Form (Zeichnende Künste)

Form. (Zeichnende Künste) In dem allgemeinesten figürlichen Sinn bedeutet dieses Wort die Art, wie das Mannigfaltige in einem Gegenstand in ein Ganzes verbunden ist; folglich die besondere Art der Zusammensetzung. Hier wird aber die Form nur, insofern sie sichtbar ist, betrachtet, nämlich als die Gestalt körperlicher Gegenstände: man sagt in diesem Sinn, ein Gefäß habe eine schöne Form. Von solchen Gegenständen hat man das Wort in der Sprache der Künste, auch auf die menschliche Gestalt angewendet; so sagt man z. B. Michel Angelo habe in seinen Werken auf große Formen gesehen und versteht durch diese Formen auch die Gestalt der Figuren von menschlicher Bildung.

 Die Formen sind wegen der mannigfaltigen ästhetischen Kraft, die sie haben, der hauptsächlichste Gegenstand der zeichnenden Künste und verdienen deswegen nach ihren Hauptgattungen betrachtet zu werden. Wir merken demnach an, dass es dreierlei Gattungen der Formen gibt; solche, die eine bloß körperliche Schönheit haben; danach solche, in denen körperliche Schönheit mit Schicklichkeit und Tüchtigkeit verbunden ist; und endlich auch solche, in denen außer der körperlichen Schönheit und Schicklichkeit, auch sittliche Kraft liegt. Zur ersten Gattung gehören alle Figuren und Körper, die regelmäßig sind, aber keine besondere Bestimmung haben; zur anderen Klasse regelmäßige Körper, deren Gestalt durch eine besondere Bestimmung ihre Einschränkung bekommt; und zur dritten die, in denen außer den vorhergehenden Eigenschaften noch inneres Leben und sittliche Wirksamkeit entdeckt wird.

 Es kommen uns mannigfaltige Figuren und Körper vor, von deren Natur und Endzweck wir nichts erkennen; die uns aber doch gefallen oder mißfallen, bloß insofern sie eine Figur haben. Unter den Steinen, welche auf den Feldern zerstreuet sind, ziehen die, deren Figur eine merkliche Regelmäßigkeit hat, unser Auge auf sich und wenn wir die in der Luft zerstreuten Wolken sehen, so sind wir aufmerksam und vergnügen uns, so oft wir in ihren Figuren und in ihren verschiedenen Gruppirungen etwas regelmäßiges entdecken. Wir schreiben ihnen insofern eine Schönheit zu, die aber bloß darin besteht, dass ihre Form faßlich ist, dass wir uns einen mehr oder weniger klaren und deutlichen Begriff davon machen können. Sie haben die bloß todte Schönheit, die, wie die Philosophen bemerkt haben, aus Einheit und Mannigfaltigkeit entsteht.

  Dieses ist die geringste Gattung der Formen, von welcher aber die zeichnenden Künste einen starken Gebrauch machen. Sie hat der Baumeister zur Absicht, wenn er die Decken der Zimmer mit Feldern, und die Fußboden mit künstlichem Tafelwerk verziert; und der Maler, wenn er seine Figuren wohl gruppirt und alles in regelmäßige Massen anordnet. Diese Formen wirken ein bloßes Gefallen oder eine Zufriedenheit des Auges.

  Wenn aber diese Schönheit zugleich mit Schicklichkeit und Tüchtigkeit verbunden wird, so bekommt die Form schon eine lebhaftere Kraft. Wir können die Säulen der Baukunst zum Beispiel anführen. Das Verhältnis ihrer Höhe zur Dike und die Einziehung oder allmähliche Verdünnerung des Stammes, dass sie einen Fuß und Knauff haben, dass der unterste Teil des Fußes eine viereckigte Platte und der oberste Teil des Knauffs eine Tafel ist und mehr solche Dinge gehören zum Schicklichen und Tüchtigen; denn durch diese Eigenschaften wird die Säule tüchtig zu tragen, was sie zu tragen hat. So ist in einem schönen Gefäß, in einer schönen Vase, bloß körperliche Schönheit mit Tüchtigkeit verbunden, wenn die Form zum Gebrauch, den man davon macht, völlig schicklich ist oder ihn erleichtert. So sind unsere Trinkgläser, da ein kleiner conischer Bächer auf einem dünnen zum Anfassen bequemen und unten mit einem breiten Fuß versehenen Stamm steht. Die körperliche Schönheit mit Schicklichkeit oder Tüchtigkeit verbunden, sehen wir überall in den Formen der Pflanzen und der Tiere und wir vermissen sie gar oft in den Werken der Kunst, wo die Zierraten ohne Beurteilung angebracht werden, wie bei Messern, deren Hefte so wunderlich gestaltet sind, dass man sie nicht fest anfassen oder mit so viel eckigten Zierraten versehen sind, dass man sie ohne sich zu verwunden nicht lange fest halten kann.

 Gute Formen von der zweiten Art können einen großen Grad des Vergnügens erwecken. Das Pflanzenund Tierreich ist voll von solchen Formen, die man nicht ohne inniges Vergnügen betrachten kann. In den schönen Künsten zeigt die Baukunst manche Schönheit dieser Art. Eine nach dem guten Geschmack der Griechen gebaute Säulenordnung zeigt uns das Schöne mit dem Tüchtigen und Schicklichen in der engesten Verbindung. Was kann fester, besser zusammengefügt, zu seinem Endzweck schicklicher, zugleich aber regelmäßiger sein als jeder Teil der dorischen Ordnung? Durch eine glückliche Vereinigung des Schönen mit dem Tüchtigen und Schicklichen, werden auch Werke der mechanischen Künste zu Werken des Geschmacks und der Goldschmidt, der Juvelierer und so gar Handwerker von der niedrigsten Klasse können sich dadurch bis zum Rang der Künstler erheben, so wie im Gegenteil Künstler unter den Handwerksmann sinken, wenn sie durch abgeschmackte Zierraten so gar, was zur Tüchtigkeit am wesentlichsten gehört, zerstören1; wie der wunderliche Mensch in Frankreich, der vor einiger Zeit ein Gebäude in Form eines Rhinoceros hat aufführen wollen.

 Die wichtigsten Formen, deren Schönheit bis ins Erhabene hinaufsteiget, sind die, in denen Schönheit mit Schicklichkeit und sittlichem Wesen vereinigt ist, wo die Materie ein Ausdruck geistlicher Kräfte wird; Seelen in sichtbarer Gestalt. Diese fangen schon in dem Tierreich an und erheben sich allmählich durch unendlich viel Grade bis zum höchsten Ideal der menschlichen Schönheit als dem äußersten, das Menschen zu erreichen möglich ist. Die Natur und Kraft dieser Form, die auch schlechthin die Schönheit, das ist, das höchste Schöne genannt wird, ist wegen der Wichtigkeit der Sache in einem besonderen Artikel ausführlich entwickelt worden2.

  Man muss in den zeichnenden Künsten, so oft als von Formen die Rede ist, an den Unterschied dieser drei Gattungen der Formen gedenken; denn unter gleichen Namen werden sehr ungleiche Dinge ausgedrückt. Wenn von Schönheit der Formen gesprochen wird, so kommt es sehr viel darauf an, zu welcher Gattung sie gehören.

 

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1 S. Zierraten.

2 S. Schönheit.


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