Beiwort

Beiwort. (Redende Künste) Ein Wort, welches einem anderen, das den Hauptbegriff der Vorstellung enthält, hinzugefügt wird, um dem Hauptbegriff eine ästhetische Einschränkung zu geben. In folgender Beschreibung, die Haller von einem Spiel des Landmanns, in den Alpen gibt

 

Dort fliegt ein schwerer Stein nach dem gesteckten Ziele.

Von starker Hand beseelt, durch die zertrennte Luft.

 

sind die durch andere Schrift ausgezeichnete Worte, Beiwörter. Man kann sie weglassen, ohne dass die Hauptvorstellung dadurch in ihren wesentlichen Teilen Schaden leidet: allein sie dienen, diese Hauptvorstellung durch Nebenbegriffe ästhetisch, das ist, sinnlicher zu machen.

Es gibt eine andere Art Beiwörter, die man grammatische nennen könnte, weil sie das sind, was die Grammatiker Adjektiva nennen und die man mit den ästhetischen nicht verwechseln muss. Sie sind nohtwendig zu dem eigentlichen Sinn der Rede, die ästhetischen aber zufällige Bestimmungen desselben. Wenn der angeführte Dichter sagt:

 

Denn ein gesetzt Gemüt kann Galle süsse machen,

Da ein verwöhnter Sinn auf alles Wermut streut.

 

so sind die Wörter gesetzt und verwöhnt, grammatische, nicht ästhetische Beiwörter. Denn sie sind zu dem Ausdruck des Hauptbegriffs notwendig: er fehlt ganz, die Rede hat keinen Sinn mehr, wenn man sie weglässt.

Ausser diesen beiden Arten gibt es noch eine dritte, welche die Grammatiker Nomina patronymica nennen, die hauptsächlich dazu dienen, die Namen der Personen mit einem Ehrentitel zu begleiten. So ist der Ausdruck Pius Äneas, p.t..a . .. u. d. gl. Diese werden fast allezeit gebraucht, so oft die Hauptnamen der Personen genannt werden, ohne dass man dabei eine besondere ästhetische Absicht hat.

Die ästhetischen Beiwörter, welchen man sonst den Namen Epitheta gibt, dienen demnach, Vorstellungen, die ohne sie schon durch die Hauptwörter richtig bezeichnet sind, durch Nebenbegriffe einen ästhetischen Wert zu geben. Wenn man in ihrer Wahl glücklich ist, so kommt oft die größte Kraft der Vorstellung von ihnen her. Z. E.

 

Illi robur & æs triplex

Circa pectus erat, qui fragilem truci

Commisit pelago ratem.

Hor. I. 3.

 

Sie gehören überhaupt in die Klasse der Ausbildungen, von denen wir in einem eigenen Artikel gehandelt haben.

Eben die Grundsätze, nach welchen ein verständiger Künstler die Ausbildungen beurteilt, dienen uns, den rechten Gebrauch und die Beschaffenheit der Beiwörter zu bestimmen. Man kann leicht zu viel oder zu wenig darin tun: und so wie die Ausbildung uns überhaupt von dem Verstand des Künstlers, einen vorteilhaften oder nachteiligen Begriff gibt, so tut es in Ansehung des Dichters, der Gebrauch dieser Beiwörter.

Wie etwa große Männer nicht besser als mit ihren bloßen Namen können genannt werden, so gibt es auch Vorstellungen, die schon in ihrer Anlage, in ihren wesentlichsten Teilen groß und vollkommen ästhetisch sind und deswegen in dem Ausdruck keiner Auszierung durch Beiwörter nötig haben; vielmehr würden sie dadurch geschwächt werden. Um diese Anmerkung zu erläutern, wollen wir folgende Stelle aus Herrn Ramlers Paßions-Kantate, dem Leser vorhalten.

 

Gethsemane! Gethsemane! wen hören deine Mauern

So bange, so verlassen trauren?

Ist das mein Jesus?

Bester aller Menschenkinder!

Du zagst, du zitterst gleich dem Sünder,

Dem man sein Todesurteil spricht.

 

Diese ganze Vorstellung hat etwas Grosses, das durch keine Nebenbegriffe kann verstärkt werden. Hätte der Dichter etwa gesagt: Und dies ist mein göttlicher Jesus! – Du zitterst gleich dem elenden Sünder, dem man sein gerechtes und fürchterliches Todesurteil ankündigt – so hätte aller Aufwand dieser Beiwörter, die Vorstellung nicht nur nicht verstärkt, sondern geschwächt.

Wenn Cäsar, da er den Brutus unter seinen Mördern erblickt, ihm zuruft: Auch du Brutus, so sagt dieses, alles was der Diktator hier sagen will, in der vollkommensten Stärke und wenn man dem Brutus ein Beiwort geben wollte: Auch du mein väterlich geliebter, mein so sehr verpflichteter Brutus, so würde die Stärke der Rede nicht das geringste gewinnen. In dergleichen Fällen muss man sich der Beiwörter gänzlich enthalten.

