Begriff - Schleiermacher, Herbart, Waitz


Nach SCHLEIERMACHER entspricht der Begriff dem Für-sich-sein der Dinge, den »substantialen Formen«. RITTER nennt den Begriff »die Form des Denkens, welche den bleibenden Grund der Erscheinung darstellt« (Log.2, S. 50). TRENDELENBURG bestimmt ihn als »Form des Denkens, die der realen Substanz als geistiges Abbild entspricht« (Log. Unt. II, Sct. XIV f.). Der Begriff wird erst durch das Urteilen lebendig (l.c. II, 237). Nach O. GRUPPE ist der Begriff das Produkt von Urteilen (Wendep. d. Phil. S. 48, 60). BENEKE spricht dem Begriff jedes Tätigkeitsmoment ab (Log. II, 202). Er entsteht »durch gegenseitige Anziehung ähnlicher Vorstellungen« (l.c. S. 197), enthält das Konstante, Identische des Dinges, ohne dieses selbst zu sein (l.c. S. 198, 201). Psychologisch besteht er in den »durch Vereinigung der gleichen Bestandteile zu einem Akt erzeugten Vorstellungen« (Lehrb. d. Psych. § 122), er ist »ein Vorstellen von stärkerem, klarerem Bewußtsein« (Neue Psychol. S. 108).

Nach HERBART entstehen die Begriffe aus der »Hemmung« (s. d.) des Ungleichartigen mehrerer Vorstellungen (Psych. a. Wiss. I, S. 498). Jede Vorstellung ist Begriff, »in Hinsicht dessen, was durch sie vorgestellt wird« (Einl. in d. Phil. § 34). Die Begriffe als solche existieren »nur in unserer Abstraktion« (Lehrb. z. Psych.3, S. 126), sind keine besondere Art von Vorstellungen (ib.). »Allgemeine Begriffe, die bloß durch ihren Inhalt gedacht würden, ohne ein Hinabgleiten des Vorstellens in ihren Umfang«, sind »logische Ideale« (l.c. S. 127). Wir denken sie nur »vermittelst der Urteile«, wobei gewisse »Gesamteindrücke von ähnlichen Gegenständen« als Material für die Begriffsbildung vorausgesetzt werden (ib.). »Die Ausbildung der Begriffe ist... der langsame, allmähliche Erfolg des immer fortgehenden Urteilens« (l.c. S. 130). Logischer Begriff ist »jedes Gedachte, bloß seiner Qualität nach betrachtet« (Psychol. a. Wiss. II, S. 119), d.h. »Vorstellungen, bei denen wir von der Art und Weise abstrahieren, wie sie psychologisch entstanden seien« (Einl. in d. Phil. S. 77). Nach DROBISCH bildet das Denken Begriffe, sofern es »an den Vorstellungen nur das betrachtet, was in ihnen vorgestellt wird« (N. Darst. d. Log.5, S. 10). VOLKMANN bestimmt den Begriff als »die auf ihr reines Was zurückgeführte Vorstellung oder Vorstellungsform« (Lehrb. d. Psych. II4, 247).

