Begriff - Heraklit, Platon, Aristoteles


Die Lehre, daß der Begriff im Gegensatze zur Sinneswahrnehmung das Wesen (An-sich) der Dinge erfaßt, bestimmt, daß er die eigentliche Form der Erkenntnis ist, durchzieht die ganze Geschichte der Philosophie, nicht ohne Widerspruch seitens verschiedener Denkrichtungen. Schon HERAKLIT, die Eleaten, DEMOKRIT (s. Erkenntnis) werten das begriffliche Erkennen so. SOKRATES erst betont vollbewußt die fundamentale Bedeutung des Begrifflichen für Wissenschaft und Ethik. Das logische Verfahren besteht darin, das Was der Dinge (ti hekaston eiê), das Konstante, Allgemeingültige, durch »Induktion« (s. d.), auf dem Wege des Zusammendenkens, der Unterredung zu bestimmen. So gelangt man zum Wesen, Sein der Dinge und überwindet den sophistischen Skeptizismus und Subjektivismus (s. d.) (vgl. ARISTOTELES, Met. I, 6, XIII, 4; XENOPHON, Memor. I, 1, 16, IV, 6, 1). PLATO baut auf dieser Lehre weiter. Im Begriffe wird das gemeinsame Was einer Gattung von Dingen, ihr Wesen, ihr wahres, objektives, ihr An-sich-sein, ihr Unwandelbares (aei on), ihre Idee (s. d.) erkannt (Lach. 191 E, Meno 72, Phaedr. 238 D, Phaedo 65 D etc.). Der Begriff setzt Einheit, Bestimmtheit in die Mannigfaltigkeit der Vorstellungen (Phil. 23 E, 26 D). Die Begriffe beruhen auf der Gesetzmäßigkeit des Denkens (s. d.). Nur das begrifflich Bestimmbare ist Object des Wissens (hôn men mê esti logos, ouk epistêta einai,, Theaet. 201 D). Auch ARISTOTELES lehrt, der Begriff (logos) gehe auf das Wesen der Dinge (ho logos tên ousian horizei, De part. an. IV, 5). Er hat zum Gegenstande das to ti ên einai (s. d.), die Wesenheit des Dinges (De an. II 1, 412 b 16), die Form (s. d.) desselben (l.c. 414 a 9, I 1, 403 b 2). Der Begriff ist zeitlos, unwandelbar, er gilt oder gilt nicht, hat aber kein Werden tou de logou ouk estin houtôs hôste phtheiresthai oude gar genesis...,all' aneu geneseôs kai phthoras eisi kai ouk eisin (Met. VII 15, 1039 b 24 squ.). Es gibt einen allgemeinen (koinos logos) und Einzelbegriff (idios logos) (De an. II 1, 412 a 5, II 3, 414 b 23). »Materieller« Begriff (logos hylinos) ist der im Objekte steckende Begriff, den das Denken heraushebt (De an. I 1, 403 a 25). Begriff und Vorstellung (phantasia) sind zu unterscheiden (De an. III 3, 428 a 24). Psychologisch geht der Begriff (noêma) aus der Verarbeitung der Erfahrung durch den Intellect hervor (De memor. 1; Anal. post. II, 9, 1). Die Stoiker glauben wiederum, daß erst das begriffliche Denken wahre Erkenntnis verschafft (CICERO, Acad. II, 7). Von besonderer Wichtigkeit sind die prolêpseis (s. d.) und koinai ennoiai (»notitiae communes« bei CICERO), die von allen auf gleiche Weise ursprünglich erworben, wenn auch nicht angeboren sind (vgl. STEIN, Psych. d. Stoa II, 238). Die Begriffe (ennoiai) entstehen aus der Wahrnehmung und Erfahrung (s. d.), entweder natürlich-psychologisch (physikôs, anepitechnêtôs) oder wissenschaftlich-bewußt, planmäßig (di' hêmeteras didaskalias kai epimeleias, Plac. IV, 11, Dox. 400; »aut usu - aut coniunctione aut similitudine aut collatione« CICERO, De fin. III, 33). Nach EPIKUR entspringt jeder Begriff aus der Wahrnehmung, ist sinnlichen Ursprungs (pas logos apo tôn aisthêseôn êrtetai, Diog. L. X, 32; hai epinoiai pasai apo tôn aisthêseôn gegonasi kata te periptôsin kai analogian kai homoiotêta kai synthesin, ib. ennoêma de esti phantasma dianoias, oute to on oute poion, hôsanei de ti on kai hôsanei poion, l.c. VII, 1, 61). Die prolêpsis (s. d.) ist eine Allgemeinvorstellung. PLOTIN bestimmt die »Begriffe« (logoi) als geistige Kraftformen der Dinge, als plastische, schöpferische Wesenheiten, die sich in den sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen manifestieren und in unserem Denken zum Bewußtsein kommen (Enn. II, 6). Die »materiellen« Begriffe (logoi hylinoi) sind die Begriffe, wie sie durch das Stoffliche, in dem sie wirken, verunreinigt sind (Enn. I, 8, 8). Auch BOËTHIUS glaubt, daß die Dinge gewisse Begriffe verkörpern (Consol. V).


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