Rede

Rede. (Beredsamkeit) Im allgemeinen philosophischen Sinn wird jeder Ausdruck der Gedanken, insofern er durch Worte geschieht, eine Rede genannt. Wir nehmen hier das Wort in der besonderen Bedeutung, insofern es ein Werk der Beredsamkeit bezeichnet, in welchem mancherlei auf einen wichtigen Zweck abzielende Gedanken kunstmäßig verbunden und mit Feierlichkeit vorgetragen werden. Also handelt dieser Artikel von förmlich veranstalteten Reden, die durch ihren Inhalt, durch den Ort und die Zeit, da sie gehalten werden, wichtig genug sind mit warmen Interesse gehalten und angehört zu werden. Eine solche Rede ist das Meisterstück, das Hauptwerk der Beredsamkeit. Weder die Reden, die ohne einen wichtigen Zweck zum Grunde zu haben, bloß zur Parade gehalten werden und die Quintilian sehr wohl, ostentationes declamatorias nennt, noch die kurzen laconischen Reden, wodurch auch bisweilen bei sehr wichtigen Gelegenheiten mehr ausgerichtet wird als durch lange Reden, kommen hier in Betrachtung.

 Nämlich, wir untersuchen hier nicht, in welchen Fällen förmliche und ausführliche Reden zu halten seien; sondern wir setzen zum voraus, dass eine solche Rede zu halten sei. Es gibt freilich Fälle, wo ein ganzes Volk durch wenig Worte, die nichts als ein plötzlicher Einfall sind, auf einen Entschluß gebracht wird, der vielleicht durch die gründlichste, ausführliche Rede nicht wäre bewirkt worden. Plutarch (wo ich nicht irre) hat uns eine Anekdote aufbehalten, die dieses in ein helles Licht setzt.

 

 »Ihr Männer von Athen! ihr sehet, was für eine elende Figur ich mache und ich habe eine Frau, die nicht ansehnlicher ist als ich. Aber wenn wir beide uns zanken, so ist die große Stadt Byzanz noch zu klein für uns. Nun bedenkt einmal, was für Händel und Verwüstung ein so unruhiger und herrschsüchtiger Mann als Philip ist, unter den Griechen machen würde, wenn man ihn nicht einschränkte.«

 Dieser spaßhafte Einfall tat die gewünschte Wirkung, die vielleicht durch die lange Rede, die der kluge Mann für dieses Geschäft ausgearbeitet hatte, nicht würde getan haben.

 So mag auch der Römer Pontius Pilatus ganz richtig geurteilt haben, dass die rasenden Juden durch bloße Vorzeigung des unschuldig gegeiselten Christus und die dabei gesprochenen zwei Worte Ecce homo! von ihrem blutgierigen Vorhaben, ihn gekreuziget zu sehen, leichter abzubringen wären als durch eine lange Rede über seine Unschuld.

 Von dergleichen Reden, die plötzliche Wirkungen des Genies sind, ist hier nicht die Frage; weil man dem Redner nicht sagen kann, wenn und wie er durch solche glückliche Einfälle seinen Zweck erreichen könne. Wir wollen, ohne zu untersuchen, wo förmliche Reden nötig sind, die Betrachtung hier bloß darauf einschränken, wie sie müssen beschaffen sein.

 Man kann aber von der Vollkommenheit einer Sache nicht urteilen, bevor man nicht ihren Zweck und ihre Art gefasst hat. Also müssen wir zuvorderst den verschiedenen Zweck solcher Reden betrachten und daraus ihre Arten bestimmen.