Nach WAITZ ist der Begriff »die bestimmte Art des Zusammenhanges in einem Vorstellungskreise, er drückt stets ein Gesetz des Zusammenhanges der Vorstellungen nach ihrem Inhalte aus und kann deshalb nur entstehen durch die Ausbildung der besonderen Beziehungen, in welche die einzelnen Vorstellungen ihrem Inhalte gemäß zueinander treten« (Lehrb. d. Psych. S. 515). GEORGE bestimmt den Begriff als »die vollendete Erkenntnis eines Gegenstandes, wie sie durch das Zusammenfallen des Induktions- und Deduktionsprozesses gegeben wird« (Lehrb. d. Psych. S. 500). Nach LAZARUS ist der Begriff »der durch Vorstellungen, d.h. in Satz- und Urteilsform, deutlich und klar erfaßte Inhalt einer diskursiven oder allgemeinen Anschauung« (Leb. d. Seele II2, 301). Er enthält das Wesen der Dinge (ib.). Ein wahres Begreifen gibt es erst vermittelst der Sprache (l.c. S. 306). Nach ÜBERWEG ist der Begriff »diejenige Vorstellung, in welcher die Gesamtheit der wesentlichen Merkmale oder das Wesen (essentia) der betreffenden Objekte vorgestellt wird« (Log.4, § 56). Nach CZOLBE bedingt das in jeder Gruppe von Objekten vorhandene Gemeinsame oder Wesentliche die Bildung des Begriffs, d.h. »der gemeinsamen Merkmale in der Wahrnehmung oder Vorstellung ähnlicher Dinge« (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S.182). Nach DEUSSEN besteht der Begriff im »Festhalten des Identischen« (El. d. Met. § 103). Nach KIRCHNER ist er das »Vorstellen des Gemeinsamen an einer Vorstellungsgruppe« (Kat, d. Log.2, S. 112). Nach O. LIEBMANN sind die Begriffe keine Phantasiebilder, sondern »unbildliche Verständnisakte«, die das Generelle und Gemeinsame herausheben (Anal. d. Wirkl.2, S. 492). O. SCHNEIDER versteht unter ihnen den logischen »Bewußtseinszustand, in welchem das einer Reihe von Einzeldingen Gemeinsame zusammengefaßt und als dieser Reihe von Einzeldingen anhaftend gewußt wird oder gegenwärtig ist« (Transc. S. 132). Nach F. KRAUSE ist der Begriff »die Zusammenfassung der gemeinsamen Teilvorstellungen aus gleichartigen Gesamtvorstellungen zu einer seelischen Einheit« (Das Leb. d. menschl. Seele I, 173). Die Begriffe sind »das Apperzipierende und Assimilierende in der Seele« (l.c. S. 180). HELMHOLTZ: »Durch das Zusammenfassen des Ähnlichen in den Tatsachen der Erfahrung entsteht ihr Begriff. Wir nennen ihn Gattungsbegriff, wenn er eine Menge existierender Dinge, wir nennen ihn Gesetz, wenn er eine Reihe von Vorgängen oder Ereignissen umfaßt« (Üb. d. Verh. d. Naturwiss. zur Gesamth. d. Wiss. 1862, S. 14). Nach SULLY ist der Begriff eine Synthese von Eigenschaften, ein Produkt des aktiven Bewußtseins, er schließt schon einfaches Urteilen ein (Handb. d. Psychol. S. 246, 260, 280). OSTWALD versteht unter Begriff den Inbegriff übereinstimmender Bestandteile ähnlicher Erlebnisse unter Ausschluß der verschiedenen, eine Gruppe zusammenhängender Erfahrungen (Vorles. üb. Naturphil.2, S. 17, 19). Der Begriff ist nicht vorstellbar, sondern »eine Regel, nach welcher wir bestimmte Eigentümlichkeiten der Erscheinung beachten« (l.c. S. 22 f.).

Nach LIPPS ist der Begriff »die Bedeutungssphäre eines Wortes oder sprachlichen Ausdrucks oder die Sphäre möglicher Bewußtseinsobjekte, die und sofern sie in einem sprachlichen Ausdruck ihren zusammenfassenden Mittelpunkt und damit zugleich ihre Abgrenzung gefunden haben« (Gr. d. Log. S. 124). Das Wort ist es, was bei jedem allgemeinen Begriff die Festhaltung eines bestimmten Gemeinsamen fordert (l.c. S. 126). An sich ist der Begriff ein »potentielles wechselseitiges Urteil« (l.c. S. 127; Gr. d. Seelenleb. S. 464). SCHUPPE nennt Begriff »alles, was man bei einem Worte als dessen Bedeutung denkt, indem die mehreren als wesentlich erkannten Prädikate als eine Einheit gedacht werden« (Log. S. 88). Der Begriff ist eine »Erkenntnis des Wirklichen, des wirklichen Zusammenhanges in dem wirklichen Gegebenen« (l.c. S. 163). M. KAUFFMANN definiert den Begriff als »Klasse von anschaulichen Objekten, welche das gemeinsame Merkmal haben, von einem solchen gleichen Symbole repräsentiert zu werden, welches keinem Objekte außerhalb dieser Klasse zukommt« (Fund. d. Erk. S. 21). ZIEHEN bestimmt den Begriff als »Gesamtkomplex« von Vorstellungsinhalt, Bewegungsvorstellung des gesprochenen, akustischer Vorstellung des gehörten Wortes (Leitfad. d. phys. Psych.2, S. 115). Nach SCHUBERT-SOLDERN werden durch das Wort die begrifflichen Bestandteile isoliert und verselbständigt (Gr. e. Erk. S. 104, vgl. S. 99, 103). Nach CLIFFORD ist der Begriff »eine Gruppe von Empfindungen, die als Symbole für verschiedene Wahrnehmungen dienen und von Banden zwischen diesen und andern Empfindungen« (Von d. Nat. d. Dinge an sich S. 40). Nach E. MACH ist der Begriff »keine fertige Vorstellung, sondern eine Anweisung, eine vorliegende Vorstellung auf gewisse Eigenschaften zu prüfen, oder eine Vorstellung von bestimmten Eigenschaften herzustellen« (Wärmelehre, S. 419). Die physiologische Grundlage des Begriffs liegt in den »konformen Reaktionen« des Individuums (l.c. S. 416 ff.). Der Begriff ist »eine bestimmte Reaktionstätigkeit, welche eine Tatsache mit neuen sinnlichen Elementen bereichert« (Anal. d. Empfind. S. 246). Nach F. MAUTHNER ist der Begriff (fast identisch mit dem Wort), »nichts weiter als die Erinnerung oder die Bereitschaft einer Nervenbahn, einer ähnlichen Vorstellung zu dienen« Kr. d. Spr. I, 410).


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