Flüchtig

Flüchtig. (Schöne Künste) Das Flüchtige hat in allen Werken der Kunst, vornehmlich aber in den zeichnenden Künsten statt und besteht darin, dass die Gegenstände nach dem, was ihnen wesentlich zugehört, mehr angezeigt als völlig und nach allen Teilen ausgeführt werden. Eine flüchtige Zeichnung ist die, welche mit wenig kräftigen Strichen die Hauptsachen so angibt, dass ein Kenner sogleich daraus das Ganze sich bestimmt vorstellen kann; ein flüchtiger Pinsel ist der, der nur die Hauptfarben, so wohl im Hellen als im Dunkeln durch wenig Hauptzüge so aufgetragen hat, dass das Wesentliche der Haltung und Harmonie daraus schon empfunden wird. Die flüchtige Behandlung schickt sich zur Anlegung eines Werks, da der Künstler, wenn er in vollem Feuer der Einbildungskraft ist, schnell den Entwurf macht, um vorerst nur von dem Ganzen zu urteilen. Es ist ein großer Vorteil, wenn man sich angewöhnt hat, ein Werk flüchtig anzulegen; denn dadurch kann man sogleich alle Hauptsachen, die bisweilen nur von einem einzigen glücklichen Augenblick abhängen, festsetzen. Der Künstler, der nie flüchtig arbeiten kann, wird manches Gute, das nur wie ein schnell vorübergehender Sonnenblick kommt und wieder vergeht, verlieren.

Hernach müssen auch ganze Werke etwas flüchtig bearbeitet werden. Nämlich diejenigen, bei denen es wirklich bloß auf einige Hauptsachen ankommt, wie in den Gemälden und Werken der bildenden Künste, die sehr weit aus dem Gesichte kommen, ingleichem in den Werken, wo nur wenige Hauptgedanken zur Absicht des ganzen Werks hinlänglich sind. Man kann hiervon das deutlichste Beispiel aus der Musik nehmen. Im Rezitativ sind die Noten, die der recitirenden Stimme vorgeschrieben sind, die Hauptsache; der begleitende Bass ist bloß da, den Ton, darin gesprochen wird, fühlen zu lassen und das Gehör zu den verschiedenen Modulationen desselben gleichsam zu stimmen: mehr soll und muss man von Begleitung nicht hören. Also muss dabei der begleitende Bass nur flüchtig angeschlagen werden, weil es hier gar nicht um begleitende oder ausfüllende Harmonie zu tun ist, die da vielmehr schädlich wäre.

Es ist aber leicht zu sehen, dass das Flüchtige gerade die sicherste Hand oder die genaueste Richtigkeit erfodere. Denn weil da nichts als das Wesentlichste der Vorstellung ausgedrückt wird, so ist auch jeder dabei vorkommende Fehler wesentlich. Also können nur große Meister in dem Flüchtigen sicher sein.

Da das Flüchtige überhaupt dem Fleißigen entgegen gesetzt ist, wovon in seinem Artikel gesprochen wird, so kann das, was dort angemerkt worden ist, auch hier angewendet werden.


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Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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