 Man sagt allgemein der Zweck des Redners sei seine Zuhörer von etwas zu überzeugen: dennoch ist dieses nicht der einzige Zweck, den er sich vorsetzen kann. Oft sucht er bloß zu rühren, eine gewisse Leidenschaft rege zu machen oder die Gemüter bloß zu besänftigen. Wir können uns die verschiedenen Gattungen der Reden, in Ansehung ihres Zwecks am deutlichsten durch die verschiedene Beschaffenheit der einfachsten Redesätze vorstellen. Nicht jeder Satz der Rede enthält ein Urteil, das wahr oder falsch sein muss, es gibt auch Sätze, die einen Wunsch, einen Befehl, eine bloße Ausrufung enthalten. Selbst die Sätze, die man in der Vernunftlehre Urteile nennt, sind von zwei sehr verschiedenen Gattungen. Die eigentlich urteilenden Sätze, wie diese: Gott ist weise; die Tugend macht glücklich; sind Sätze von ganz anderer Art als die bloß erklärenden oder beschreibenden Sätze, dergleichen die sogenannten Definitiones sind. Nun kann jede Art des einfachen Redesatzes der Inhalt einer großen und ausführlichen Rede werden. Dieses verdient etwas umständlich betrachtet zu werden.

 Der bejahende oder verneinende Satz, als: die Tugend macht glücklich; der Lasterhafte ist nie glücklich, kann durch eine ausführliche Rede bestätiget oder wiederlegt werden. Daraus entsteht die Rede, deren einzige Absicht ist zu überzeugen; weil ihr Wesen eigentlich darin besteht, dass etwas als wahr oder falsch vorgestellt werde.

Der bloß erklärende Satz, als: Güte in ihren Wirkungen durch Weißheit bestimmt, ist eigentlich das, was man Gerechtigkeit nennt, hat einen ganz anderen Zweck. Man kann zwar eine beweisende Rede daraus machen, aber der unmittelbare Zweck solcher Sätze, ist die Entwicklung und Festsetzung eines einzigen Begriffes. Hier ist die Absicht Aufklärung, nicht Überzeugung. Zu dieser Art rechnen wir die Reden, darin bloß die Beschaffenheit einer Sache ausführlich gezeigt oder da gesagt wird, was sie sei; da der Redner seinen Zuhörern eine Sache kennen lehrt. So sind einige Lobreden, auch solche da eine Sache bloß in ihrer wahren Gestalt vorgestellt wird, ohne Urteil ob sie gut oder böse, wahr oder falsch, nützlich oder schädlich sei. Dahin gehören auch bloße Erzählungen, von welcher Art das erste und zweite Buch der Reden des Cicero gegen den Verres sind, wo der Redner eigentlich nur erzählt, was der Beklagte getan hat und wie er bei verschiedenen Gelegenheiten gesinnt gewesen.

 Der befehlende oder vermahnende Satz, kann ebenfalls der Inhalt einer großen, ausführlichen Rede sein. Da ist der Zweck eigentlich Rührung, Erweckung der Furcht, des Mutes, der Hoffnung. So ist die Rede des Cicero, die eigentlich der Eingang seiner Anklage gegen den Verres ist, darin er die Richter zur Strengigkeit vermahnet. Auch die erste Rede gegen den Catilina ist meistens von dieser Art.

Auch der bloß ausrufende Satz, dergleichen diese sind: o! unglückliches Vaterland! o! lieblicher Siz der Ruh und Unschuld, kann der Hauptinhalt einer ausführlichen Rede sein. Dann geht die Hauptabsicht des Redners auf die Entwicklung seines eigenen Gefühles, wodurch Empfindungen angenehmer oder schmerzhafter oder zärtlich trauriger Art bei dem Zuhörer erweckt werden. Dabei kann es Fälle geben, wo der Redner kein anderes Interesse hat als seine Zuhörer angenehm zu unterhalten.

