Das sprechende Haus


Da gibt es in der Rue des Bernardins in Paris ein merkwürdiges Haus, in dem wohnt die französische Sprache – es ist das Laut-Institut der Sorbonne.

Der ehemalige Rektor der philosophischen Fakultät, Herr Brunot, hat es im Jahre 1911 eingerichtet, seit vier Jahren untersteht es dem Professor Hubert Pernot, und in einem Monat findet die offizielle Einweihung des völlig modernisierten Instituts statt, das schon funktioniert.

Sie haben etwa 7000 Grammophonplatten: französische Dialekte, die untereinander so verschieden sind wie das ostpreußische Platt und das Niederbayerische; marokkanische Musik; die Stimmen großer Schauspieler und kleiner Politiker ... alte Platten, bei denen man noch die Nadel innen aufsetzen muß, von wo sie sacht nach außen läuft, neue Platten, die elektrisch aufgenommen worden sind – alles das ist da zu hören.

Da gibt es Fabeln von La Fontaine, die in unzähligen Exemplaren an die französischen Schulen verteilt werden, damit auch der kleinste Bauernjunge seine Sprache vollendet gesprochen vernehmen kann; wie liebt der Franzose seine Sprache! Das Institut könnte alle Platten haben, die Frankreich produziert: es gibt ein Gesetz (Loi du Dépot Légal), wonach alle französischen Firmen verpflichtet sind, je eine Platte im Institut zu hinterlegen – das Institut sucht sich aber nur die geeignetsten aus; wir haben ja etwas Ähnliches in der Deutschen Bibliothek in Leipzig. Neulich war der Professor Pernot, der auch eine »Revue de Phonétique« herausgibt, in Rumänien und hat von dort einen ganzen Waggon voller Material mitgebracht: etwa 600 Platten, die er im Lande während anderthalb Monaten aufgenommen hat.

Wir sehen die Kartothek nach alten Platten durch – Clemenceau und Jaurès sind leider nicht vertreten, sie haben sich beide geweigert: der Alte, weil ihm das überhaupt nicht paßte, und Jaurès, weil er, der große Volksredner, die Menge brauchte – vor einem Apparat könne er das nicht ... Der Professor Pernot hat eine große Platte in der Hand und legt sie auf ... Der frühere Präsident der französischen Republik, Herr Deschanel, spricht.

Eine weiche, tönende Stimme – die Vergangenheit spricht: 1911. Es ist der typische französische Redner, der da etwas über die Kolonien sagt – mit den auf- und absteigenden Kadenzen, mit jener uns merkwürdig klingenden Akme der Rede, die lange vor dem Satzende liegt, so dass der Satz langgewellt sanft hügelab fällt – es ist eine alte Aufnahme, aber schon recht gut gemacht.

Wir gehen durch die hellen Gänge des Hauses, Herr Pernot spricht rühmend von dem Kollegen in Hamburg und in Berlin, vom Professor Doegen, der an der Staatsbibliothek in Berlin das Lautinstitut verwaltet.

Denn hier im Institut werden die Fremden im Französischen gedrillt – und wie! Da sitzen geduldige Assistentinnen und sprechen den Engländern, den Deutschen, den Amerikanern, den Tschechen, den Bulgaren und den Südamerikanern unzählige Male die Vokale vor, zeigen ihre Mundstellung, verdecken den Mund und lassen den Studenten raten, was das für ein Vokal gewesen ist ... Es rollen die Rrrs der Balkanleute, du hörst die kehligen Laute der Spanier, es kauen die Engländerinnen ihr Französisch ... das ist eine schwere Sprache! Ich kenne genau zwei Deutsche, die wissen, was ein französischer Vokal ist, hinter dem so oft leise noch ein zweiter Vokal mitschwingt, ein o ist kein o, ein e ist kein e – und man muß sehr musikalisch sein, um diese winzigen Nuancen aufzufangen ... In drei Monaten machen aber die meisten Schüler ganz gute Fortschritte.

Hier sitzt eine Lehrerin, die den fortgeschrittenen Studenten die Diktion beibringt, und wenn der Kurs vorbei ist, können sie im Grammophonraum dasselbe Gedicht, von ihr gesprochen, immer wieder abhören, sooft sie wollen. Die Assistentin spricht ein herrliches Französisch: die Sprache liegt gewissermaßen unter der Zeitlupe, Vokal klingt an Vokal, Konsonant reiht sich an Konsonant, wie eine Perlenschnur rollen die Verse, sie spricht sehr langsam, und du hörst das Herz der Sprache klopfen. Ich möchte am liebsten den ganzen Nachmittag zuhören. So schön wird nur noch auf den Kanzeln oder in der Comédie Française gesprochen.

Die französische Kulturpropaganda vollzieht sich im stillen – leis wirkende Kräfte sind die Stärke dieses Landes.

 

 

Peter Panter

Tempo, 14.12.1928, Nr. 81, S. 11.





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