Beredsamkeit - Kraft und Macht


Man kann der Beredsamkeit den ersten Rang unter den schönen Künsten nicht absprechen. Sie ist offenbar das vollkommenste Mittel, die Menschen verständiger, gesitteter, besser und glücklicher zu machen. Durch sie haben die ersten Weisen die zerstreuten Menschen zum gesellschaftlichen Leben versammelt, ihnen Sitten und Gesetze beliebt; durch sie sind Plato, Xenophon, Cicero, Rousseau, zu Lehrern der Menschen worden. Sie unterrichtet einzelne Menschen und ganze Gesellschaften von ihrem wahren Interesse; durch sie werden die Empfindungen der Ehre, der Menschlichkeit und der Liebe des Vaterlandes in den Gemütern rege gemacht.

Männer von vorzüglichen Gemütsgaben, die überall das Wahre und Gute sehen, von demselben lebhaft gerührt werden; die dabei die Gabe haben, alles, was sie erkennen und empfinden, auch anderen fühlbar zu machen, die die Kunst besitzen, von der man mit Wahrheit sagt; dass sie die Sinne der Menschen lenkt und die Gemüter besänftigt [Regit dictis animos et pectora mulcet. Virg. Än. I. 152]; können solche Männer nicht als Geschenke des Himmels angesehen werden? als Lehrer und Vorsteher der Menschen, bestimmt jede gemeinnützige Kenntnis, jede gute Gesinnung unter einem ganzen Volk auszubreiten?

In der Beredsamkeit findet die echte Politik das wichtigste Mittel, den Staat glücklich zu machen. Äußerlicher Zwang macht keine guten Bürger: durch ihn ist der Staat eine leblose Maschine, die nicht länger geht als so lang eine fremde Kraft auf sie drückt; durch die Beredsamkeit bekommt sie eine innere lebendige Kraft, wodurch sie unaufhaltbar fortgeht. In den Händen eines weisen Regenten ist sie ein Zauberstab, der eine wüste Gegend in ein Paradies verwandelt, ein träges Volk arbeitsam, ein feiges beherzt, ein unverständiges verständig macht. Steht sie dem Philosophen bei, so breitet sich Vernunft und Einsicht über ein ganzes Volk aus; leistet sie ihre Hilfe dem Moralisten, so nehmen Gesinnungen der Rechtschaffenheit, der Redlichkeit und der Großmuht, die Stelle der Unsittlichkeit, des Eigennutzes und aller verderblichen Leidenschaften ein: durch sie wird dann ein wildes, ruchloses, frevelhaftes Volk, gesittet und tugendhaft. Durch sie unterstützt konnte der unsterbliche Tullius einen wilden, äußerst aufgebrachten Pöbel besänftigen [s. Plutarch im Cicero]. Durch sie brachte dieser Patriot das römische Volk dahin, dass es eine Sache, die es seit Jahrhunderten gewünscht und für das größte Glück angesehen hatte, freiwillig verwarf [Te dicente legem agrariam hoc est alimenta sua, abdicaverunt tribus. Plin. Hist. Nat. L. VII. c. 30]. Und hätte nicht das Schikcksal Roms Untergang beschloßen, so wäre es durch die Beredsamkeit dieses einzigen Mannes gerettet worden.

Diese Kraft hat die Beredsamkeit nicht nur alsdenn, wenn sie sich in einem feierlichen Aufzuge vor einem ganzen Volke zeigt und große öffentliche Reden hält. Oft hat ein einziges Wort, zu rechter Zeit gesprochen, mehr Kraft als eine lange Rede. Die weitläufigen Reden, dergleichen Thucidides und Livius den Heerführern in den Mund legen, sind selten so wirksam als ein zuversichtliches Wort im rechten Augenblick und im wahren Ton der Zuversicht gesprochen; wie das, wodurch ein griechischer Heerführer, den man durch die überlegene Anzahl der Feinde schrecken wollte, seinem Heere Mut gab: Es ist nicht unsere Art zu fragen, wie stark der Feind sei, sondern wo wir ihn antreffen können.

Also kann die Beredsamkeit, auch ohne Veranstaltung, mitten in den Geschäften, durch wenig Worte die größte Wirkung tun. Durch diese Art der Beredsamkeit hat Sokrates durch eine einzige Unterredung aus einem ausschweifenden Jüngling bei nahe einen Heiligen gemacht [s. Diog. Laert. in Socr. C. V]. So kann ein wahrhaftig beredter Mann nicht bloß Entschließungen erwecken, sondern zugleich antreibende Kräfte zur Ausführung derselben in das Gemüt legen. Die Beredsamkeit des Umganges, die Sokrates in einem so hohen Grad besaß, ist so wichtig als die, die in öffentlichen Versammlungen erscheint oder in öffentlichen Schriften spricht. Deswegen sollte sie, wie in Sparta, ein Augenmerk bei der Erziehung sein. Es sind unzählige Gelegenheiten, wo sie höchst wichtig ist. Es ist kein Mensch, der nicht täglich nötig hätte, anderen etwas zu berichten oder etwas begreiflich zu machen oder sie von irrigen auf richtigere Gedanken zu bringen oder sie zu etwas zu bereden oder gute Gesinnungen in ihnen zu erwecken oder Leidenschaften zu besänftigen. Nur die wahre Beredsamkeit kann dieses tun.

