3. Religionsphilosophie


Schon der 28. Satz des 4. Buches hatte ausgesprochen, dass das höchste geistige Gut und das höchste geistige Vermögen in der Erkenntnis des unendlichen Wesens, Gottes bestehe. Diese Gedanken führt die zweite Hälfte des 5. Teiles weiter aus. Je klarer und deutlicher jemand seine Affekte und überhaupt die Dinge erkennt, desto mehr liebt er Gott. Denn Gott erkennen heißt nichts anderes als die Welt der Dinge vermittelst jener »dritten« Erkenntnisstufe (der intuitiven), die aus der Vernunfterkenntnis hervorwächst, verstehen, sie nicht in ihren räumlich-zeitlichen Verhältnissen, sondern in ihrem ewigen Wesen, wie sie »in Gott enthalten« sind, aus der göttlichen Notwendigkeit folgern. Aus solcher Gotteserkenntnis entspringt die höchste Seelenruhe, wie sie die geistige Gottesliebe (amor Dei intellectualis) gewährt, die ein Teil der unendlichen Liebe ist, mit der Gott sich selbst, mithin auch uns liebt. Zwar ist Gott ein über alle menschlichen Eigenschaften so unendlich erhabenes Wesen, dass er niemanden in menschlicher Weise lieben oder hassen kann. Und wer Gott liebt, kann nicht verlangen, dass dieser ihn wieder liebe, wie seine Liebe zu Gott auch nicht durch Neid oder Eifersucht auf andere verunreinigt werden kann, sondern nur um so stärker wird, je mehr Menschen wir durch sie mit Gott verbunden denken. Vielmehr ist diese Liebe eine rein geistige, die fortwährt, auch wenn der Körper zerstört wird, und die durch nichts in der Welt aufgehoben werden kann. Dann ist Gott in uns und wir in ihm, dann erschauen wir auch die Wahrheit, die wir vorher (im 1. Buche) mühselig zu beweisen suchten, mit einem Blicke. Zu solcher Mystik schwingt sich der Philosoph der geometrischen Methode empor!

Diese auf der reinen Erkenntnis beruhende geistige Gottesliebe wirkt dann auch zurück auf unser Handeln. Je mehr der Geist der Erkenntnis des Ewigen lebt, desto weniger leidet er von den Affekten, desto weniger fürchtet er den Tod; denn er weiß, dass das, was von uns mit dem Körper untergeht, nichts ist im Vergleich mit dem, was bleibt, dass unser Geist, soweit er aus Erkenntnis besteht (quatenus intelligit), ein »ewiger Modus des Denkens« ist. Aber wenn wir auch nicht wüßten, dass unser Geist ewig ist, würden wir doch an Frömmigkeit und Religion, kurz an allem, was Seelenstärke und Hochsinn ausmacht, festhalten. Die meisten freilich halten das für eine Last; »frei« sein scheint ihnen einerlei mit: ihrer Lust gehorchen. Sie sind gut nur aus Furcht und Hoffnung, sie würden ohne ihren Glauben an die Unsterblichkeit lieber verrückt sein und ohne Vernunft dahinleben wollen: eine Meinung, die Spinoza kaum einer Widerlegung wert scheint. Mit einem sittlichen Idealismus, der an die Sinnesart eines Kant und Fichte erinnert, verwirft er allen Tugendlohn. Die Seligkeit, die in der Liebe zu Gott besteht, ist nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst; und wir erfreuen uns ihrer nicht, weil wir die Begierden zügeln, sondern, weil wir uns ihrer erfreuen, vermögen wir die Begierden zu zügeln. Der Unwissende, der bloß von seinen Begierden sich leiten läßt, wird von den äußeren Ursachen vielfach umhergetrieben und lernt weder sich noch Gott und die Welt kennen; und, sobald es mit seinem Leiden aus ist, ist es auch mit ihm selbst aus. Der Weise dagegen verlangt die wahre Seelenruhe und hört niemals auf zu sein. Der Weg zu ihr ist freilich sehr steil, aber doch zu finden. »Allein alles Erhabene ist ebenso schwierig zu erreichen als selten

(Schlußworte der Ethik.)

So kehrt Spinozas Philosophie in ihrem Endpunkt zu ihrem Ausgang zurück. Die Stimmung erhabener Resignation, die sie predigt, behält ihren hohen sittlichen und ästhetischen Wert, auch wenn man die theoretischen Grundlagen verwirft, auf denen er sein systematisches Gebäude aufgeführt hat.


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