Chevalier


Der männliche Mistinguett heißt Maurice Chevalier und wohnt abends von zehn bis zwölf Uhr im Palace (Faubourg Montmartre; Telefon: Bergère 4437). Das ist ein ausgezeichneter Knabe.

Die Revue, darin er tanzt, singt, grinst und spricht, und die den überraschenden Titel ›Vive la femme!‹ trägt, ist die übliche Ansammlung von buntem Kitsch, annehmbaren Moden, amüsanten Tricks, nackten Frauen, die sich sogar die Brüste schminken, kreisrund, lackrot – kurz: das hat die Welt durchaus gesehen. Aber er!

Aussehen sieht er aus wie ein uneheliches Kind von Beckersachs, Lamberts-Paulsen, Westermeier, auch Giampietro soll einmal in diese Sache mit Lola verwickelt gewesen sein. Aber geerbt hat er von der Majorität seiner Väter zum Glück gar nichts. Er siegt mit der Frechheit. Er ist der Mann, der haut, der Mann, der auch einmal Geld nimmt, wenn er genug gegeben hat – er ist der Überlegene, der da siegt. In seiner leicht vorgeschobenen dünnen Unterlippe ist die freche Gutmütigkeit von Jannings, und leicht ist er, so leicht! Er schwitzt nicht. Endlich einmal ein Komiker, der nicht schwitzt.

Er macht so, was man so macht: einen lustigen Boxkampf, zu dem ihm unendlich viel eingefallen ist; er singt kleine freche Liedchen; er macht Späßerchen mit allerhand Sachen aus einem Koffer; er hüpft ›Humpa-Humpa-Humpa‹ ein gespieltes Couplet, bei dem die Refrains nur pantomimisch getanzt werden – leicht, wie leicht! Und dann singt er mit einer kleinen Dame ein Duett.

Wie allemal gleiten sie ganz unvermerkt ins Couplet hinein, spielen sich hinein, tanzen hinein, keine feierliche musikalische Einleitung kündigt den ›Schlager‹ an. Die Partnerin, das Fräulein Vallée, kommt angetänzelt und fragt ihn: »Dites donc, Monsieur Chevalier ... « – »Quoi donc?«, antwortet er freundlich, »quoi donc?« Sie möchte etwas wissen. In jeder Strophe möchte sie etwas wissen. Warum die jungen Bräute nicht bei den jungen Bräutigams liegen dürfen? Er sagt es ihr. Warum haben die neuesten Moden eine künstliche Ausbuchtung an der Südseite der Dame? Er sagt es ihr. Und immer, wenn er ihr eine recht unverschämte Antwort gegeben hat, bestätigt sies knirschend. Also so: »Ah, Monsieur Chevalier – ah, Monsieur Chevalier!« Er, schon etwas gereizt, aber immer noch gutmütig: »Na, was denn – na, was denn?« – »Warum tragen die weiblichen Statuen auf den Plätzen keine Feigenblätter?« – »Weil«, antwortet er, immer im Takt, »mein gutes Kind, weil man diese Feigenblätter eins, zwei, eins, zwei, nirgends aufhängen könnte!« Und nun sie, beese, geschlagen, zornig: »C'est bien vrai, Monsieur Chevalier!« Und er, grinsend, tanzend, strahlend und mit vorgeschobener Unterlippe: »C'est bien vrai, Mam'zelle Vallée – c'est bien vrai, Mam'zelle Vallée!« Und so zehn Mal.

Also – wie der Kenner gleich erkennt – der gute alte Mister Gallagher and Mister Shean, jenes berühmte amerikanische Couplet mit dem Welterfolg. Also eine Kopie. Aber wie kopiert, mit welchem Federgewicht, mit welcher Komik in den Details, was er alles macht, wenn er antwortet, immer im Takt, immer im Takt: manchmal bleibt ihm vor Verlegenheit, vor Angst, vor Ratlosigkeit die Stimme im langen Halse stecken: »Mam'zelle Vallée ... Mam'zelle Vallée ... « Und sie immer böser, immer fauchender, immer schnaubender: »C'est bien vrai – Mossjöh Schschschevalier!« mit dem Ton auf der ersten Silbe. Das Duett liegt ganz am Schluß, das Haus ist ein Lachen und eine Freude. Diese himmlische Couplet-Idee hat ein berliner Schauspieler vor einem halben Jahr seinen Theaterdirektoren vorgeschlagen, und es zeugt für die armselige Phantasielosigkeit und die grundsätzliche Opposition dieser Operettenfabrikanten, dass sie es als ›unmöglich‹ ablehnten. Nun werden sie herumreisen, und dann werden sie es sehen, und erst dann werden sie es – und wie! – kopieren.

Chevalier – aber vielleicht kennen Sie ihn? Er war kriegsgefangen in Deutschland, er wurde dann ausgetauscht, die Mistinguett soll daran nicht ganz unschuldig sein (son bisken Theaterklatsch ist doch zu was Schönes). Und nun bekommt er achtzigtausend Francs im Monat (›Das ist – achtzig, zweiundzwanzig, vierundeinhalb, macht ... Donnerwetter! Das ist ja mehr als Prominentengage!‹ Ja), entzückt ganz Boulevard-Paris, das Palace ist knüppeldickevoll, und wenn man ihn fragte, wie er das macht: »Dit's moi, Monsieur Chevalier ... ?« so wird er Ihnen schon, immer im Takt, eins, zwei, eins, zwei, ein Ding von einer Antwort hinlegen.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 03.02.1925, Nr. 5, S. 180.





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