Shaws »Johanna« in Paris


Bertrand (erstaunt): »Hört ihre Rede! Woher schöpfte sie die hohe Offenbarung – Vater Shaw! Euch gab Gott eine wundervolle Tochter!«

Schiller


Nun ist der große Welterfolg auch in Paris eingekehrt: das englische Stück in französischer Übersetzung von einem russischen Regisseur in Szene gesetzt. Das Théâtre des Arts ist gesteckt voll von Fremden: denn Frau Pitoëff gibt die Jungfrau, Herr Pitoëff, der Regisseur, den Dauphin, und wenn Russen auf der Bühne und im Zuschauerraum sitzen, dann kann nichts geschehen, das ist allemal ein Erfolg. Im großen und ganzen auch ein verdienter.

Das geistreiche, sehr geistreiche, manchmal bis zur Geschwätzigkeit geistreiche Stück hat es nicht leicht. Die Russen, die es spielen, sind viel tiefere Metaphysiker als Herr Shaw, die Übersetzer viel größere Rationalisten –, so gibt das keinen reinen Klang. Die intellektuelle Offenbachiade auf den Geschichtsruhm und den pathetischen Glanz der Fibelfiguren reißt uns nicht um – schwarze Messen können nur von gläubigen Katholiken gelesen werden, und wer einmal die Hohlheit jeder historischen Überlieferung erkannt hat, für den fallen diese Pfeile matt zu Boden. Aber schließlich belacht das Publikum freudig die Entgötterung dieser Helden, ohne von seinen eigenen zu lassen ...

Dazu kommt, dass Shaw seltsamerweise nicht auf merkwürdige billige Scherze und Anspielungen verzichtet hat: diese harmlosen Witzchen über die Engländer (in Frankreich mit besonderer Freude aufgenommen) – diese Verhohnepipelung des modernen Cuts in einem Kostümrock mit ironischer Rückversicherung, sogar der Bubenkopf muß herhalten ... Das Hotelpublikum amüsierte sich höchst königlich.

Es bekam aber auch etwas fürs Geld.

Die Inszenierung war ausgezeichnet – ich habe seit langem in Paris nicht so anständig und so modern Theater spielen sehen. Hier und da spießt sich ja die alte Soffitte ein Loch durch den Seidenüberwurf des neuen Stils: da gibt es einen französischen Ferdinand von Alten, einen ganz erlesenen Bösewicht, der seine Schurkenhaftigkeit wie Zitrone auf den Lippen abschmeckt – da gibt es einen dicken Stadttheatermönch und anderes mehr. Aber die Bühnenbilder sind ausgezeichnet, die Gerichtsszene meisterhaft durchgearbeitet (mit einer vorzüglichen Leistung des Herrn D'Yd als guter Richter) – und auch Herr Pitoëff spricht sein Französisch so, dass es jeder Russe mühelos verstehen kann. Die Jungfrau ...

Es hat sich da ein neuer Schauspielerinnentypus gebildet. Früher, als die Opern des sächsischen Kapellmeisters die Bühnen beherrschten, waren die Heroinen vollbusig, massiv, zweihundert Pfund schwer und durchaus majestätisch. Heute ist man klein, zierlich, verträumt, mit einem ganz leichten Geschmack von Hysterie – und über Hunderte von europäischen Schauspielerinnengesichtern läuft zur Zeit ein tumbverlegenes, die Welt nicht verstehendes Greinen: sie sind unschuldig. Frau Pitoëff übertreibt nicht – sie ist eine sehr gute Sprecherin, und ich will sie auch bewundern, wenns sein muß. Nun kann man alles bewußtmachen: nur die Unbewußtheit nicht. Und daran scheitert sie. Sie ist eher ein armes Hascherl, ein weinendes Kind, das die Puppe in die Ecke wirft, weil sie keine Bonbons bekommt – sie untertreibt. Wenn sie Gott anruft (hier: »Dijöh« genannt), mag sie gläubig sein – wir sinds nicht. So etwas durchaus Nationalistisches wie die Erscheinung in der letzten Szene gibt es kaum im Leben – hier war sie wirklich aus Fleisch und Blut. Herr Pitoëff machte sich für sie unter der Bettdecke zum Narren, aber ihr gelang es immer wieder, sich herauszureißen. Im ganzen aber doch: moderne Kunst.

Wunderlich: man tut Leuten in Paris nichts, die so Theater spielen. Aber man richtet sich auch nicht nach ihnen, alles bleibt, wie es immer gewesen ist. »Wann«, fragt die Jungfrau, »o Gott, wirst du die Erde für Heilige bewohnbar machen?« – Vielleicht nimmt Paris eines Tages eine Heilige in Gnaden auf. Daß es seine Theater reformiert, ist nicht anzunehmen.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 12.05.1925.





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