7. Arbeitsverteilung, Kleidung und Wohlstand


Aber um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen, ist hier etwas näher zuzusehen. Denn da nur sechs Stunden gearbeitet wird, so könnte man vielleicht der Meinung sein, dass daraus ein Mangel an den notwendigsten Erzeugnissen entstehen müsse.

Aber das ist so wenig der Fall, dass besagte Zeit zur Herstellung einer Fülle von Dingen, die zu den Lebensbedürfnissen und Lebensannehmlichkeiten gehören, nicht nur genügt, sondern mehr als ausreichend ist, was ihr leicht einsehen werdet, wenn ihr bedenkt, ein wie großer Teil des Volkes bei andern Nationen müßig geht. Erstens fast alle Frauen, die Hälfte der ganzen Bevölkerung, oder, wo die Frauen tätig sind, faulenzen an ihrer Statt meistens die Männer. Wie groß ist ferner die müßig gehende Schar der Priester und Mönche?! Dazu kommen sodann die Reichen, meist Großgrundbesitzer, gewöhnlich die Junker und Adeligen genannt; dazu rechne ferner die Scharen Diener und den gesamten Schwarm müßiggängerischer Gefolgschaft, endlich die gefunden, kräftigen Bettler, die alle möglichen Krankheiten zum Vorwand für ihre Faulheit nehmen.

Sicherlich würdest du die Anzahl Derer, durch deren Tätigkeit die Produkte zu Stande kommen, die zum täglichen Gebrauche dienen, geringer finden, als du wohl wähnen dürftest. Nun überlege bei dir, wie Wenige von diesen selbst wieder sich mit praktisch nützlichen, notwendigen Handwerken beschäftigen.

Wo Geld der Maßstab aller Dinge ist, da müssen viel eitle und überflüssige Künste betrieben werden, die nur dem Luxus und den Lüsten dienen. Denn wenn dieselbe Anzahl von Leuten, die heutzutage überhaupt arbeiten, auf die wenigen Handwerke verteilt würde, die der natürlich einfachen Lebensweise nach bloß erforderlich sind, so würden die Preise so sehr sinken, dass die Handwerker von ihrer Arbeit ihren Lebensunterhalt nicht mehr zu bestreiten vermöchten. Aber wenn alle jene, die jetzt in müßigen Künsten und Gewerken beschäftigt sind, zusamt der ganzen Schar, die sich in Müßiggang und Nichtstun langweilt, und deren Jeder von den Erzeugnissen, die durch wirklich Arbeitende hergestellt werden, doppelt so viel verbraucht, als ein nützlicher Arbeiter, alle in praktisch nützlichen Berufen untergebracht würden, so würdest du mit Leichtigkeit gewahr werden, wie so sehr wenig Zeit mehr als übergenug ist, um alles das zu liefern, was entweder der unbedingte Lebensbedarf, oder die Behaglichkeit und selbst das Vergnügen — doch nur das wahre und natürliche — erheischt.

Und das erhellt in Utopien aus den Tatsachen selbst. Denn dort sind in einer ganzen Stadt mit samt ihrer nächsten Umgegend aus der gesamten Zahl der Männer und Frauen, die dem Alter und den Körperkräften nach zur Arbeit tauglich sind, kaum fünfhundert, die davon befreit sind. Unter diesen dispensieren sich die Syphogranten (die gesetzlich der Arbeit überhoben sind) nicht einmal selbst vom Arbeiten, um die Übrigen um so leichter durch ihr Beispiel zur Arbeit einzuladen.

Derselben Immunität erfreuen sich diejenigen, welchen das Volk zufolge der Empfehlung der Priester und den geheimen Abstimmungen der Syphogranten zum Studium der Wissenschaften lebenslängliche Befreiung gewährt. Wenn so einer die auf ihn gesetzten Hoffnungen getäuscht hat, so wird er in die Klasse der Handwerker zurückversetzt; und umgekehrt kommt es gar nicht so selten vor, dass ein Handwerksmann seine ersparten Mußestunden so emsig den Wissenschaften zuwendet, dass er ansehnliche Fortschritte macht, und, von seinem Handwerk befreit, in die Klasse der Geleierten aufsteigt.

Aus diesem Stande der Gelehrten werden die Gesandten, die Priester, die Traniboren, wird endlich der Fürst selbst erwählt, den sie in ihrer alten Sprache Barzanes, in der neueren Ademus nennen.