 Dieses sind, wie mich dünkt, die verschiedenen Fälle, aus denen die Verschiedenheit des Zwecks der Rede kann bestimmt werden und woraus offenbar ist, dass der Redner nicht allemal auf Überzeugung arbeite. Es scheint, dass alle Arten der Reden in Rücksicht auf ihren Inhalt auf drei Hauptgattungen können gebracht werden. Die erste Gattung begreift die, wo der Redner unmittelbar auf den Verstand der Zuhörer seine Absicht: richtet: man kann sie die lehrende Rede nennen. Die zweite Gattung ist die von mittlerm Inhalt, wo vorzüglich die Einbildungskraft unterhalten wird, es sei, dass man den Zuhörer bloß ergötzen oder ihn mit Bewunderung erfüllen wolle. Diese Gattung wollen wir die unterhaltende nennen. Die dritte arbeitet auf das Herz des Zuhörers, um darin, wichtigen und bestimmten Absichten zufolge, Leidenschaften rege zu machen oder zu besänftigen. Dieser wollen wir den Namen der rührenden Rede geben.1

Jede Gattung könnte, wenn es hier der Ort wäre, ausführlich zu sein, nur noch in Absicht auf den Zweck, in Unterarten eingeteilt werden. So kann man

z.B. in der lehrenden Rede die, wodurch der Zuhörer zu einem bestimmten Urteil über eine Sache gebracht wird, von der, wo er bloß über ihre Beschaffenheit unterrichtet wird, unterschieden werden, jene kann man eine beweisende, diese eine erklärende Rede nennen. Aber wir überlassen dergleichen nähere Bestimmungen anderen, welche die Materie ausführlich zu behandeln haben. Doch dieses muss hier angemerkt werden, dass es Reden gibt, die aus allen drei Gattungen zusammengesetzt sind, da ein Teil lehrend, ein Teil unterhaltend und einer rührend ist. Allein es ist nötig, dass man sich jede Art besonders vorstelle. Denn natürlicher Weise hat jede ihren eigenen Charakter und ihre eigene Art der Vollkommenheit, die wir hier etwas näher zu betrachten haben.

 Der Hauptcharakter der lehrenden Rede ist Klarheit und Gründlichkeit, denn darauf arbeitet der Verstand. Der Redner der darin glücklich sein will, muss Scharfsinn haben, alles was zur Sache gehört in hellem Lichte zu sehen und gründliche Urteilskraft, das Wahre von dem Falschen genau zu unterscheiden. Die unterhaltende Rede muss hauptsächlich Schönheit und reizenden Reichtum zur Unterhaltung der Einbildungskraft haben. Der Redner hat hier mehr nötig ein Maler als ein Philosoph zu sein; er braucht mehr Geschmack als gründliche Kenntnisse. Die rührende Rede muss vornehmlich stark und eindringend, groß, feuerig und pathetisch sein. Bei dem Redner wird vorzüglich eine sehr empfindsame, durch die Leidenschaften leicht zu entflammende Seele, ein stark fühlendes Herz, erfordert.

 Dieses betrifft eigentlich nur die materiellen Eigenschaften der Rede. Es ist aber leicht zu sehen, dass jede Gattung auch etwas besonders in der Form und in dem Ton haben müsse, worüber wir uns hier nicht einlassen, da das Wichtigste in besonderen Artikeln ist ausgeführt worden.2

 Überhaupt aber, müssen wir noch anmerken, dass jede förmliche Rede, die den Namen eines Werks der schönen Kunst verdienen soll, in ihrem Ton einen gewissen Grad der Würde, Größe und Wärme haben müsse, der der Feierlichkeit der Veranlassung angemessen ist und wodurch sie sich von einer philosophischen Abhandlung, von einer gemeinen historischen oder gesellschaftlichen Erzählung, von einem unterhaltenden angenehmen Geschwätz und von einer bloß gelegentlich eintretenden paßionirten Rede unterscheidet. Denn so wie es einen Übelstand macht, wenn der bloße Geschichtschreiber, der untersuchende Philosoph und der im gemeinen Umgang redende Mensch, ins eigentliche Rednerische gerät, so muss auch der Redner nicht in den Ton des gemeinen Vor trages fallen; da wir voraussetzen, er spreche nur über wichtige Dinge, wohl vorbereitet und habe Zuhörer vor sich, die sich in einer interessierenden Erwartung befinden. Hier wäre der gemeine gesellschaftliche, sogenante familiare Ton, unter der Würde der Gelegenheit zur Rede. Gedanken, Ausdruck, Schreibart, Anordnung und denn auch alles, was zum äußerlichen Vortrag gehört, Stimm und Gebärden, muss das Gepräg eines zu öffentlichem und wichtigen Gebrauch verfertigten Werks haben.

