Beschreibung

Beschreibung. (Beredsamkeit; Dichtkunst) Eine besondere Gattung der Rede, wodurch die Beschaffenheit einer Sache umständlich angezeigt wird. Es kommen so wohl in der Beredsamkeit, als in der Dichtkunst Fälle, Sachen zu beschreiben, vor, wo die Beschreibungen wichtig sind und wohl überlegt werden müssen. Daher pflegen die Lehrer der Redner und der Dichter die Beschreibung als eine zur Kunst gehörige Sache in besondere Betrachtung zu nehmen.

Die Beschreibung betrifft entweder die allgemeine Beschaffenheit einer Gattung oder die besondere Beschaffenheit eines einzelnen Dinges an. Im ersteren Fall vertrit sie die Stelle einer Erklärung, im anderen Fall ist sie ein Gemälde, wodurch wir die Beschaffenheit einer geschehenen oder wirklich vorhandenen Sache erkennen.

Die erstere Art der Beschreibung kommt in solchen Reden vor, wo man aus allgemeinen Begriffen beweisen oder den Zuhörer durch Schlüsse überzeugen will. Jeder Beweis über die Beschaffenheit einer Sache muss nohtwendig aus allgemeinen Begriffen hergeleitet werden. Wer von einer Handlung beweisen will, dass sie gerecht oder ungerecht sei, muss den Beweis aus der Natur der Gerechtigkeit hernehmen. Der Philosoph bestimmt die allgemeine Natur der Sachen durch Erklärungen. Diese schicken sich selten für den Redner, er gibt sie durch Beschreibungen zu erkennen. Die Erklärung gibt das Wesen der Sache zu erkennen, die Beschreibung aber legt von dem Wesen der Sache nur so viel an den Tag als in dem Falle, wo sie gebraucht wird nötig ist. Daher sagt Cicero: Vocabuli sententia, breviter et ad utilitatem causae accomodate, describtur. Von dieser Art der Beschreibung ist in dem Artikel Beweisgründe, gesprochen worden.

Die andere Art der Beschreibung zeigt die Beschaffenheit einer vorhandenen oder geschehenen Sache an. Sie ist ein Gemälde, wodurch etwas als gegenwärtig vor Augen gelegt wird. Sie kommt bei Rednern und Dichtern oft vor und teilt sich wieder in zwei Arten, da sie entweder die Beschaffenheit einer auf einmal vorhandenen Sache, z. B. einer Gegend; oder einer sich nach und nach äußernden Sache, z. B. einer Begebenheit, ausdrückt. Die erstere Art kommt fast in allen Stücken mit einem Gemälde überein, und bekommt also auch gar oft den Namen eines Gemäldes. Bei Verfertigung einer solchen Beschreibung aber stoßen dem Redner und dem Dichter Schwierigkeiten auf, die der Maler nicht hat. Dieser stellt das, was auf einmal in die Augen fällt, auch auf einmal vor; jene können es nicht anders als nach und nach vorstellen: zu dem sieht das Auge unzählige Dinge, die die Rede nicht beschreiben kann, wenn sie nicht höchst langweilig werden soll. Dabei aber muss der Redner, so wie der Dichter, sich an die Regeln halten, die dem Maler wegen der Anordnung und Gruppirung seines Gemäldes vorgeschrieben sind. Eine solche Beschreibung ist allemal eine sehr schwere Sache und gelingt nur großen Rednern und Dichtern. Es ist deswegen denen, die sich auf die redenden Künste legen, sehr zu raten, dass sie sich fleißig in solchen Beschreibungen üben. In Beschreibungen von Personen, ihrem Ansehen, ihrer Stellung und Haltung kann Homer zum Muster genommen werden, weil kein Mensch darin glücklicher ist als er. In Beschreibung der Gegenden könnten aus dem Livius vollkommene Muster angeführt werden; eben so glücklich ist er in Beschreibungen von der Lage gewisser Sachen, z. B. der Stellung zweier Heere beim Anfang einer Schlacht. Höchst wichtig und auch überaus schwer sind die Beschreibungen gewisser Lagen bei Begebenheiten, da man verschiedene Personen nach dem Interesse, welches jeder an der Handlung nimmt, nach den besonderen Empfindungen, die jeder dabei fühlt, nach jedes Stellung und Gebehrdung dabei, so zu beschreiben hat, dass aus dieser Beschreibung ein vollkommenes Gemälde entstehe. Dieses ist eine Hauptsache in der Kunst des epischen Dichters. Aber auch dem Redner ist sie bei gar viel Gelegenheiten nötig; denn bei Erzählung der geschehenen Sachen geben solche Gemälde bisweilen den größten Nachdruck und die stärkste Rührung.

Weniger schwer sind die Beschreibungen solcher Gegenstände, die sich nach und nach entwickeln, wenn nämlich nicht allzu viel Dinge auf einmal geschehen; denn in diesem Fall ist die Beschreibung unstreitig am schwersten; wie z. B. die Beschreibung einer großen Schlacht, die Beschreibung eines, ein ganzes Land verwüstenden, Zufalls, einer Überschwemmung, einer Pest, eines Erdbebens. An dergleichen Beschreibungen können nur Genie der ersten Größe sich mit Hoffnung eines glücklichen Erfolges wagen.

Wer diese Materie und die besonderen Kunstgriffe der Beschreibung ausführlich studieren will, der wird in Bodmers Werk von den poetischen Gemälden die vornehmsten Teile dieser schweren Kunst entwickelt finden. Hier merken wir nur an, dass die Beschreibung ein und eben derselbigen Sache nach den verschiedenen Absichten des Redners und des Dichters von ganz verschiedener Beschaffenheit sein müsse. Will man durch die Beschreibung unterrichten, so muss sie ganz anders sein als wenn man rühren oder belustigen will. Der Redner oder Dichter muss sich allemal, so wie der Maler, den Zweck des Gemäldes, den bestimmten Eindruck, den es machen soll, so lebhaft als möglich vorstellen, damit das Gepräge seiner Beschreibung dem Charakter der Sachen genau angemessen sei.


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