Alte Schauspieler


Der eine ist in Paris wegen seiner Locke jahrelang berühmt gewesen und wegen anderer Qualitäten auch. Ein Theater heißt nach ihm, er hat zu dem Paris vor dem Kriege so dazugehört wie Claire Waldoff zu Berlin. Heute tritt er nun nochmals auf.

Ach, es ist eine herzhafte Enttäuschung. Da steht ein dicker Mann mit einem sehr gerundeten Bauch (Ich weiß schon: Wer bei Weidner sitzt, soll nicht mit Grieben werfen!) und macht feine Gestchen und singt halbe Tönchen und ist ein ganz klein wenig kurzatmig. Er hats nicht ganz leicht: das neue Publikum muß er sich erst ansingen, und das ist andere Sachen gewöhnt. Er hats nicht ganz schwer: da sind noch viele im Saal, die erinnern sich dankbar und die spenden ihm den Applaus gewissermaßen als Zinsen eines alten Kapitals. Unsereiner aber kommt hier hereingeschneit, uns fehlen alle die Voraussetzungen, wir sitzen kühl und unbekümmert dabei und sagen: Nun mach mal vor! Und er macht vor.

Ja, er ist fein, und Reste sind ja noch da. Er muß einmal gut gewesen sein. Aber er ist es nicht mehr. Er ist ganz und gar altmodisch: er hat diese alte Chansonettentechnik, die da immer malend andeutet, wovon gerade die Rede ist. Und die Hände bei »Ich habe Haare auf den Zähnen« erst auf den Kopf und dann an den Mund führt ... O weh – ist das von gestern, vorgestern, vorvorgestern ... ! Und er appelliert an Gefühle, die es nicht mehr gibt, kaum noch gibt, so nicht mehr gibt – er schnellt die Pointe nicht ins Publikum, sondern backt sie vor den Augen der Zuschauer gar, er weiß auch noch nicht, dass es ganz ohne Pointen geht – kurz: Polka, aber kein Jazz. Warm wird der Saal erst, als er die ganz alten Chansons hervorholt, die er vor fünfundzwanzig Jahren kreiert hat, lustige Sachen, bei denen die Orchestermannschaft vor dem Refrain fragt: »Où ça?« und er: »Où ça?« – »Oui!« sagts im Orchester vielstimmig. Und dann legt er die Antwort im Refrain hin, und alle Leute schmunzeln, weil das eingeht wie warme Butter. Und als sie ihn – denn doch – zum sechstenmal hervorrufen, ist in den Augen des alten Mannes jenes fatale und unangenehm falsche Lächeln: Na also! Ich schaffs doch noch! Gott sei Dank! Das wäre ja auch noch schöner! – Alter ist kein Einwand, nein. Aber auch keine Entschuldigung. Wir haben doch nun genug alte Leute in der Politik, muß es auf dem Theater auch noch sein –?

Es scheint so.

Die andere spielt immer noch Theater, und da habe ich einen mächtigen Schreck bekommen, als sie herauskam. Wie ich noch ein ganz kleiner Junge war, habe ich mir ihr Bild aus den illustrierten Zeitschriften ausgeschnitten, sie und die Mistinguett waren für mich Paris, und auch noch Prince, dieser urkomische Filmmann. Sie hatte einen Strubbelkopf, sah hervorragend unanständig aus und war häßlich ... ! Sie war so häßlich, dass diese Geschichte wohl wahr sein kann: Als sie einmal ein amerikanisches Gastspiel absolvierte, kam sie herüber und sah auf den Plakaten ihren Namen, ganz groß, wie sich das gehörte. Gut. Und darunter, noch viel großer, in meterhohen Buchstaben: Die häßlichste Frau der Welt! – Ja.

Schon das Bild im Programmheft war bitter – aber die Wirklichkeit übertraf alle Erwartungen. Sie sah aus ... wie eine Schildkröte, nein, nur wie eine mock-turtle mit einem Scheitel, hinten hängt das Haar in zwei kleinen Zöppken herunter, und dick! Dick und robust wie der Untermann einer Turnergruppe im Varieté! Arme wie Oberschenkel, Beine wie Keulen – pfui Deibel, Herr Major –! Dabei ist auch bei ihr im Spiel noch so etwas wie ein Rest: Sie übertreibt selten, sie mäßigt sich – für ihre Verhältnisse – und reißt doch immer noch Kulissen, Bühnenbretter und Schnürboden zusammen, wenn sie spielt. Sie tritt die Mitspielenden mit dem Fuß; wenn sie weint, wird man seekrank – aber sonst geht es wohl noch an. Sie soll die alternde Frau spielen – das ist nicht ungeschickt gemacht – die alternde Frau, der der junge Anbeter weggeliebt wird – ich habe das einmal von der stillen, feinen Frau Desprès gesehen – aber daran darf man hier gar nicht denken. Gut ist sie nur, wenn sie den Gefühlsüberschwang des Anbeters mit einer ganz kalten Bemerkung überduscht, das mag ihr aus dem Herzen kommen. Sie spielt, und ich sehe sie an. Wie sieht sie verlebt aus! Was mag alles über diese Frau hingebraust sein! Wahrscheinlich kann man eine Art Stadtgeschichte schreiben, wenn man ihr Leben beschriebe!

Um mich herum sitzen kleine Leute mit ermäßigten Billetts. Sie, die einmal das Beste an Diplomatie, Literatur und Finanz in den Logen hatte, spielt nun heute den Uhrmachern und Schustern ihrer damaligen Freunde vor, was übriggeblieben ist. Das ist nicht sehr lustig.

Und das allein macht die unsinnige Gier der Komödianten begreiflich, zu spielen, die Sucht, ihren Kram so unendlich wichtig zu nehmen, sich um einer Rolle willen die Augen ausstechen zu wollen, zu toben, zu heulen, grundsätzlich gekränkt und immer unzuverlässig zu sein. Heute muß die Wirkung sein – morgen sind sie alt. Wie hat die alte Mutter des verstorbenen Max Bernstein in München immer zu ihrem Sohn gesagt, wenn von Schauspielern die Rede war? »P. F. S.« Pleib fun se – bleib von ihnen! Und ein Teil sind nun unordentliche Bürger geworden, aber ein professioneller Sparren ist ihnen nicht abzusprechen. Und wie schwer ist es, einem alternden Mimen zu sagen, wir hätten nun genug, und er solle abtreten! Wie schwierig, da nicht zu kränken, immer wieder anzuerkennen, was er einmal gewesen ist, die Dankbarkeit nicht zu vergessen ... ! Wie wenige können das! Einer hats einmal fertigbekommen: als die Duse zum letztenmal in Wien auftrat, hat Alfred Polgar der Alternden in so unendlich leiser und feiner Form angedeutet, dass die Zeit vergeht ... Wir anderen, besonders, die wir aus Berlin sind, erinnern an Zilles Vater, der die Kinder sexuell aufklären soll: »Mein Mann mecht es ja die Kinder ooch sahrn – aber er wird jleich immer so jemein –!«

Das wollen wir nicht. Und daher nennt dieser kleine Bericht keinen Namen.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 08.04.1925.





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