Auch in dem entgegengesetzten Fall, bei Vorstellungen, welche nur des Zusammenhangs halber da sind und die der Dichter mit Fleiß etwas aus den Augen wegsetzt, würde man die Beiwörter sehr zur Unzeit anbringen. Die Maler setzen oft in einem Hintergrund oder im stärksten Schatten einzelne Figuren oder Grupen hin, die bloß des Zusammenhangs halber oder eine sonst leere Stelle auszufüllen, da sind. Diese können sie durch keinen lebhaften Pinselstrich erheben, weil sie sonst zu starke Wirkung täten und das Auge von wesentlichen Gegenständen abzögen. Eben diese Beschaffenheit hat es mit einigen Vorstellungen in redenden Künsten. Was seiner Natur nach in der Dämmerung liegen muss, das soll nicht ans Licht gebracht werden. Wenn ein Dichter uns auf die Handlungen eines streitenden Helden aufmerksam machen will, so muss er sich hüten, durch ein unzeitiges Beiwort die Aufmerksamkeit auf das Gerassel seines Wagens oder das Stampfen seines Pferdes, zu lenken.

Die größte Vorsichtigkeit im Gebrauch der Beiwörter, hat man da nötig, wo man andere Personen redend einführt. Man muss auf das genaueste erwägen, wie viel einzelne Begriffe notwendig in den Vorstellungen der redenden Person liegen und gerade nur so viel ausdrucken. Man muss allezeit daran denken, dass die Beiwörter den Hauptwörtern untergeordnet sind. Wo diese schon alles sagen, was an diesem Orte, nach diesen Umständen, hinreichend ist, da muss jedes Beiwort vermieden werden.

In der Geschichte des Geschmacks älterer und neuerer Zeiten findet man, dass ein Überfluss der Beiwörter allemal die erste Anzeige des sich verderbenden Geschmacks gewesen ist. In Griechenland, in Rom und in Frankreich, hat sich dieser Überfluss gezeigt, sobald die goldnen Zeiten der Dichtkunst und Beredsamkeit anfingen, einer verdorbenen Periode Platz zu machen.

Diesemnach muss der Gebrauch der Beiwörter, auf die Fälle eingeschränkt werden, wo die Vorstellung durch die Hauptbegriffe noch nicht ästhetisch genug ist. Und damit wir ihren Gebrauch desto bestimmter anzeigen können, müssen wir uns erinnern, dass der ästhetische Stoff von dreierlei Art ist; dass er entweder die Phantasie mit lebhaften Bildern anfüllt oder dem Verstand helle und große Begriffe darbietet oder die Empfindung erregt.

Nach dieser dreifachen Absicht müssen die Beiwörter gewählt werden. Entweder zeichnen sie uns die Sachen sinnlich vor oder sie erhellen und verstärken unsere Begriffe oder sie reizen die Empfindungen.

Sinnliche und malerische Beiwörter sind da, wo man wirklich durch die Rede malen will, ganz unentbehrlich, weil ohne sie das Gemälde entweder die kleinen Umstände nicht ausdruckt oder durch weitläufigere Bezeichnung derselben sehr langweilig sein würde. Man überlege, um diese Anmerkung völlig zu fassen, folgende Stelle:

 

Er treibt den trägen Schwarm von schwer beleibten Kühen,

Mit freudigem Gebrüll, durch den bethauten Steg;

Sie irren langsam um, wo Klee und Mutten blühen,

Und mähn das zarte Gras mit scharfen Zungen weg.

 

Läßt man die Beiwörter weg, so fehlt dem Gemälde das wahre Leben; will man die Umstände die durch sie bezeichnet werden, anders vorstellen, so wird man langweilig.

Will man nicht malen, sondern etwas stark, neu, kurz oder naiv sagen; so können auch dazu die Beiwörter die besten Mittel abgeben. Will man rühren, durch welche Gattung des Leidenschaftlichen es sei, so können wohl gewählte Beiwörter ungemeine Dienste dabei tun.

Überhaupt also sind sie zu gar allen Gattungen der ästhetischen Kraft die beste Würze, die den Hauptvorstellungen den größten Nachdruck geben. Hingegen ist auch nichts abgeschmackteres als eine von schwachen, unbestimmten oder müßigen Beiwörtern angefüllte Schreibart. Auch die ist zu verwerfen, da die Beiwörter zwar nicht müßig sind, aber Nebenbegriffe ausdrücken, die den Hauptzweck nichts angehen, sondern bloß den Witz und besondere Einfälle des Redners oder Dichters, anzeigen sollen.

Wie die Dichtkunst überhaupt sinnlicher ist als die Beredsamkeit, so bedient sie sich der Beiwörter häufiger, als diese. Desto mehr aber muss der Dichter sich hüten, dass ihn der Vers nicht verleite sich derselben ohne Not zu bedienen. Dazu kann insbesondere der Hexameter leicht verführen. Beispiele davon sind so leicht anzutreffen, dass es unnötig ist solche hier anzuführen.


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