Sieg durch geistige Waffen und »kalter Krieg«


Ein blutiger Sieg widert sie nicht bloß an, sie schämen sich desselben sogar, indem sie es für eine große Torheit halten, eine Ware, und sei sie auch noch so kostbar, zu teuer gekauft zu haben. Den Gegner aber durch Kriegskunst oder List zu besiegen, und unter ihre Botmäßigkeit zu bringen, dessen rühmen sie sich mit Frohlocken, veranstalten auch öffentliche Triumphzüge darob und richten Trophäen auf, weil sie sich mannhaft gehalten haben; sie rühmen sich aber nur dann, sich wahrhafte Männer bewährt und tugendhaft gehandelt zu haben, so oft sie den Sieg in einer Weise errungen haben, wie nur der Mensch, und kein Tier, es imstande ist, nämlich durch die Kräfte des Geistes.

Denn mit bloß körperlicher Kraft, sagen sie, kämpfen Bären, Löwen, Eber, Wölfe Hunde und die übrigen wilden Tiere, die wie sie uns meistenteils an Stärke und Wildheit überlegen sind, so an Verstand und Überlegung insgesamt uns nachstehen.

Bei einem Kriege haben die Utopier immer diesen einen Zweck vor Augen, das zu erlangen, was, wenn sie es früher erreicht hätten, die Wirkung gehabt hätte, dass sie den Krieg nicht erklärt hätten. Ist dies der Natur der Sache nach unmöglich, so nehmen sie an denen, welchen sie das Vergehen schuld geben, eine so strenge Rache, dass sie durch ihnen eingeflößte Furcht in alle Zukunft abgeschreckt werden, dasselbe je wieder zu begehen.

Das sind die Ziele, die ihnen bei einem Kriegsvorhaben vor schweben, die sie rasch zu erreichen streben, doch so, dass ihre Sorgfalt zuvörderst mehr daraus gerichtet ist, die Gefahren einer Kriegführung zu vermeiden, als Ruhm und Lobeserhebungen einzuheimsen.

Sofort, nachdem daher der Krieg erklärt ist, sorgen sie dafür, dass heimlich und zu gleicher Zeit eine große Anzahl mit ihrem Staatssiegel versehener Proklamationen an den bekanntestes Orten feindlichen Landes angeheftet werden, worin ungeheure Summen als Belohnung für Denjenigen ausgesetzt werden, der den Fürsten des feindlichen Volkes aus dem Leben schafft, dann geringere, obwohl immer noch sehr bedeutende, für die einzelnen hervorragenden Häupter beim Feinde, die in jenen Schriftstücken desgleichen geächtet sind, d. i. Diejenigen, die sie neben dem Fürsten selbst für die Urheber der gegen sie gerichteten feindlichen Beschlüsse halten.

Was sie für den Mörder ausgeworfen haben, das verdoppeln sie für denjenigen, der einen der Geächteten ihnen lebendig ausliefert; wozu sie auch die Geächteten gegen ihre eigenen Genossen unter Gewährung derselben Prämie und zugesicherter Straflosigkeit auffordern.

So kommt es gar schnell zustande, dass die Feinde alle Menschen in Verdacht haben und sich gegenseitig nicht mehr trauen können und in höchster Furcht und nicht minderer Gefahr leben.

Denn gar oft schon, wie feststeht, hat es sich ereignet, dass ein großer Teil der so Bezeichneten und vor allen der Fürst selbst, von Denjenigen verraten würden sind, auf die sie das größte Vertrauen gesetzt hatten.

So leicht verleiten Bestechungen zu jedem beliebigen Verbrechen, und in der Höhe solcher Spenden gibt es für die Utopier keine grenze. Weil sie sich aber dessen wohl bewusst sind, wie groß die Gefahr ist, in welche sich die so Aufgeforderten begeben, so sind sie beflissen, die Größe dieser Gefahren durch eine reiche Fülle der dafür gewährten Wohltaten aufzuwiegen und versprechen nicht nur unermeßliche Schätze an Gold, sondern auch Grundstücke, die ein glänzendes Erträgnis abwerfen und in Freundesland so sicher als möglich gelegen sind, zu ewigem Besitz, was sie alles auch mit der denkbar höchsten Treue halten.

Dieser Gebrauch, den Feind als ein Versteigerungs und Verlaufsobjekt zu behandeln, gilt bei andern Völkern als verwerflich, als eine schändliche Handlungsweise eines entarteten, grausamen Gemüts, sie aber dünken sich deswegen ob ihrer gar hohen Klugheit lobenswert, da sie auf diese Weise dem größten Kriege alsbald ohne Schlachtengemetzel ein Ende bereiten, ja sie halten sich aus diesem Grunde sogar umgekehrt für menschlich und mitleidvoll gesinnt, weil sie um den preis des Todes weniger Schuldigen zahlreiche unschuldige Leben vom Untergange loskaufen, die sonst in den Schlachten umgekommen wären. Und zwar teilweise die Leben ihrer eigenen Volksangehörigen, teilweise aber auch solche aus den Reihen der Feinde, deren gemeines Volk sie nicht in geringerem Maße bedauern, als ihre eigenen Landsleute, da sie wohl wissen, dass dieses den Krieg nicht von freien Stücken angefangen hat, sondern durch die rasende Leidenschaft seines Fürsten dazu getrieben wird.

Kommen sie aus dem angegebenen Wege nicht zum Ziele, so streuen sie den Samen der Zwietracht unter den Feinden aus und nähren dieselbe, indem sie in dem Bruder des Fürsten oder in einer Persönlichkeit aus dem hohen Adel die Hoffnung erwecken, dass er sich des Reiches bemächtigen könne.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 08.11.2006 
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