Bei den Verrückten


Albert Londres ist eine Nummer für sich. Man stelle sich einen Egon Erwin Kisch vor, der nicht aus Prag stammt – das geht nicht –, also man denke sich einen gebildeten Mann, der von einer großen Reporterleidenschaft wirklich besessen durch die Welt getrieben wird. Londres ist ein Reporter und nichts als das: keine langatmigen Untersuchungen, keine exakten Dokumente, sondern: Wo ist etwas los? Ich will dabei sein! Ihr werdet lesen.

Wir haben gelesen. ›Au Bagne‹ (das ist ins Deutsche übersetzt) – Londres beschreibt da das französische Sibirien, die Deportationsorte in dem mörderischen Klima Südamerikas. Wir haben ›Dante n'avait rien vu‹ gelesen – das ist die Schilderung ›Biribis‹, der französischen Strafbataillone im Norden Afrikas. Beide Male große Aufregung im Lande, großer Bucherfolg beider Bände, für Biribi fand sogar eine offizielle Untersuchung statt, die jetzt mit allgemeinem Freispruch der angeklagten Unteroffiziere und Offiziere vor dem Kriegsgericht in Oran geendet hat. »La routine, la vraie maîtresse de la France«, hat Stephan Lauzanne einmal geschrieben. Bagno, Biribi ... was nun –?

Auf der ersten Seite des neuen Buches von Londres steht folgendes Gespräch zwischen ihm und einem Kollegen:

»Si j'allais au bagne?« – »Allez.« Huit mois plus tard: »Si je partais pour Biribi?« – »Partez.« Au retour de Biribi: »Si je faisais les fous?« – »Faites.« Er hat die Verrückten bearbeitet, und da ist das Buch:

›Chez les Fous‹ (bei Albin Michel, Paris, 22 rue Huyghens). Eine sehr interessante Sache.

Hier ist nun noch gar nichts von Psychoanalyse, und das Irrenhaus hat für Autor und Publikum Schrecknisse wie die Geisterstunde, huhu, für Kinder. Ein alchimistisches Buch zur Zeit des Chlorgases. Es ist aber gut gesehen, wenn man nichts Wissenschaftliches verlangt, und es ist noch besser gemacht, weil es verboten war, es zu tun. Fast überall hat sich Londres in die Irrenhäuser eingeschlichen – man wollte ihn nicht.

Mit gutem Grund.

Die Einzelschilderungen sind sehr instruktiv und, soweit man das bei so einem Thema sagen darf, amüsant. Wie, zum Beispiel, der mittelalterliche Teufel in den Visionen so vieler Geisteskranker von modernen Erfindungen abgelöst ist. Radiowellen, Elektrizität und, sogar, Sowjet; wie richtig geschildert ist, dass die Frauenabteilungen viel, viel schlimmer sind als die Männerabteilungen; wie die Verrückten essen, fressen, brüllen und hungern; wie die Familien auf der sonst immer leeren Straßenbahn, die ›hinaus‹ fährt, am Sonntag mit ihren Vorratskörben kommen und das entsetzliche Schauspiel mitansehen; geisteskranke Verbrecher und geisteskranke Kinder – nie werde ich vergessen, was ich in Herzberge sah: die Altweibergesichter der Säuglinge und jenen totenblassen Jungen, der, als die Besucher zur Tür hereinkamen, eine seltsam verlorene und unbewußte Bewegung nach seinem Hosenschlitz machte –: Londres hat gut und soweit ich das beurteilen kann, richtig fotografiert.

Und er hat nicht nur fotografiert, er hat auch kritisiert. Die Zustände in französischen Irrenhäusern müssen – immer nach diesen Schilderungen – zum großen Teil entsetzlich sein. Paris und einige andre Anstalten nimmt er ausdrücklich aus.

Weil man nie weiß, wer einen mißbräuchlich ausnutzt: das ist Sache der Franzosen, Wir sollten uns um unsern eignen Kram bekümmern. Ich möchte nicht sehen, wie es auf dem Lande, in Pommern, in Bayern, von dem Fridericus Rex in seiner markigen deutschen Art gesagt hat: »C'est un paradis, habité par des animaux« – wie es da um die Unterbringung der Geistesschwachen, die kein Geld haben, bestellt ist. Wem die Arbeitshäuser unterstehen, wo Männer und Frauen, wie die Fürsorgeerziehung aussieht, wo Kinder gequält werden ... Und schließlich haben wir ja unsre Gerichtsärzte. Also wir wollen doch zu Hause ausfegen.

Um auf Londres zurückzukommen:

Er berichtet, dass die Geisteskranken geschlagen und gebunden werden; dass man sie miserabel beköstigt, weil kein Geld für sie da ist; dass die Überwachung minderwertig und die Garantien für die persönliche Freiheit gering sind; und – das Schlimmste –: dass Geheilte und Rekonvaleszenten im Irrenhause bei den Kranken gehalten werden. Die Verantwortung für diese Behauptungen muß ich ihm überlassen, aber sie hören sich scheußlich genug an.

Das ist durchzogen von den buntesten Geschichten: wie die von jenem Verrückten, der Kissen bemalt, und dem ein pariser Warenhaus auf eine Offerte schreibt: »Wir finden Ihre Preise sehr vernünftig ... « – aber ein fünfzehnjähriges gesundes eingesperrtes Mädchen; ein Irrengesetz von 1838; und, selbstverständlich, die Ärzte.

Da hat Londres mit Recht zugeschlagen, denn kein Priester hat einen solchen Größenwahn sein eigen genannt wie der moderne Arzt, den man zu kritisieren wagt. Man braucht aber kein Fachmann zu sein, um unter ihm zu leiden.

Das Buch ist verdienstvoll, wenn auch nicht sehr tief. Und es wird vielleicht jenen zu denken geben, die so feierlich in der Sorbonne das Andenken des großen Lehrers unsres einzigen Freud gefeiert haben: Charcots.

Europa soll sich nicht dicke tun; das Mittelalter war wie die neue Zeit, nur konsequenter, aber sicherlich mit derselben Verachtung der tempi passati.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 22.09.1925, Nr. 38, S. 467.





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