Buch mit Bildern


Es ist ein ausgezeichnetes Bilderbuch erschienen: »Trümmerfeld Europa« von Oscar Blum. Der Verfasser nennt es ein Brevier für jedermann, und das ist es auch.

Dieses Buch eines sehr kenntnisreichen Soziologen ist offenbar im Gedankenkreis von Karl Kraus erwachsen und auch mit dessen Mitteln gearbeitet – und das ist ein Lob. Vor allem haben hier endlich, endlich einmal Autor und Verlag das Wagnis unternommen, bei so ernsthaften Untersuchungen wie über Europa nach dem Krieg, den neuen Militarismus, den Zusammenbruch der Familien, Staat und Revolution Fotografien, Zeitungsannoncen, Karikaturen und Prospektausschnitte als Belege in den Text einzuschalten. Es ist die in den Buchdruck übertragene Technik einer Diskussion, in deren Verlauf der Gastgeber auf den Bücherschrank zugeht und sagt: »Da will ich Ihnen mal was zeigen –.« Und dieser Zeit ist natürlich am besten mit ihren eigenen Zeugnissen beizukommen, mit ihren Produkten. Das wird viel zuwenig gemacht. Felix Stössinger benutzte die Fotografie als Waffe, da er noch die Freie Welt redigierte, und abgesehn von diesem Fall ist es der einzige Malik-Verlag, der verstanden hat, was man mit Fotografien machen kann. (Ausgezeichnet die Umschlagseiten zu der Anthologie: »Platz dem Arbeiter!«) Denn dreihundert gute Prosaseiten sagen mitunter nicht so viel wie ein gut ausgewähltes Bild.

An Blums Buch ist die Popularisierung einer neuen Anschauung und einer neuen Benennung bemerkenswert. Die marxistische Methode, Romantik und Lebensreform, Laster und Tugenden auf ihre ökonomische Nützlichkeit hin zu untersuchen, ist hier mit dem seit Nietzsche selbstverständlichen Mut verbunden, sämtliche Erscheinungen der Epoche nicht einfach hinzunehmen, sondern zu erklären – daher nicht zu sagen: Dieses ist so, also ... , sondern: Dieses ist so, weil ...

Das ist ganz sachlich gemacht: der Krieg wird auf seine wirtschaftlichen und ideologischen Motive zurückgeführt, kalt und klar wird erzählt, wie er gekommen ist, und wie er, zunächst unblutig, weitertobt; das Ende der geistigen Kulturen durch ihre Industrialisierung wird aufgezeigt, der Pump bei einer verschollenen Welt (die »Helden«); der Zerfall und das Ende der Kunst, die Stellung des Künstlers als Hanswurst einer Klasse, die unterhalten, aber nicht im Verdienen gestört sein will, der Zerfall der Familie (wie er sich schon vor dem Kriege bei Müller-Lyer auseinandergesetzt findet) und die Abstraktion des Lebens. »Als Fabrikarbeiterin, Bahnschaffnerin, Beamtin stellte das Weib von nun an ihren Mann ... Sie hatte eine Wohnstätte, aber kein Heim; Verwandte, aber keine Familie; einen Mann, aber keinen Gatten; Nachkommen, aber keine Kinder.« Besser ist der wirkliche Untergang von konkreten Synthesen in den abstrahierenden Polizeijargon noch nicht entwickelt worden.

Die hohnvoll mächtige Machtlosigkeit des Staates, seine freche Prätention als Hegelsches Alleinwesen, seine Exponenten: Soldaten und Demokraten (die sich nur durch die Couleur, aber nicht durch die Denkart unterscheiden) – das wird knapp und ohne Beredsamkeit entwickelt. Und was aus dem ganzen, gar nicht genug zu empfehlenden Buch herausspringt, ist wiederum dies:

Die Menschheit ist fortgeschritten – der Mensch ist dahin. Das Grammophon klettert auf die Alm, die Kuh ist ein rein wirtschaftliches Ding geworden, das nur noch mit dem Schweif dem urlaubernden Städter etwas Poesie zuwedelt, die wettergebräunten Seeleute bilden eine Fischereigenossenschaft e.V., und der Krieg ist ein gemischt-wirtschaftliches Unternehmen. Der Wert des Buches scheint mir darin zu liegen, dass es die Sachen nicht so bezeichnet, wie sie scheinen, oder wie sie genannt werden, sondern wie sie wirklich sind.

Was ist Wahrheit –? Man kann auch diese Betrachtungsweise mit Philosophie zerfasern, aber es ist merkwürdig, dass niemand so weise und relativistisch wird wie einer, dem man auf die Kasse guckt. Da wird er philosophisch wie der liebe Gott. Man sollte ihm den Rauschebart abreißen, und man hat das glatt rasierte Gesicht eines amerikanischen Schuhwarenfabrikanten. Dies Buch aber dürfte auf keinem Geburtstagstisch eines Romantikers fehlen.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 08.06.1925, Nr. 23, S. 864.





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