Aus diesen Betrachtungen erhellt nun, dass ein weiser Gesetzgeber für die Aufnahme dieser wichtigen Kunst überhaupt und für die gute Anwendung derselben, niemals gleichgültig sein wird. Alle schönen Künste sind einem Staat nützlich, diese allein ist notwendig, wenn ein Volk nicht in der Barbarei bleiben oder wieder dahin versinken soll. »Warum geben wir uns doch so viel Mühe, (sagt ein großer Dichter) alle Künste als notwendige Dinge zu lernen, und versäumen die Kunst der Überredung als die einzige Führerin der Menschen?« [Eurip. in Hecuba vers. 815. seq.] Welchem Regenten der Flor oder der Verfall, der Gebrauch oder Mißbrauch der Beredsamkeit gleichgültig ist, dem ist auch die Wolfahrt seines Volks gleichgültig; er ist gewiss nicht der Vater seines Landes, sondern höchstens ein Hirte, der eine Heerde weidet, um Nutzen und Einkünfte von derselben zu haben; er hat weder den Vorsatz, sein Volk verständig und gesittet zu sehen, noch den Willen, dasselbe gut zu regieren.

Nach der gegenwärtigen Lage der Sachen sind nur wenige Staaten, die zu den Geschäften der Regierung öffentlich auftretende Redner nötig hätten. Aber welcher Gesetzgeber hat nicht nötig, bisweilen durch Schriften mit seinem Volke zu reden? Wo ist ein gesittetes Volk, bei dem nicht wenigstens in sittlichen Angelegenheiten öffentliche Redner aus Beruf auftreten oder öffentliche Schriftsteller ohne Beruf erscheinen? Dem Gesetzgeber, der nicht ein Tyrann ist, muss daran gelegen sein, dass sein Volk von der Notwendigkeit und dem Nutzen seiner Verordnungen, seiner Befehle, seiner Veranstaltungen, seiner Foderungen überzeugt werde. Auch die unumschränkteste Gewalt kann durch Erweckung der Furcht nicht allemal zu ihrem Zweck kommen, der in vielen Fällen nur durch den freien Willen des Volks erreicht wird. Dieser kann bloß durch Überredung erhalten werden. Dem Regenten aber, der nach dem glänzenden Ruhm, ein Vater und Wohltäter der Völker zu sein, strebt, ist auch daran gelegen, dass alle öffentliche, berufene und unberufene Lehrer des Volks, von der wahren Beredsamkeit unterstützt werden. Nur dann können sie den vorteilhaftesten Einfluss auf den Charakter des ganzen Volks haben. Eigentlich sind sie es nur, durch die die Vernunft ausgebreitet, die Finsternis der Unwissenheit vertrieben, der Unflat des Aberglaubens vertilget und das sittliche Gefühl von jedem guten in den Gemütern rege gemacht wird.

Dass man die Beredsamkeit von den meisten Gerichtshöfen abgewiesen hat, dagegen lässt sich mit Recht nichts einwenden. Richter müssen erleuchtete und einsichtsvolle Personen sein, die nicht handeln, sondern nur einsehen müssen, wo die Wahrheit und das Recht liegt: dazu haben sie keines Redners Hilfe nötig. Nur wo ein ganzes Volk und ein Volk von nicht großer Einsicht, urteilen oder zu einem einstimmigen Zweck handeln soll, da muss es Männer haben, die an seiner Statt untersuchen, abwiegen und die überwiegenden Gründe ihm vorlegen.

Vermutlich ist auch der Mißbrauch, der sehr oft von der Beredsamkeit gemacht worden, die Hauptursache, dass verschiedene Gesetzgeber sie aus den Gerichtshöfen verbannt haben: denn je größer ihre Kraft ist, je schädlicher wird ihr Mißbrauch: und wie das kräftigste Arzneimittel in den Händen eines Unwissenden zum Gift wird, so wird die Beredsamkeit in den Händen eines boshaften zum Werkzeug der Unge rechtigkeit und der Unterdrückung. Ohne Zweifel war es die Besorgung des Mißbrauchs, der den Gesetzgeber in Creta bewogen hat, sie als eine Verführerin des Volks aus seinem Staate zu verbannen [s. Sextus Emp. adverl. Mathem. L. II]. Diese Vorsicht aber war zu weit getrieben: es gibt Mittel den Mißbrauch zu verhindern oder wenigstens ihn sehr einzuschränken.


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