Bewußtsein (Eigenschaft der Vorstellungen)

Als Eigenschaft des Vorstellungsvermögens, der Vorstellungen selbst wird das Bewußtsein bestimmt von MALEBRANCHE (Rech. III, 2, 7), LOCKE (Ess. II, ch. I, § 9), JAMES MILL (Analys. of the phen. I, p. 224). HUME setzt Bewußtsein und »innerlich vergegenwärtigte Vorstellung« gleich (Treat., übers. von Lipps, Anhang, S. 363.) Nach BONNET ist Bewußtsein ein »sentiment distinct« (Ess. d. Psych., ch. 38). Nach HERBART ist Bewußtsein »die Gesamtheit alles gleichzeitigen, wirklichen Vorstellens« (Lehrb. z. Psych. S. 16; Psych. I, § 48). Ähnlich lehren WAITZ (Lehrb. d. Psych. § 57) und VOLKMANN (Lehrb. d. Psych. I4, 169). Nach CLIFFORD ist das Bewußtsein ein Komplex von Empfindungen und Reproduktionen von solchen (Von d. Nat. d. Dinge an sich S. 39, 42 f.), so auch LOTZE (Med. Psychol. S. 15 ff.), FECHNER (Elem. d. Psychophys. I, 13 f., II, 452 ff.). J. BERGMANN nennt Bewußtsein »jedes Percipieren, jedes Irgendwie-Kunde-nehmen-von-etwas« (Sein u. Erk. S. 145). »Es gehört zur Natur des Bewußtseins, ebnen Inhalt mit mannigfachen und fortwährend wechselnden Unterschieden zu besitzen« (S. 147). - Nach BRENTANO ist Bewußtsein »jede psychische Erscheinung, insofern sie einen Inhalt hat«. Das Gerichtetsein auf ein Objekt ist dem Bewußtsein wesentlich (Psych. I, 181). A. HÖFLER definiert: »Bewußtsein im ursprünglichen Sinne: 'bewußt-sein' heißt: ein wahrgenommener oder wenigstens wahrnehmbarer psychischer Akt sein. - Bewußtsein im zusammenfassenden Sinne... heißt der Inbegriff aller psychischen Erlebnisse je eines Individuums« (Psychol. S. 274). Ein psychischer Vorgang ist bewußt = gewußt, »wenn und insofern er Gegenstand eines Wahrnehmungsurteiles wird« (S. 273).

Als die allgemeinste Eigenschaft aller psychischen Prozesse, als das ihnen Gemeinsame, als deren Inbegriff sieht das Bewußtsein HORWICZ an (Psych. Analys. III, 3). Bewußtsein bedeutet dreierlei: 1) die Eigenschaft, sich eines Inhalts bewußt werden zu können, 2) einen zeitweiligen Zustand der Bewußtheit eines Inhalts, 3) den Bewußtseinshorizont (I, 156 f.). Nach CZOLBE ist das Bewußtsein »als gemeinsamer Bestandteil der Empfindungen und Gefühle zu betrachten« (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 194 f.).

VOLKELT bestimmt das Bewußtsein als »eine Mannigfaltigkeit qualitativ verschiedener, empirisch unableitbarer, einfacher seelischer Funktionen« (Zeitschr. f. Phil. 112. Bd., S. 237). Nach DESSOIR ist das Bewußtsein im weitesten Sinne ein »Kennzeichen aller seelischen Vorgänge«, im engeren Sinne eine »vorherrschende Synthesenbildung« (Doppel-Ich S. 54). H. CORNELIUS erklärt, Bewußtsein sei ein allgemeiner Ausdruck für die gemeinsame Eigentümlichkeit aller psychischen Tatsachen (Psychol. S. 16). Es gibt nur konkrete Bewußtseinsinhalte (ib.). Nach WUNDT besteht das Bewußtsein darin, »daß wir überhaupt Zustände und Vorgänge in uns finden, und dasselbe ist kein von diesen inneren Vorgängen zu trennender Zustand«. Es ist keine Schaubühne, kein geistiger Vorgang neben anderen, sondern ein Ausdruck für die Tatsache, daß wir innere Erfahrungen haben. Eine Vorstellung haben und sie im Bewußtsein haben, ist ein und dasselbe. Bewußtsein ist »das unmittelbare Gegebensein unserer inneren Erlebnisse«. Es ist eine Abstraktion von den einzelnen allein wirklichen Vorgängen unserer innern Erfahrung. Im engeren Sinne ist Bewußtsein die »allgemeine Verbindung der seelischen Erlebnisse..., aus der sich die einzelnen Gebilde als engere Verbindungen herausheben«. Dieser Zusammenhang ist teils ein simultaner, teils ein sukzessiver. Es gibt Grade des Bewußtseins.

