Begeisterung - Gegenstände der Begeisterung


Es ist nicht schwer zu bestimmen, durch was für Gegenstände und in was für Umständen diese Art des Enthusiasmus entstehe. Man kennt die gewöhnlichen Veranlassungen starker Leidenschaften, der Freude, der Traurigkeit, der Zärtlichkeit, der Ehrbegierde. Erscheint ein leidenschaftlicher Gegenstand in einem hellen Lichte und rührt er ein Gemüte, das schon für sich zu der Leidenschaft, worauf er sich bezieht, geneigt ist; so entsteht plötzlich die erhöhete Wirksamkeit, die der Grund des Enthusiasmus ist. Bei reizbaren Seelen, die gewisse Empfindungen, von welcher Art sie sein, oft und bei mancherlei Gelegenheiten gehabt haben, werden selbige bisweilen von einer gering scheinenden Ursache mit großer Lebhaftigkeit wieder rege. Wer lange unter dem Druck einer Widerwärtigkeit geseufzt und selbigen von vielen Seiten her empfunden hat; wer lange in Traurigkeit über einen schmerzhaften Verlust vertieft gewesen; wer Empfindungen, von welcher Art sie seien, lange in seinem Herzen genährt hat, der erfährt den vollen Ausbruch derselben als einen plötzlichen Sturm, so bald eine auch bloß zufällige Gelegenheit, nur eine einzige dahin gehörige Vorstellung recht klar macht. Wie ein einziger Funken schnell einen großen Brand erregt, wenn die Materien vorher erhitzt gewesen; so kann die geringste Vorstellung von einer gewissen Lebhaftigkeit eine Menge in der Seele liegender Empfindungen plötzlich aufwecken. Auf diese Art wird auch bei Dichtern, die Empfindungen von gewisser Art lange in ihrem Busen genährt haben, der volle Enthusiasmus erweckt, so bald ein damit verbundener Gegenstand, durch welche Veranlassung es sein mag, in einem sehr lebhaften Licht erscheint. Horaz sieht seinen Freund, Virgil, in ein Schiff steigen und wünscht ihm eine glückliche Reise. Auf einmal fällt ihm dabei die Gefahr einer solchen Reise ein; die Zärtlichkeit für seinen Freund setzt ihn in Schrecken; er verwünscht die Erfindung solcher verwegenen Reisen und nun wacht plötzlich in ihm alles auf, was er jemals über die Verwegenheit der Menschen gedacht oder empfunden hat. So ist der Enthusiasmus der bekannten Ode an den Virgil entstanden [Lib. I. od. 3. ]. Die andere Art der Begeisterung äußert ähnliche Erscheinungen in der Vorstellungskraft. Sie hat ihren Grund in einem starken Reiz, der diese Kraft schnell angreift. Sie kann von der Größe, dem Reichtum oder der Schönheit des Gegenstandes entstehen. Soll dieser vorzüglich auf den Geist und nicht bloß auf die Empfindung, wirken, so muss er eine deutliche Entwicklung zulassen. Die Vorstellungskraft muss das mannigfaltige darin erblicken, und davon gereizt werden, alles in größerer Klarheit zu sehen. Daraus entsteht eine außerordentliche Anstrengung aller Kräfte, und, wenn es erlaubt ist, sich so auszudrücken, eine vermehrte Elasticität der Seele, die nun groß genug zu sein wünschet, einen solchen Gegenstand völlig zu fassen. Der Geist rafft alle seine Kräfte zusammen, ruft sie von allen anderen Gegenständen ab und bestrebt sich nur deutlich zu sehen. Diesen Zustand beschreibt einer unserer größten Philosophen in folgenden Worten: Psychologis patet in tali impetu totam quidem animam vires suas intendere; maxime tamen facultates inferiores, ita ut omnis quasi fundus animae surgat nonnihil altius et maius aliquid spiret, pronusque suppeditet, quorum obliti, quae non experti, quae praevidere non posse nobis ipsis, multo magis aliis, videbamur. [Ästhetica. §. 80.]

Niemand hat die Tiefen der menschlichen Seele hinlänglich ergründet, um dieses völlig zu erklären. Doch verdient das wenige, was die Beobachtung hierüber an die Hand gibt, genau erwogen zu werden.

Aus der Theorie der Empfindungen lässt sich begreifen, wie gewisse Gegenstände eine Begierde erwecken, sie ganz zu fassen und zu entwickeln und wie die Aufmerksamkeit, durch ein anhaltendes Bestreben, vorzüglich darauf gerichtet werde. Man weiß auch, dass nicht nur die innerliche Beschaffenheit einer Sache, sondern auch bloß zufällig damit verbundene Vorteile, dergleichen Ehr und Ruhm sind, große Kraft haben, die Wirksamkeit der Seele ganz auf solche Gegenstände zu heften.