 Dass zu einer solchen Rede, von welcher Gattung sie auch sei, sehr wichtige natürliche Fähigkeiten und auch durch Nachdenken und Übung erworbene Fertigkeiten erfordert werden, lässt sich leichte begreifen. Wie ein vollkommenes historisches Gemälde das höchste Werk der Malerei ist, zu dessen Verfertigung alle Talente des Malers und alle Teile der Kunst sich vereinigen müssen, so ist auch eine vollkommene Rede, das höchste Werk der Beredsamkeit. Genie, Beurteilung, Geschmack, Größe des Herzens, müssen dabei zusammentreffen; und zu dem allen muss noch erstaunliche Fertigkeit in der Sprach und alles, was zur schweren Kunst des Vortrages gehört,3 hinzukommen.

 Ich erinnere dieses vornehmlich deswegen, weil es mir vorkommt, dass man in Deutschland den Wert eines guten Redners nicht hoch genug schätze. Viele die von einer schönen Ode, auch wohl gar nur von einem guten Sinngedichte mit Entzücken sprechen, scheinen sich für eine sehr gute Rede nur mittelmäßig zu interessieren und der laute Zuruf des Wohlgefallens, womit man in Deutschland die Dichter beehrt und belohnet, wird gar selten einem Redner zu Teil. In unseren kritischen Schriften kann man hundertmal auf den Namen Horaz oder Virgil kommen, ehe man einmal den Namen eines Demosthenes oder Cicero antrifft.

 Wenn wir aber auf die Schwierigkeit der Sachen und die zu jeder Art nötigen Talente sehen; so werden wir bald begreifen, dass weit mehr dazu gehört eine vollkommene Rede als eine vollkommene Ode oder Elegie zu machen. Hierzu ist oft eine angenehme Phantasie, feiner Geschmack und eine warme Empfindung für irgend einen Gegenstand, der gewöhnlicher Weise auch den kältesten in einiges Feuer setzt, hinlänglich. Aber wieviel wird nicht zu einer guten Rede erfordert? »Gar viel mehr, sagt Cicero als man sich gemeinhin vorstellt und was nicht anders als aus viel anderen Künsten und Wissenschaften kann gesammelt werden. Denn wer sollte bei einer solchen Menge derer, die sich auf Beredsamkeit legen und bei einer so beträchtlichen Anzahl guter Köpfe, die sich darunter finden, einen anderen Grund von der Seltenheit guter Redner angeben können als die unge meine Größe und Schwierigkeit, der Sache selbst?«4 Von den drei Hauptarten der Rede ist die lehrende die schwerste und erfordert das meiste Nachdenken. Wenn die Materie nur einigermaßen schwer und verwickelt ist; so gehört großer Verstand und Scharfsinnigkeit dazu, sie so zu behandeln, dass der Zuhörer am Ende der Rede die Sachen in dem Lichte und mit der Klarheit einsehe, wie der Redner. Wo es um wahre, dauerhafte Belehrung und Überzeugung zu tun ist, da helfen die sogenannten rednerischen Kunstgriffe sehr wenig, weil es da nicht auf Schein, sondern auf Wahrheit ankommt.