Der »relative Umfang des Bewußtseins« kann experimentell festgestellt werden (Grundr. d. Psych.5, S. 243 ff., Grdz. d. ph. Ps. II4, 254, Vorl.2, S. 253 ff., Ess. 8, S. 208, Eth.2, S. 434 f., Syst. d. Phil.2, S. 558 ff.). Alles Geistige ist bewußt. Das Bewußtsein kommt in verschiedenen Graden der Klarheit (s. d.) überall vor, von dem »Momentanbewußtsein« (s. d.) der einfachsten Wesen an bis zu den höchsten Graden der Apperzeption (s. d.). KÜLPE versteht unter Bewußtsein (psychologisch) alles, »was von erlebenden Individuen abhängig ist«; es ist die Summe alles Psychischen (Gr. d. Psychol. S. 3). So auch G. VILLA (Einl. in d. Psychol. S. 282, 307 ff.), ähnlich H. SPENCER, BAIN, JAMES (Princ. of Psychol. I, C. 9 u. 10), SULLY, BALDWIN, LADD, HÖFFDING (Psychol. S. 60 ff.). ZIEHEN setzt bewußt und psychisch gleich (Leitfad. d. ph. Ps.4, S. 3 f.). Nach ZIEGLER bezeichnet »Bewußtsein« 1) »den Zustand oder die Eigenschaft des seelischen Vorgangs, wodurch derselbe als bewußter bezeichnet wird - die Bewußtheit, das Bewußtsein, das passive oder... das adjektivische Bewußtsein«, 2) den »Zustand oder die Tätigkeit des Subiects, wodurch der seelische Vorgang seine Eigenschaft erhält, die das Bewußtsein hervorrufende Funktion des Subjekts - Bewußtsein im engeren Sinn, aktives Bewußtsein« (D. Gef.2, S. 30). Stufen und Grade des Bewußtseins sind zu unterscheiden. Wie nach WUNDT und HÖFFDING (Psych.2, 431) das Bewußtsein im Grunde Willenstätigkeit ist (s. Wille), so nach ZIEGLER Gefühl (s. d.). W. JERUSALEM nennt Bewußtsein »das Erleben psychischer Phänomene«, »die den verschiedenen psychischen Vorgängen, dem Denken, dem Fühlen, dem Wollen gemeinsamen Züge, die allgemeine Eigenschaft aller psychischen Phänomene« (Lehrb. d. Psych.3, S. 2). Bewußtseinszustand ist »jeder wirklich erlebte psychische Vorgang in seiner vollen individuellen Bestimmtheit und individuellen Färbung«. Bewußtseinsinhalte sind »Gruppen von Objekten, die sich aus der Gesamtheit unserer jeweiligen Erlebnisse leicht hervorheben und durch unsere Aufmerksamkeit isolieren lassen« (S. 2). Drei Entwicklungsstufen des Bewußtseins sind zu unterscheiden: primäre, sekundäre, tertiäre Phänomene (S. 26 f.).

Auf die Stärke des erregten seelischen Seins führt das Bewußtsein BENEKE zurück (Lehrb. d. Ps.2, § 57; Neue Psych. S. 171 ff.; Pragm. Psych. I, § 4) E. H. WEBER betont die Wirksamkeit der Aufmerksamkeit zur Bewußtmachung der Empfindungen (Physiol. Wörterb., hrsg. von R. Wagner, S. 487), so auch WUNDT u. a. (s. Aufmerksamkeit, Apperzeption). - FECHNER nennt das Bewußtsein »ein Sein, das weiß, wie es ist, und ganz so ist, wie es weiß, daß es ist« (Üb. d. Seelenfr. S. 199). Bewußtsein und Unbewußtsein sind nur relativ verschieden (Zendav. I, 282 ff.). Niedere Bewußtseinseinheiten sind in höheren, alle aber in der höchsten Bewußtseinseinheit, Gott (s. d.), eingeschlossen. »Das Bewußtsein der endlichen Geschöpfe ist... eine periodische Funktion, indem es immer von Zeit zu Zeit mit Unbewußtsein wechselt« (S. 284). Wie HERBART spricht FECHNER von einer Schwelle (s. d.) des Bewußtseins.


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