Bewegung - Kant, Hegel, Nietzsche, Wundt


Nach KANT ist Bewegung eines Dinges »die Veränderung der äußeren Verhältnisse desselben zu einem gegebenen Raum«; Ruhe ist »die beharrliche Gegenwart (praesentia perdurabilis) an demselben Orte« (Met. Anf. d. Naturw. S. 5, 10). Alle erfahrungsmäßig konstatierbare Bewegung ist relativ (l.c. S. 3). Bewegung ist kein apriorischer (s. d.), sondern ein Erfahrungsbegriff, weil er außer Raum und Zeit die Wahrnehmung eines beweglichen Etwas voraussetzt (l.c. S. 4; Kr. d. r. Vern. S. 66). Die Bewegung besteht nicht an sich, sondern ist Erscheinung (s. d.), objektiver Erkenntnisinhalt; so auch der Idealismus (s. d.). Für SCHOPENHAUER ist die Bewegung Objektivation des Willens (s. d.). Für HERBART ist sie »objektiver Schein«, »ein natürliches Mißlingen der versuchten räumlichen Zusammenfassung«, während im An-sich der Dinge sich nichts verändert (Met. II, § 295). HEGEL bestimmt die Ortsbewegung als »Vergehen und Sich-wieder-erzeugen des Raums in Zeit und der Zeit in Raum, daß die Zeit sich räumlich als Ort, aber diese gleichgültige Räumlichkeit ebenso unmittelbar zeitlich gesetzt wird« (Naturphil. § 261). Die dialektische (s. d.) »Bewegung« liegt dem Seienden zugrunde. HILLEBRAND erklärt die Bewegung für die »allgemeine Grundform der erscheinenden Wirklichkeit«, sie ist »der positive Ausdruck der ursprünglichen Kraftstellungen der Substanzen für die Anschauung« (Phil. d. Geist. I, 108). TRENDELENBURG nimmt Bewegung im weiteren Sinne als »das Allgemeinste, was im Denken und Sein vorkommt« (Log. Unt. I, 143). Sie erzeugt die Formen der Dinge (l.c. S. 266). Die »konstruktive« Bewegung ist die »allgemeine Bedingung des Denkens, eine geistige Tat, welche nicht erst von der Erfahrung abhängt, aber diese möglich macht«, das a priori (s. d.) des Erkennens (Gesch. d. Kat. S. 365 ff.). CZOLBE hält die Bewegung nicht für eine passive Wirkung, sondern für eine »ursprüngliche Tätigkeit« (Gr. u. Ursp. d. m. Erk. S. 80). »Anziehung und Abstoßung sind nicht Ortsveränderung selbst, sondern ihre Ursache« (ib.). Nach L. NOIRÈ ist die Bewegung eine Grundeigenschaft der Dinge (neben der Empfindung), »objektive Kausalität« (Einl. u. Begr. e. mon. Erk. S. 135). »Ihr Grund- und Urwesen ist aber nur räumliche Differenz, die Zeit gibt ihr erst das beobachtende, erkennende Objekt« (ib.). R. HAMERLING betont, die Bewegung sei ein Leiden, ein Passives (Atom. d. Will. II, 62) (ähnlich schon v. HARTMANN). Nach HELMHOLTZ ist alle Veränderung in der empirischen Welt Bewegung, diese ist die »Urveränderung«. Alle elementaren Kräfte sind »Bewegungskräfte« (Vortr. u. Red. I4, 379 ff.). H. SPENCER erklärt, die Darstellung aller objektiven Tätigkeiten in Ausdrücken der Bewegung sei nur symbolische Erkenntnis (Psychol. I, § 63; First Princ. § 16). HODGSON definiert Bewegung als »change in percepts of sight, touch, or both« (Phil. of Reflect. I, 266). Nach RIEHL ist die Bewegung, auf die wir die Sinnesqualitäten zurückführen, nur ein in der Form der Gesichtswahrnehmung gedachtes, gedeutetes Geschehen (Phil. Kritik II, 2, S. 35). Nach NIETZSCHE ist Bewegung Vorstellung, nur ein Bild des Wirklichen in der Sinnensprache des Menschen, »Folgeerscheinung« nicht Urkraft (WW. XV, 297). Nach WUNDT besteht die Bewegung in der »relativen Lageänderung gegebener Raumgebilde«. Die Ordnung unserer Vorstellungswelt setzt, soweit sie quantitativ ist, die Bewegung voraus (Log. I2, S. 518 ff.; Syst. d. Phil.2, S. 124 ff.). Die objektiven Relationen der Körper führen auf Bewegungen der Substanzelemente zurück (Syst. d. Phil.2, S. 437 ff.). Von den inneren Eigenschaften der Dinge wird dabei geflissentlich abstrahiert (Syst. d. Phil.2, S. 459 ff.). In das Reich des »An-sich« fällt die Bewegung als räumlicher Vorgang nicht, obgleich sie objektiv begründet ist wie der Raum (s. d.).

Nach REHMKE heißt Bewegung »in aufeinander folgenden Augenblicken an verschiedenen Orten sein« (Gedenkschrift f. R. Haym S. 109 f.). SCHUPPE versteht unter Bewegung »die wahrnehmbare Tatsache, daß ein Subjekt sich in einem folgenden Zeitpunkte an einem anderen Orte befindet als vorher, also das andere Wo in einem andern Wann« (Log. S. 108). Sie ist »keine Tätigkeit, die verschieden wäre von der Ortsveränderung selbst« (l.c. S. 109). SCHUBERT-SOLDERN erklärt alle Bewegung für relativ (Gr. e. Erk. S. 297). Sie ist nur denkbar als »räumliche Beziehung, Änderung der Lage eines Raumteiles zum andern« (l.c. S. 300). Nach R. WAHLE präsentiert sich uns die Bewegung »in der Sukzession der Erscheinung einer Fläche an verschiedenen Orten«. Dieses »Durch-den-Raum-durchgleiten« ist etwas »Unverstandenes sui generis« (D. Ganze d. Phil. S. 101 ff.). Die Bewegung ist keine metaphysische Kraft, kein »Faktor«. Vgl. Empfindung, Qualität, Mechanik, Phoronomie, Materie.


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