3. Die Stadt Amaurotum


Ich werde daher eine beliebige schildern, es kommt wirklich nicht besonders darauf an, welche. Aber welche lieber als Amaurotum? Denn sie ist die angesehenste, so dass ihr die andern den Vorrang des Senatssitzes überlassen; auch ist mir keine besser bekannt, insofern ich fünf Jahre ununterbrochen dort gelebt habe.

Amaurotum liegt also an einer sanften Berglehne und ist von Gestalt beinahe viereckig. Ihre Breite beginnt etwas unterhalb des Gipfels des Hügels und erstreckt sich zweitausend Schritt am Flusse Anydrus hin; den Fluss entlang beträgt die Länge etwas mehr.

Der Anydrus entspringt achtzig Meilen oberhalb Amaurotums aus einer mäßigen Quelle, aber durch den Zufluss anderer Flüsse, darunter zweier ziemlich großen, verstärkt, wird er vor der Stadt fünfhundert Schritt breit, und nach einem weiteren Laufe von sechzig Meilen fällt er ins Weltmeer. Wenn bei der Fluth das Meer gegen dreißig Meilen weit eindringt, so erfüllt es das ganze Bett des Anydrus mit seinen Wellen und drängt das Flusswasser zurück. Da wird sein Wasser eine ziemliche Strecke mit Salzgeschmack verdorben, sodann wird der Fluss allmählich wieder süß, und durchfließt klar die Stadt; wenn dann die Ebbe eintritt, dringt umgekehrt sein unvermischtes reines Wasser fast bis zur Mündung vor.

Die Stadt ist mit dem gegenüberliegenden Ufer durch eine herrlich gewölbte Brücke von Steinwerk, nicht etwa bloß von hölzernen Pfeilern oder Pflöcken verbunden in jenem Stadtteile, der am weitesten vom Meere entfernt ist, damit die Schiffe dort ganz ungehindert vorüberfahren können.

Es gibt übrigens noch einen zweiten Fluss, nicht sehr groß, aber von sanftem und anmutigem Lauf. Er entspringt demselben Berge, auf dem die Stadt liegt, fließt mitten durch diese und fällt in den Anydrus. Quelle und Ursprung dieses Flusses haben die Amaurotaner, weil sie etwas außerhalb der Stadt liegen, mit Befestigungen eingefasst und so mit der Stadt verbunden, damit, wenn eine feindliche Macht eindränge, sie das Wasser in derselben weder auffangen, noch ableiten, noch verderben könne. Von da wird das Wasser in aus Backsteinen gemauerten Kanälen in verschiedenen Richtungen in die unteren Teile der Stadt geleitet, und wo das der örtlichen Beschaffenheit nach nicht möglich ist, wird das Regenwasser in geräumigen Cisternen gesammelt und leistet denselben Dienst.

Eine hohe und breite Mauer mit zahlreichen Türmen, Basteien und Bollwerken umgibt die Stadt; trockene aber tiefe und breite Gräben, mit Zäunen von Dorngestrüpp umwegsam gemacht, ziehen sich von drei Seiten um die Stadtmauern, auf der vierten versieht der Fluss die Stelle des Grabens.

Die Straßen sind nicht allein zum Fahren, sondern auch die Winde abzuhalten geeignet; die Gebäude sind schmuck und bilden mit der Vorderfront eine zusammenhängende Reihe in einer Straßenbreite von fünfzehn Fuß.

An der Hinterseite der Häuser liegen große Gärten, die ganze Länge der Straße entlang, an die wieder die Rückseite anderer Straßen stößt. Kein Haus, das nicht, wie vorneheraus die Straßentür, so nach hinten ein Pförtchen in den Garten hätte. Diese Türen sind zweiflügelig, mit einem leichten Druck der Hand zu öffnen, und gehen dann auch von selber wieder zu und lassen Jedermann ein, denn Privateigentum gibt es ja nicht. Denn selbst die Häuser vertauschen sie alle zehn Jahre durchs Los.

Diese Gärten halten sie hoch. Darin haben sie Weinberge, Früchte, Kräuter, Blumen, von solcher Pracht und Pflege, dass ich nirgends mehr Üppigkeit und Zier gesehen habe. Ihr Eifer in dieser Art Gärtnerei entspringt nicht nur bloß dem Vergnügen, sondern auch einem Wettstreite der Straßen untereinander in Bezug auf die Pflege der einzelnen Gärten und sicherlich ist in der ganzen Stadt nichts Nützlicheres und Angenehmeres für die Bürger zu finden. Der Gründer der Stadt scheint denn auch auf nichts mehr Sorgfalt verwendet zu haben, als auf diese Gärten. Und richtig heißt es, Utopus selbst habe von allem Anfang diese Gestalt und Anlage der Stadt vorgesehen. Aber die Ausschmückung und den weiteren Ausbau, wozu, wie er voraussah, ein Menschengeschlecht nicht genügen würde, hat er den Nachkommen überlassen.

Und so steht in ihren Annalen geschrieben, die sie von der ersten Besitzergreifung der Insel an, die Geschichte von siebzehnhundertundsechzig Jahren umfassend, fleißig und gewissenhaft zusammengestellt aufbewahren, dass die Häuser im Anfang niedrig, wie Baracken und Schäferhütten, waren, aus beliebigem Holze errichtet, die Wände mit Lehm verschmiert, die Dächer spitz zulaufend und mit Stroh gedeckt.

Heutzutage ist jedes Haus elegant mit drei Stockwerken gebaut, die Außenseite der Mauer entweder von Kieselstein, Zement oder gebrannten Steinen, auf der Innenseite mit Bruchstein ausgekleidet. Die Dächer sind flach und werden mit einer Kalkmasse belegt, der das Feuer nichts anhaben kann und die gegen die Unbilden des Wetters sich widerstandsfähiger als Blei erweist. Den Wind halten sie durch Glas ab (dessen Gebrauch ihnen ganz geläufig ist). Doch gibt es auch Fenster von sehr dünner, mit klarem Öl oder Bernstein getränkter Leinwand, was den doppelten Vorteil hat, dass mehr Licht und weniger Wind durchgelassen wird.



Quelle: www.textlog.de

 © textlog.de 2004 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.11.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright