Verwicklung

Verwicklung. (Schöne Künste) Wir sagen eine Sache sei verwickelt, wenn es uns einige Müh und Anstrengung der Aufmerksamkeit verursacht, ihre Art und Beschaffenheit einzusehen; plan und einfach aber nennen wir das, dessen Art und Beschaffenheit wir leicht erkennen. Eine Handlung ist plan und einfach, wenn ein einziges Mittel oder gar wenig Veranstaltungen gerade zum Zweck führen; verwickelt ist sie, wenn man zu Erreichung des Zwecks mancherlei Anstalten zu machen hat. Jene gleicht einer Reise, auf der man den geradesten Weg geht und ohne Hindernis zum Ziehle kommt; diese hat Ähnlichkeit mit einer Reise, die durch mannigfaltige Umwege und durch Wegräumung vielerlei Hindernisse zum Ziehle führt.

 Handlungen und Unternehmungen ohne Verwicklung haben wenig Reizung und wenn sie eine beträchtliche Zeit erfordern, so werden sie langweilig und verdrießlich. Man übersieht gleich im Anfang alles, was dabei zu tun ist und in der Ausführung selbst geht alles ohne Schwierigkeit fort; man muss nirgend stille stehen, um sich zu bedenken, wie man dem Ziehl näher kommen soll; man trifft keine Schwierigkeiten an, deren Überwindung, Anstrengung der Kraft erforderte. Also beschäftigt die Handlung selbst den Geist nicht und das Verlangen das Ende davon zu sehen, ist das einzige, was wir dabei fühlen. Daher entsteht der Verdruss der langen Weile dabei. Eben so geht es uns auch, wenn wir die Handlungen anderer Menschen sehen. So bald wir gar nichts verwickeltes darin bemerken, finden wir sie langweilig; mit Vergnügen aber folgen wir den handelnden Personen, wenn wir sie in mancherlei Schwierigkeiten verwickelt sehen, die sie nach und nach überwinden.

 Wir haben bereits anderswo gezeigt, wie in den epischen und dramatischen Handlungen, aus Verwicklung der Umstände Knoten entstehen, die unsere Aufmerksamkeit auf den Fortgang der Dinge kräftig reizen und wie die allmähliche Auflösung der Knoten durch die Befriedigung unserer Erwartungen Vergnügen macht.1 Im Grund entsteht unser Vergnügen nur aus dem Gefühl unserer Kräfte, und deren Wirkung. Wo wir also eine beständige Spannung der Kräfte fühlen, die allmählich ihre Wirkung erreichen, da empfinden wir auch Vergnügen. Die Kräfte selbst aber fühlen wir nicht anders als durch die Anstrengung. Es sei also, dass wir durch Betrachtung der Dinge oder durch Handlungen, die wir verrichten, Vergnügen empfinden sollen, so muss in den Dingen, womit wir uns beschäftigen, Verwicklung vorkommen, die sich allmählich auflöset. Da wir aber die Wirkung der Knoten und ihrer Auflösung in den Werken des Geschmacks an den angeführten Orten hinlänglich betrachtet haben, so wollen wir diesen Artikel bloß auf solche Anmerkungen einschränken, daraus der Künstler beurteilen kann, wo er das Einfache und Plane und wo er das Verwickelte vorzüglich brauchen soll.

 Es gibt Fälle, wo das Gerade und Einfache großes Wohlgefallen erweckt und wo es so gar bis zum Entzücken gefällt; aber auch solche, wo der Mangel der Verwicklung die Sachen völlig gleichgültig und langweilig macht. Die einfache Pracht verschiedener Monumente der alten griechischen Baukunst, entzückt das Auge eines Kenners: aber ein Lustgarten, dessen Plan und Anordnung wir auf einen Blick ganz übersehen; die Außenseite eines großen Gebäudes, die innere Anordnung einer großen Menge der darin befindlichen Zimmer, die wegen ihrer Einfalt gleich so in die Augen fallen, dass man aus einem kleinen Teile die Beschaffenheit des Ganzen erkennt, sind völlig gleichgültige Dinge, bei denen wir ohne merklichen Überdruß uns nicht verweilen können.

