Fleischfarben

Fleischfarben. (Malerei) Die Farbe des Nackten am menschlichen Körper. Die natürliche Nachahmung dieser Farbe in den Gemälden ist einer der wichtigsten Teile der Farbengebung, nicht nur, weil der Mensch der vornehmste und schönste Gegenstand der Malerei ist, sondern auch wegen der großen Schwierigkeit, die man dabei antrift. Die Farben aller anderen Körper gehören ganz zu ihrem äußeren und zufälligen; es scheint aber, dass die Natur, wie die Form des Körpers, also auch seine Farbe mit dem Geist gleichsam verwebt habe. Schon die Farbe allein drückt das Leben aus; folglich auch die verschiedenen Stufen und Kräfte des Lebens, mithin auch einen Teil des Charakters der Menschen. Der Bildhauer kann nie die ganze Seele sichtbar machen. Dieses beweißt die höchste Wichtigkeit dieses Teils der Kunst; die ungemeine Schwierigkeit aber lernt man begreifen, wenn man versucht, so wohl die Hauptfarben als die unnennbaren Mittelfarben, mit welchen die Natur den menschlichen Körper bemahlt, anzugeben und zu nennen. Was für ein feines Gesicht muss der Mensch haben, der nur etwas davon erkennen will. Was für scharfsinnige Beobachtungen musste nicht Titian gemacht haben, ehe er auf die Grundsätze gekommen, die Mengs in seinen Fleischfarben entdeckt hat. »Ein Fleisch, das viel Mittelteints hatte, machte er überhaupt im Mittelteint, dasjenige, so deren wenig hatte, machte er fast ohne Mittelteinten. So das Rötliche fast ohne andere Teints (dieses versteht sich allezeit nebst der Nachahmung der Wahrheit) und gleicher Weise in jeder übrigen Farbe.« [Mengs Gedanken über die Schönheit und den Geschmack in der Malerei, S. 59.]

Es ist also kein Teil der Farbengebung wichtiger und keiner schwerer als dieser; denn wenn man alle anderen vollkommen besäße, so müsste man diesen noch ganz besonders studieren und zu dem Ende ein unabläßiges und scharfes Studium der Natur, mit tausend nachahmenden Versuchen verbinden. Man hat in jedem anderen Teil der Kunst eine größere Anzahl vollkommener Meister gehabt als in dieser, wo man außer Titian und van Dyk wenige zu nennen hätte.

Die Farben des Fleisches sind nicht nur von allen Farben die, die man am wenigsten bestimmen kann, sondern auch die, deren frisches und liebliches Wesen am zartesten ist. Folglich muss ihre Behandlung höchst leicht und frei sein. Wer durch vieles Mischen, durch viel Verreiben, durch mancherlei Wendung des Pinsels, sie zu erhalten sucht, findet sie gewiss nicht. Wer am Nackten malt und noch ungewiss ist, wie er es erreichen soll, wird es nicht erreichen. Durch eine genaue Beobachtung der Natur und ein scharfes Nachdenken, muss man sich Regeln machen, ihnen mit Sicherheit folgen und so lang man nicht den erwünschten Erfolg davon sieht, sie durch neue Beobachtungen zu verbessern suchen. Dieses ist vermutlich der einzige Weg in diesem Teile der Kunst zur Vollkommenheit zu gelangen.

Laireße hat über die Fleischung, wie über verschiedene andere Zweige der Kunst, Regeln gegeben, die dem, dessen Genie sonst für diesen Teil der Kunst die gehörige Wendung hat, das Studium etwas erleichtern könnten. Aber alle Regeln, die man nicht selbst entdeckt oder deren Gründlichkeit man nicht durch eigenes Nachdenken einsieht, können hier nichts helfen.


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