 Quintilian sagt in sehr wenig Worten was zu einem guten Redner erfordert werde.5 Stärke des Geistes und Wärme des Herzens. Beides sind Gaben der Natur und liegen außer der Kunst. Diese erleichtert aber den Ausdruck der Gedanken und die Ergießung des Herzens und ordnet sie zweckmäßig. Es ist hier der Ort nicht dieses zu zeigen. Wir begnügen uns nur eine einzige aber allgemeine und höchstwichtige Hauptmaxime anzuzeigen, die der Redner bei jeder Gattung vor Augen haben sollte. Er muss an nichts als an seine Materie und an die Wirkung, die sie auf den Zuhörer haben soll, denken, sich selbst aber und alle Nebenabsichten völlig aus dem Sinn schlagen. Wer bei seinem Reden oder Schreiben Nebenabsichten hat als z.B. dem Zuhörer oder Leser hohe Begriffe von sich zu geben, gelobt zu werden oder durch seine Arbeiten sonst gewisse Vorteile zu erhalten, wird unmöglich verhindern können, dass nicht entweder seine Materie oder die Form und der Ausdruck der Rede durch fremde zur Sache gar nicht gehörige Dinge verunstaltet werden. Bald wird er von dem Wesentlichen seiner Materie abweichen, um etwa schön zu tun, wo er glaubt eine gute Gelegenheit dazu gefunden zu haben; bald wird er etwas fremdes und unschickliches einmischen, weil ihn dünkt es werde den Zuhörer belustigen und den Geschmack an seinen Arbeiten allgemeiner verbreiten; bald aber wird er völlig ausschweifen und Dinge vorbringen, die bloß auf gewisse besondere, sein Interesse betreffende, seinem Inhalt ganz fremde Dinge gehen. Dergleichen wird man weder beim Demosthenes, dem größten Redner der Alten, noch bei Rousseau, dem stärksten der neueren Zeit antreffen. Die wahre Vollkommenheit jeder Sache, folglich auch der Rede besteht darin, dass sie ohne Überflus und ohne Mangel, gerade das sei, was sie sein soll: dass sie aber diese Vollkommenheit unmöglich erhalten könne, wenn der Redner Nebenabsichten hat, denen zu gefallen er auch etwas tut, ist zu offenbar als dass es einer weiteren Ausführung bedürfe.

Niemand denke, weil unter uns, wenn man die Kanzel ausnimmt, sehr wenig Gelegenheit vorkommt, öffentlich aufzutreten und über wichtige Dinge zu reden, dass deswegen die förmliche Rede unter die Werke einer in Abgang gekommenen Kunst gehöre. Wenn uns die Gelegenheiten benommen sind, vor Gericht oder in Staatsversammlungen aufzutreten und die Stärke der Beredsamkeit da gelten zu machen; so haben wir andere, gar nicht minder wichtige, große Dinge mit auszurichten. Man kann durch schriftlichen Vortrag, so oft man will für ein ganzes Publikum treten: und höchst wichtige sowohl allgemeine als mehr ins besondere gehende Rechts- und Staatsmaterien, auf eine Art behandeln, die in den wesentlichsten Stücken wenig von der Art der griechischen und römischen Redner abgeht. Es gibt noch jetzt selbst in solchen Staaten, wo dem Volke wenig Freiheit gelassen ist, Gelegenheiten, da ein patriotischer Redner wichtige öffentliche Anstalten empfehlen oder sehr schädliche Missbräuche abraten kann; wo er Nationalvorurteile auszurotten oder nützliche Nationalgesinnungen einzupflanzen, versuchen kann.

 Auch ist es gar nicht unerhört, dass philosophische Redner durch öffentliche Schriften, die in der Tat nach den Grundsätzen der Staatsreden abgefasst waren, ob ihnen gleich die völlige Form derselben fehlte, beträchtlichen Einfluss auf die wichtigsten Staatsgeschäfte gehabt haben. Noch haben Regenten, ganze Stände der bürgerlichen Gesellschaft, ganze Völker, Vorur teile, die zu höchst verderblichen Unternehmungen führen; noch seufzt die Vernunft und noch leidet das Herz des Patrioten bei gar vielen Anstalten, die bloß auf Vorurteile gegründet sind oder aus Mangel genauerer Kenntnis der Sachen, allgemein geduldet werden. Sollte es unmöglich sein, durch öffentliche schriftliche Reden diese Vorurteile zu schwächen; die Nebel der Unwissenheit zu vertreiben, ein genaueres Nachdenken über gewisse wichtige Dinge unter ganzen Ständen einzuführen?

