Der rasende Reporter


(Ja, du kriegst deine Besprechung –!)

Egon Erwin Kisch, der tschechische Journalist, hat (bei Erich Reiß in Berlin) ein bunt eingeschlagenes Buch herausgegeben: ›Der rasende Reporter‹. »Na, rasend ... « würde Christian Buddenbrook sagen ... Kisch – von dem die entzückende Geschichte geht, dass Alfred Polgar ihm einst als Dedikation in ein Buch geschrieben habe: »Dem feinsinnigen Revolutionär und unerschrockenen Journalisten« – gibt hier eine mannigfaltige Sammlung seiner Berichte aus aller Welt: Whitechapel und die Erschießung des wiener Einbrechers Breitwieser und etwas von den Heizern des Riesendampfers und Heringsfang und Taucher auf dem Meeresgrunde und der Golem und Fürst Bolkonski am Grabe Trencks. Das liest sich glatt und unterhaltsam, und dazu wäre nun weiter nichts zu bemerken.

Aber das Vorwort hat mich mehr gefesselt als das ganze Buch. »Die spärlichen Versuche«, heißt es darin, »die gemacht werden, die Gegenwart festzustellen, die Zeit zu zeigen, die wir leben, leiden vielleicht daran, dass ihre Autoren nicht ganz gewöhnliche Menschen sind ... Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt.«

Das gibt es nicht. Es gibt keinen Menschen, der nicht einen Standpunkt hätte. Auch Kisch hat einen. Manchmal – leider – den des Schriftstellers, dann ist das, was er schreibt, nicht immer gut. Sehr oft den des Mannes, der einfach berichtet: dann ist er ganz ausgezeichnet, sauber, interessant – wenngleich nicht sehr exakt, nicht sachlich genug. Denn Schopenhauer, den er da im Vorwort heranholt, hat etwas andres gemeint. (»Ganz gewöhnliche oder platte Menschen können vermöge des Stoffes sehr wichtige Bücher liefern, indem derselbe grade nur ihnen zugänglich war, zum Beispiel: Beschreibungen ferner Länder, seltener Naturerscheinungen, angestellter Versuche, Geschichte, deren Zeugen sie gewesen, oder deren Quellen aufzusuchen oder speziell zu studieren sie sich Mühe und Zeit genommen haben.«) Man lese einmal die bescheidenen, demütigen, beinahe unpersönlichen ältern Berichte dieser Art, und man wird den Unterschied zwischen diesen Reisenden und einem modernen Reporter erkennen, der überall ein Quentchen ›Geist‹, ein Zitatchen, eine Schmeichelei über die Bildung seiner Leser – kurz: der ›Zeitung‹ in seinen Bericht bringt. Nicht zu vergessen, wo diese angeblich unpersönlichen Berichte stehen: in einem Wust von Nachrichten, dummem Zeug, Telegrammen, Feuilletons und Inserenten.

Kisch hat recht; es ist töricht, in das Geschrei: »Das ist nur ein Reporter!« miteinzustimmen. Reportage ist eine sehr ernste, sehr schwierige, ungemein anstrengende Arbeit, die einen ganzen Kerl erfordert. Kisch ist so einer. Er hat Talent, was gleichgültig ist, und er hat Witterung, Energie, Menschenkenntnis und Findigkeit, die unerläßlich sind.

Vieles ist gut gesehen, fast alles ganz unbestochen. Aber wie ›sachlich‹ man auch oder wie weit weg vom Thema man auch schreiben mag: es hilft alles nichts. Jeder Bericht, jeder noch so unpersönliche Bericht enthüllt immer zunächst den Schreiber, und in Tropennächten, Schiffskabinen, pariser Tandelmärkten und londoner Elendsquartieren, die man alle durch tausend Brillen sehen kann – auch wenn man keine aufhat , schreibt man ja immer nur sich selbst.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 17.02.1925, Nr. 7, S. 254.





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