Flaches Schnitzwerk

Flaches Schnitzwerk. (Bildhauerkunst) Unter dieser Benennung verstehen wir die Arbeiten bildender Künste, die man allgemein mit dem französischen Worte Bas-Reliefs, das ist, wenig erhabene Schnitzarbeit, nennt. Die alten Griechen fanden Geschmack daran, so wohl den Werken der Baukunst als den Gerätschaften, dadurch mehr Geist und Annehmlichkeit zu geben, dass sie dieselben mit allerhand Schnitzwerk auszierten. So finden wir, dass allgemein an den Giebelfeldern der Tempel, Vorstellungen, die sich auf die Gottheiten, denen diese Tempel geweiht waren, bezogen, in Stein ausgehauen gewesen;1 und wem ist der mit erhabener Arbeit verzierte Schild des Achilles, den Homer beschreibt, unbekannt? Eben so bekannt sind die Gefässe der Alten, die mit erhabener Arbeit verziert sind.

 Diese wenig erhabene Schnitzarbeit ist also eine Art Malerei ohne Farben, auf welcher die Gegenstände selbst zwar nicht in ihrer völligen körperlichen Gestalt, wie die Statuen, aber doch wirklich maßiv und etwas hervorstehend abgebildet sind. Die Neueren haben diese Verzierungen der Gebäude und Gerätschaften beibehalten, wiewohl sie jetzt auch nicht mehr so gewöhnlich sind als vor zweihundert Jahren, da kaum ein hölzerner Schrank, von irgend einer Zierlichkeit oder eine Türe an prächtigen Gebäuden ge macht worden, an welchen nicht verschiedenes Schnitzwerk von historischen oder allegorischen Vorstellungen, angebracht gewesen. Gegenwärtig liebt man das Glatte mehr oder man scheut die Unkosten des Schnitzwerks. Indessen wird dieses doch noch verschiedentlich angebracht.

 Dergleichen Arbeit ist am künstlichsten, wenn die Figuren nur wenig über den Grund herausstehen, so wie die Köpfe auf den meisten Münzen und ihr allein kommt eigentlich der Name des flachen Schnitzwerks zu. Man findet antikes Schnitzwerk, da die Figuren fast ganz oder in ihrer völligen körperlichen Rundung aus dem Grunde heraustreten, anders da sie etwa halb heraustreten, noch anders wo sie nur wenig über den Grund erhaben sind. Allgemein richteten sich die Alten nach der Vertiefung des Grundes oder nach der Höhe der Einfaßung, damit von dem Schnitzwerk nichts hervorstehen und der Gefahr abgestoßen zu werden unterworfen sein möchte, so wie man jetzt die Bilder auf Schaumünzen mehr oder weniger erhaben macht, nachdem der Rand der Schaumünze mehr oder weniger hoch ist. Diese Arbeit ist deswegen zu den dauerhaftesten Denkmälern der zeichnenden Künste die schicklichste, indem sie der Zerstörung nicht so unterworfen ist als die Statuen und die Gemälde. Deswegen macht auch das antike Schnitzwerk den größten Teil der unverdorben auf uns gekommenen Antiken aus.

 Die Bearbeitung des flachen Schnitzwerks hat ihre eigenen Schwierigkeiten, die sich leicht fühlen lassen. Einer Figur, die ihre natürliche Höhe und Breite, aber nur den dritten oder vierten Teil ihrer körperlichen Tiefe oder Dike hat, ein natürliches Ansehen zu geben, ist wirklich eine schwere Sache. Noch mehr Schwierigkeit aber macht die malerische Zusammensetzung und Gruppirung der Figuren; denn da kann man sich nicht so leicht, wie in der Malerei, verschiedener und weit hinter einander liegender Gründe bedienen. Da auch die Schatten darin wirkliche, nicht durch dunklere Farben nachgeahmte Schatten sind, so muss jede Kleinigkeit auf das genaueste nach Maßgabe des wirklich einfallenden Lichts abgemessen sein. Ein in allen Teilen vollkommenes Werk dieser Art ist deswegen höchst selten. Untern den Neueren ist Algarde einer der ersten gewesen, der in dieser Art groß geworden.

 

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1 S. Winkelm. über die Baukunst der Alten S. 56.

 


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