 Wer dieses gehörig überlegt, wird finden, dass es nichts weniger als unnötig ist, noch jetzt und unter uns die Mittel zu entwickeln, wodurch Demosthenes und Cicero so große Dinge bewirkt haben. Überhaupt scheint mir diese Erinnerung jetzt so viel wichtiger, da es am Tage liegt, dass unsere Kunstrichter sich der Dichtkunst mit so warmen Interesse, hingegen der Beredsamkeit so kaltsinnig annehmen als wenn sie keine eheliche Schwester jener Kunst wäre.

 Von den drei Hauptgattungen der Rede war die erste, nämlich die Lehrende das Hauptaugenmerk der alten Lehrer der Redner. Die anderen Gattungen wurden nur insofern in Betrachtung gezogen als sie in manchen Fällen Teile der lehrenden Rede ausmachen. Ich will zu einem Beispiel, wie sorgfältig sie in Unterscheidung jeder Art des lehrenden Inhalts gewesen, das was Cicero hiervon sagt, in einer Tabelle vorstellen.6

 Die Rede hat zwei Hauptgattungen des Inhalts. Der Gegenstand über welchen man zu reden hat, ist

I. Allgemein: nämlich weder durch Zeit, noch Personen noch besondere Umstände bestimmt und betrifft eine abzuhandelnde allgemeine Materie. Dieser Stoff wird von Cicero Propositum auch Consultatio genannt.

Diese betrifft:

1. Eine theoretische Frage und zwar

A. ob etwas sei oder nicht sei, ob es möglich oder wirklich sei.

a. ob es überhaupt möglich sei

b. wie es möglich sei oder gemacht werde,

B. Was es sei

a. ob eine Sache von einer anderen verschieden oder mit ihr einerlei sei.

b. Bestimmung der Sache oder Beschreibung, Abbildung derselben.

C. In was für eine Klasse der Dinge es gehöre

a. Ob es anständig oder unanständig

b. Ob es nützlich

c. Ob es billich. Von jedem kann noch untersucht werden

a. Ob es anständiger, nützlicher, billicher als ein anderes Ding

ß. Ob es das alleranständigste, allernützlichste etc. sei.

2. Eine praktische Frage, welche abzielen kann

A. Etwas zu suchen oder zu vermeiden.

a. Wozu Lehren und Anweisungen oder Warnungen gegeben werden.

ß. Wozu das Gemüt bewegt oder beruhiget wird.

B. Zu zeigen, wie gewisse Vorteile zu erhalten sind.

II. Besonders: nämlich auf gewisse Personen, Zeit und Umstände eingeschränkt oder ein zu behandelnder besonderer Fall. Diesen Stoff nennt Cicero Causam. Dieser kann sein:

1. Eine Ausbildung; Exornatio.

A. Lobrede auf verdiente Männer.

B. Strafrede auf Böse.

2. Ein Gesuch; wo nämlich etwas zu erhalten oder zu beweisen ist. Dieses wird Contentio genannt.

A. Was etwas zukünftiges betrifft.

   B. Was etwas vergangenes betrifft. Von diesen zwei Gattungen der besonderen Fälle 1 und 2 entstehen die drei Gattungen der auf besondere Fälle gehenden Reden, die Lobreden, die Staatsreden, die gerichtliche Reden Genus demonstrativum, gen. deliberativum, gen. Iudiciale. Man sieht hieraus, wie sehr diejenigen sich irren, die alle mögliche Reden bloß in diese drei letzten Gattungen einschränken, da es nur die Gattungen einzelner Fälle sind.7

