufes so viel länger fern zu bleiben.

Wenn sie dieses Gebet gesprochen haben, werfen sie sich abermals zu Boden und stehen bald darauf wieder auf und gehen sodann zum Mittagessen. Den übrigen Teil des Tages verbringen sie mit Spielen und militärischen Übungen.


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