 Verwicklung scheint überall notwendig, wo ein Gegenstand bloß die Vorstellungskraft eine merkliche Zeitlang anhaltend beschäftigen soll; denn sie verursacht Nachdenken, Beobachtung, Vergleichung der Dinge, um ihren Zusammenhang zu fassen.

 In der Epopöe und in dem Drama muss so viel Verwicklung sein als nötig ist, die Aufmerksamkeit auf den Verlauf der Sachen gespannt zu halten. Denn wenn auch gleich die ganze Handlung auf Rührung oder Erweckung der Empfindung abzielte, so wird dieser Endzweck doch nur insofern erhalten, als wir den Verlauf der Dinge mit Aufmerksamkeit beobachten. Wir werden von dem leidenschaftlichen Zustand der handelnden Personen nur insofern gerührt und empfinden, was sie selbst empfinden nur insofern als wir uns in ihre Umstände versetzen. Dieses tun wir aber nur, wenn wir alles, was ihnen begegnet und alle Lagen, worin sie sich durch die ganze Handlung befinden, mit Aufmerksamkeit beobachten. Wie man mit bloßen Füßen so schnell über glühende Kohlen wegeilen kann, dass man ihre Hize nicht empfindet, so machen auch die leidenschaftlichen Szenen keinen Eindruck auf uns, wenn die Aufmerksamkeit sich nicht dabei verweilt, wenn wir nicht Zeit nehmen oder uns die Mühe nicht geben, sie zu fassen. Mit Aufmerksamkeit aber können wir keinen Gegenstand der Erkenntnis betrachten, wenn nichts verwickeltes darin ist. Weil also im Drama und in der Epopöe die Empfindung aus der Aufmerksamkeit erfolgt, mit der wir die Lage der Sachen und den Fortgang der Handlung beobachten, so muss notwendig Verwicklung darin sein. Liegt sie nicht schon in der Art, wie die Sachen geschehen, so muss er sie durch wohl überlegte Anordnung hereinbringen; er muss uns die Wirkung beschreiben oder sehen lassen, ehe wir die Ursache davon erkennen; oder er muss uns die Ursache groß und wichtig vorstellen, ehe wir die Wirkung davon sehen. In beiden Fällen entsteht eine Verwicklung, denn wir sehen etwas, dessen Ursache oder Wirkung uns eine Zeitlang verborgen ist, und dieses reizt die Aufmerksamkeit sehr kräftig zu genauer Beobachtung des Zusammenhanges.

 Aber die Verwicklung kann auch so groß sein, dass sie der Empfindung schadet. Nachdenken und Rührung des Herzens können nicht wohl neben einander bestehen. Jemehr der Geist beschäftigt ist, je weniger fühlt das Herz. Wir haben nicht Zeit zu empfinden, wenn wir unaufhörlich beobachten müssen. Wenn demnach eine Handlung so sehr verwickelt ist, dass wir alle Kräfte der Aufmerksamkeit nötig haben, sie zu fassen, folglich bloß mit Erkennen und Erforschen beschäftigt sind, so fühlen wir wenig dabei. Ein Trauerspiel oder eine Epopöe, wo die Aufmerksamkeit auf den Verlauf der Dinge unaufhörlich so gespannt ist, dass man keine einzelne Lage mit Leichtigkeit übersehen oder fassen kann, tut wenig Wirkung auf das Herz; man hat genug mit Erforschung und Beobachtung des Zusammenhanges zu tun und bei dieser Anstrengung, bei dieser Hize der Vorstellungskraft, bleibt das Herz kalt; weil man nicht Zeit hat bei irgend einer Lage der Sachen still zu stehen, um ihren Eindruck zu empfinden. Darum ist ein einfacher Plan, dem verwickelten vorzuziehen.

 

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1 S. Knoten. Auflösung.

 


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