Da die ganze übrige Bevölkerung weder unbeschäftigt, noch in unfruchtbaren Handwerken beschäftigt ist, so ist leicht zu taxiren, in wie wenigen Stunden so viel nützliche Arbeit in den erwähnten Beziehungen vor sich gebracht werden kann; dazu kommt noch der erleichternde günstige Umstand, dass sie in den meisten unentbehrlichen Gewerken weniger Arbeitszeit verbrauchen, als andere Völker.

Denn erstens kostet die Aufführung und die Reparatur der Gebäude anderwärts überall viele und beständige Arbeit, weil, was der Vater gebaut hat, ein fahrlässiger Erbe nach und nach verfallen läßt, während er es mit geringem Aufwande hätte in Stand halten können; dessen Nachfolger muß die Wiederherstellung dann von Frischem mit beträchtlichen Kosten besorgen lassen; nicht selten auch ist einer so zimperlich, dass er das mit großem Aufwande erbaute Haus als zu simpel verschmäht und es darum vernachläßigt; wenn es dann binnen Kurzem verfällt, läßt er sich anderswo ein anderes mit nicht geringeren Kosten erbauen.

Aber bei den Utopiern, wo alle Verhältnisse wohl geordnet sind, und das Staatswesen bestens konsolidirt ist, kommt es nur selten vor, dass ein neues Haus auf einem Bauplatz aufgeführt wird, da vorhandenen Schäden nicht nur schleunig abgeholfen, sondern auch erst drohenden flugs begegnet wird.

So kommt es denn, dass die Gebäude mit einem Minimum von Arbeit ungemein lange dauern, so dass die Bauhandwerker zuweilen kaum etwas zu tun haben, außer mittlerweile Zimmerholz zu hobeln und Steine zu behauen, damit, wenn es einen Bau aufzuführen gibt, dieser um so rascher entstehen kann.

Nun sollst Du auch an der Kleidung sehen, wie wenig Arbeit die Utopier brauchen. Bei der Arbeit selbst sind sie ganz primitiv in Leder oder Felle gekleidet, die sieben Jahre aushalten. Wenn sie dann die Arbeit verlassen und auf die Straße gehen, ziehen sie ein Oberkleid über, welches jene gröbere Gewandung verdeckt; dieses hat dieselbe Farbe auf der ganzen Insel, und zwar die natürliche der Wolle. Sie brauchen daher viel weniger Tuchstoffe als anderswo und auch jenes eine Tuch kommt ihnen billiger.

Die Herstellungsarbeit ist bei Leinen geringer, daher wird es häufiger verwendet, aber bei Leinen wird nur auf die Weiße, bei Wollstoffen auf die Reinlichkeit gesehen, die größere Feinheit des Gewebes wird nicht bezahlt.

So kommt es, dass, während nirgendswo sonst vier oder fünf Wollkleider von verschiedenen Farben einem Manne genügen und den etwas Verwöhnteren nicht einmal zehn, dort Jedermann mit einem auskommt und das meist noch für zwei Jahre. Es gibt ja keinen Grund, warum er sich mehr wünschen sollte; er wäre mit ihnen weder gegen die Kälte mehr geschützt, noch würde er durch seine Kleidung um ein Haar schmucker aussehen.

Da sie sich nur mit nützlichen Gewerken und Künsten befassen, und in jedem Handwerk nur wenige Arbeiter benötigt sind, so geschieht es, dass die Utopier zu Zeiten eine sehr große Anzahl Leute zur Verfügung haben, welche die öffentlichen Straßen ausbessern können, wenn diese schadhaft geworden sind. Sehr oft aber, wenn auch diese Art Arbeit nicht von nöten ist, wird öffentlich bekannt gemacht, dass die Zahl der Arbeitsstunden herabgesetzt ist. Denn die Obrigkeiten plagen die Bürger nicht mit unnützer überflüssiger Arbeit.

Die Organisation dieses Staatswesens hat vor allem diesen einen Zweck vor Augen, alle Zeit, so weit es die Arbeiten für die Bedürfnisse der Gesamtheit erlauben, den Bürgern zur Abstreifung der Knechtschaft des Leibes und zur Befreiung und Ausbildung des Geistes zu gute kommen zu lassen. Denn darin sehen sie das wahre Glück des Lebens. 


 © textlog.de 2004 • 11.12.2017 22:01:43 •
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