Fundamentalbass

Fundamentalbass. (Musik) Ist in einem geschriebenen Tonstück eine Reihe tiefer Noten, die die wahren Grundtöne der Harmonie anzeigen. Nämlich der Bass, welcher gesungen oder gespielt wird, enthält nur die tiefsten Töne, aber nicht allemal die Grundtöne der Akkorde, weil verschiedene Akkorde in ihren Verwechslungen genommen werden1. Folgendes Beispiel wird dieses erläutern: Hier enthält das obere Liniensystem die Noten des Basses, so wie sie gespielt werden; das untere aber die Noten, welche die eigentlichen Grundtöne jedes Akkords anzeigen und ist also der Fundamentalbass, der auch Grundbass genannt wird.

 Dieser Bass ist also nicht zum Spielen, wird auch selten und in Deutschland fast niemals geschrieben. In zweifelhaften Fällen, wo man anstehen könnte, auf welcher Grundharmonie gewisse Akkorde beruhen, kann er so gleich die Zweifel heben, wie aus folgendem Beispiel zu sehen ist: Man könnte hier den Septimen-Akkord auf dem Ton G für den wesentlichen Septimen-Akkord auf der Dominante des Hauptons halten2, und sich wundern, warum nach demselben nicht ein Schluss nach C erfolgte; der darunter geschriebene Fundamentalbass zeigt, dass dieses ein verwechselter Sept- Nonenakkord auf dem Grundton E sei, auf welchen der Schluss nach A geschehen muss.

 Wer nur einigermaßen mit den wahren Regeln der Harmonie bekannt ist, hat selten nötig, dass ihm dieselbe erst durch einen Fundamentalbass erläutert werde. Daher kommt es, dass in Deutschland und Italien des Fundamentalbasses ehedem nie und noch jetzt selten gedacht wird, ob man gleich oft von der Grundharmonie spricht. Rameau hast zuerst einen geschriebenen Fundamentalbass eingeführt, daher seine Landsleute ihn für den Erfinder desselben ausgeben. Einige derselben sind so unwissend, dass sie mit lächerlicher Dreistigkeit vorgeben: Rameau habe die Wissenschaft der Harmonie, die vor ihm sehr ungewiss gewesen, zuerst auf Grundsätze zurück geführt und zuerst gezeigt, dass gewisse Akkorde keine wah ren Grund-Akkorde, sondern Verwechslungen anderer Fundamental-Akkorde seien. Diese Leute müssen also nicht wissen, dass die Wissenschaft des doppelten Kontrapunkts, die viel italienische und deutsche Tonsetzer unendlich besser als Rameau verstanden haben, schlechterdings auf diese Kenntnis der Grundharmonien gebaut sei, indem es im doppelten Kontrapunkt unmöglich ist, nur einen Takt ohne die Verwechslung der Akkorde zu setzen. Was also mehr als hundert Jahre vor Rameau alle guten Tonsetzer gewußt und täglich ausgeübt haben, hat dieser wunderbare Mann, dieser einzige Gesetzgeber der Musik, zuerst erfunden. Rameau hat sich unstreitig um die Musik verdient gemacht; aber die Leute, die seit einigen Jahren so sehr dreiste schreiben und wiederholen, er sei der Erfinder der wahren Grundsätze der Harmonie, verraten einen so gänzlichen Mangel der Kenntnis dessen, was vor ihrer Zeit in der Musik getan worden, dass sie billig von einer Sache, die sie so gar nicht verstehen, nicht schreiben sollten.

 

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1 S. Verwechslung.

2 S. Septimenakkord.

 


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