 Wir müssen auch noch etwas über die äußerliche Form der Rede sagen. Die Alten setzten, dass jede Rede gewisse Hauptteile haben müsse, die Quintilian also angibt. 1. Den Eingang; Exordium. 2. Die Erzählung der Sache, worüber die Frag entstanden; Narratio. 3. Die Bestimmung der abzuhandelnden Frage; Propositio. 4. Die Abhandlung selbst oder den Beweis; Probatio. 5. Den Beschluß, Conclusio oder Peroratio. Er erinnert dabei, dass einige nach der Erzählung eine zweckmäßige Ausschweifung fordern, die bei ihm Egressio heißt; und vor der Abhandlung oder dem Beweis eine Einteilung; Partitio; sagt aber, dass oft beide unnötig, die letztere so gar schädlich sein könne; weil es nicht allemal gut ist, dem Zuhörer zum voraus zu sagen, wohin man ihn führen will. Selbst die Propositio scheint ihm nicht allemal nötig, in dem sie oft besser der Erzählung angehängt werde.

 Man sieht gleich, dass alles dieses eigentlich nur auf die gerichtlichen Reden abgepasst ist. Betrachtet man die Sache überhaupt, so sieht man, dass der Redner in den meisten Fällen allerdings wohl tut, wenn er seiner Rede einen schicklichen Eingang vorsetzt. Wir haben davon besonders gesprochen.8 Auch ist es in den meisten Fällen schicklich, dass der Hauptinhalt der Rede kurz und genau bestimmt vorgetragen werde; bei gerichtlichen Reden aber, macht freilich die Erzählung des Vorganges der Sachen, der den Streit veranlasst hat, einen sehr wichtigen Hauptteil aus, der nicht selten zur Entscheidung der Sache das meiste beiträgt. Hiernächst kann man, wo es nötig scheint, auch die Einteilung anbringen. Aber der Hauptteil, der den eigentlichen Körper der Rede ausmacht, ist allemal die Abhandlung; denn dessenthalber ist alles übrige da. Der Beschluß ist zwar auch nicht in allen Arten der Rede notwendig, oft aber ist er ein sehr wichtiger Teil, wie an seinem Orte gezeigt worden.9 Man kann es dem Redner überlassen, ob er alle oder nur die schlechthin notwendigen Teile in seiner Rede beibehalten soll. Er kann es am besten in jedem Falle beurteilen, ob er einen Eingang, eine Einteilung, einen Beschluß nötig habe oder nicht. Die Rede ist darum nicht mangelhaft, wenn einer oder mehrere dieser Teile daran fehlen.

 

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1 Tria sunt quæ præstare debet Orator, ut deceat, mooeat, delectet. Quintilian Inst. L. III. c. 5. §. 2.

2 S. Lehrende Rede; rührende Rede; unterhaltende Rede.

3 S. Vortrag (mündlicher.) 4 Sed nimirum majus est hoc quiddam, quam homines opinantur et pluribus ex artibus, studiisque collectum. Quis enim aliud in maxima discentium multitudine – præstantissimis hominum ingeniis – esse causæ putet, nisi rei quandam incredibilem magnitudinem ac difficultatem. Nämlich er hatte vorher angemerkt, dass weit mehr gute Dichter als gute Redner angetroffen werden und gibt jetzt diesen Grund davon an. S. de Orat. L. I.

5 Pectus est quod disertos, faeit et vis mentis. Inst. L.

X. c. 7. §. 15.

6 S. Cicer. To. pica.

7 Tous les discours imaginables que l'orateur peut faire se reduisent à trois genres qui sont: le demonstratif; le deliberatif; et le Judiciaire.. L'Abbé Colin Traitté de l'orateur Pref. p. 113. Man sieht nämlich aus der Tabelle, dass diese drei Gattungen nur die Causas betreffen.

8 S. Eingang.

9 S. Beschluß.

 


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