Hat der Geist einmal eine solche bestimmte, durch anhaltende Kraft unterstützte, Richtung bekommen, so ist sein Bestreben nicht nur stark, sondern auch anhaltend. Der gefasste Gegenstand schwebt ihm unaufhörlich vor Augen; alle andere Vorstellungen werden nur in der Beziehung auf denselben erwogen. So wie der Geizige in allem, was seine Sinne rührt, nichts als den Geldwert, der Ruhmsüchtige nichts als was seine Eitelkeit schmeichelt, gewahr wird; so sieht der Künstler, den ein Gegenstand stark gereizt hat, in der ganzen Natur nichts als in Beziehung auf denselben: nichts entgeht ihm, was er zu merken und zu fassen, nach seinem Genie, vermögend ist. Dass er den Gegenstand von allen möglichen Seiten und in allen möglichen Beziehungen sieht, ist sehr natürlich. Wie eine völlige Gleichgültigkeit gegen eine Sache, alle Aufmerksamkeit auf dieselbe benimmt, dass auch das offenbareste darin unbemerkt bleibt; so wird auf der anderen Seite durch das Interesse das Auge so geschärft, dass man auch das unmerklichste gewahr wird.

Nun ist es eine aus der Erfahrung bekannte, wie wohl schwer zu erklärende Sache, dass die Gedanken und. Vorstellungen, die durch anhaltende Betrachtung eines Gegenstandes entstehen, sie seien klar oder dunkel, sich in der Seele aufsammeln, daselbst wie Saamenkörner in fruchtbarem Boden, unbemerkt keimen, sich nach und nach entwickeln, und zulezt bei Gelegenheit plötzlich an den Tag kommen. Dann sehen wir den Gegenstand, zu dem sie gehören, der bis dahin verworren und dunkel, wie ein unförmliches Phantom vor unserer Stirn geschwebt hat, in einer hellen und wohlausgebildeten Gestalt vor uns. Dieses ist der eigentliche Zeitpunkt der Begeisterung.

Nun sieht man seinen Gegenstand in einem ungewöhnlichen Lichte; man sieht in ihm Dinge, die man noch nie gesehen; was man schon so lange zu sehen gewünscht, erscheint jetzt ohne Anstrengung; man ist geneigt zu glauben, ein wohltätiges Wesen von höherer Art habe unsere Sinne geschärft oder habe auf eine übernatürliche Weise den gewünschten Gegenstand, vor unsere Einbildungskraft gestellt.

 Aber dieser glückliche Augenblick, wie wird er hervorgebracht? wie erlangt der Künstler diesen Beistand der Muse?

– Welcher Macht des Gebets von unsträflichen

       Lippen, Welchem sanften unschuldigen Zittern der Brust wird gegeben, Dass die Himmlische ihn in stillen Nächten

       besuchet, Oder bei einsamen Quellen verschwiegene Worte zu ihm haucht?

Wir wollen dem Künstler den glücklichen Wahn, von dem Beistand einer höheren Kraft nicht benehmen; inzwischen aber dem Philosophen, der weniger gläubig ist, folgendes ins Ohr sagen.

Bei der unaufhörlichen Anstrengung der Vorstellungskräfte auf einen einzigen Gegenstand geschieht es wol und vielleicht auch von ungefähr, so gar im Traume, dass ein ungewöhnlich heller Gedanken davon hervorkommt. Die große Begierde, mit der man den Gegenstand schon so lange in einem hellern Lichte zu sehen gewünscht, wird nun plötzlich auf das Lebhafteste gereizt; nun werden alle Nerven gespannt; die Aufmerksamkeit wird jedem anderen Gegenstand entzogen; alle Vorstellungen, die nicht mit der einzigen interessanten verbunden sind, sinken in die Dunkelheit. Selbst die Wirkung der äußern Sinne wird so geschwächt, dass der Geist daher keine Zerstreuung zu befürchten hat. Desto heller und lebhafter wird nun jeder Begriff, der sich auf den Hauptgegenstand bezieht; jetzt treten alle gesammelte Vorstellungen aus der Dunkelheit empor, und, wie im nächtlichen Traum, wenn alle Zerstreuung gänzlich auf hört, das Bild, welches wir wachend in dunkle Dünste eingehüllt gesehen, in der Klarheit des hellesten Tages, vor unseren Augen steht, so sieht der Künstler in dem süßen Traum der Begeisterung, den gewünschten Gegenstand vor seinem Gesichte; er vernimmt Töne, wenn alles still ist und fühlt einen Körper, der bloß in seiner Einbildung die Wirklichkeit hat.

Hieraus nun lässt sich allerdings begreifen, woher die erhöhten Seelenkräfte in dem Zustand der Begeisterung ihre Stärke bekommen und warum diese einen so vorteilhaften Einfluss auf die Werke des Geschmacks habe; woher es komme, dass jede einzelne Vorstellung ein ungewöhnliches Leben bekommt; warum abwesende Dinge als gegenwärtig, vergangene oder zukünftige als jetzt vorhanden erscheinen. Hat aber der Künstler in der Begeisterung so lebhafte und so vollkommene Vorstellungen, so wird es ihm auch leicht, sie nach Maßgabe seiner Kunst, es sei durch Worte oder durch Zeichnung und Farbe oder durch bloße Töne zu äußern.


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