Verbindung

Verbindung. (Schöne Künste) Es ist eine wesentliche Eigenschaft der Werke des Geschmacks, dass alle Teile desselben unter einander verbunden sein:1 jeder darin vorkommende Teil, der wie vom Ganzen oder von dem, was neben ihm liegt, abgelöset da steht, wird anstößig, weil man nicht weiß, warum er da ist, was er soll oder wie er auf das vorhergehende folgt. Deswegen hat der Künstler bei Erfindung und Zusammensetzung seines Werks überall auf die Verbindung aller Teile mit dem Ganzen oder unter einander, wohl Acht zu haben, damit nichts außer dem Zusammenhang mit dem übrigen da stehe.

 Jeder Teil aber muss in einer doppelten Verbindung erscheinen; er muss nämlich mit dem Ganzen und mit den neben ihm liegenden Teilen verbunden sein. Das erstere hat statt, wenn ein Grund vorhanden ist, warum er als ein Teil des Ganzen erscheint; das andere, wenn man sieht oder fühlt, warum er an der Stelle steht, wo man ihn sieht.

 Die Sachen in metaphysischem Gesichtspunkt betrachtet, fehlt es nie an Verbindung; denn bei Erfindung und Zusammensetzung der Werke des Geschmacks sind allemal Gründe vorhanden, warum jeder Teil in dem Werk erscheint und warum er da steht, wo wir ihn antreffen. Die Rede ist aber hier nicht von dieser in metaphysischem Sinne genommenen, sondern von der ästhetischen Verbindung, vermöge welcher wir die Gründe, woraus das Dasein und die Stelle jedes Teils erkennt wird, fühlen, so dass wir nirgend Anstoß bemerken, sondern in den Vorstellungen, die das Werk in uns erweckt, überall natürlichen Zusammenhang, ohne Lücken, ohne Mangel, und ohne fremde, nicht zur Sache gehörige Teile, empfinden.

 Wir erkennen oder empfinden den Zusammenhang der Dinge, entweder durch den Verstand oder durch die Einbildungskraft oder durch leidenschaftliches Gefühl und durch diese drei Mittel verbindet der Künstler die Teile seines Werks; jedes aber begreift wieder mehrere und oft gar mannigfaltige Gattungen der Verbindung. So verbindet der Verstand Ursache und Wirkung, in dem er die Wirkung aus der Ursache oder diese aus jener erkennt; er sieht die Ähnlichkeit oder Gleichartigkeit mehrerer Dinge, die mancherlei Arten der Abhänglichkeit und der Verhältnisse und leitet daher ihre Verbindungen. Die Einbildungskraft aber hat noch mehr Arten der Verbindung; denn sie kommt auf unzählbar viel Wegen von einem Gegenstand auf einen anderen, darunter mehrere überaus zufällig, aber ihrer flüchtigen Natur immer angemessen sind. Die geringste zufällige Kleinigkeit führt sie oft auf sehr entlegene Vorstellungen. So haben auch die Empfindungen des Herzens ihren eigenen Gang von einem Gefühl zum anderen.

 Wir fühlen hier die Gefahr uns in sehr weitläufige psychologische Bemerkungen einzulassen und wollen lieber die Seegel einziehen, lieber unvollständig als schwerfällig und für die meisten Künstler und Liebhaber langweilig und unbrauchbar sprechen. Darum kommen wir näher zum Zweck dieses Artikels.

 Es ist schlechterdings das Interesse des Künstlers, dass die, für welche er arbeitet, in seinem Werk keinen Mangel der Verbindung bemerken. Jeder einzelne Teil des Werks muss mit dem Ganzen so verbunden sein, dass man den Grund erkenne, warum er da ist; wenigstens, dass er nicht fremd, nicht völlig überflüssig und außer dem Charakter des Ganzen liegend erscheine. Außer dem aber muss auch Verbindung der Ordnung überall statt haben.

 Zu beidem gehört Beurteilung und Überlegung; weil es nicht genug ist, dass der Künstler bei Zusammensetzung und im Feuer der Arbeit beide Arten der Verbindung fühle, sondern auch nachher, bei schon etwas kältern Geblüthe, die Verbindung wirklich noch gewahr werde. Es geschiehet gar oft, dass Gedanken und Vorstellungen sich aus einander entwickeln und in unserer gegenwärtigen Gemütslage auf einander folgen, deren Zusammenhang wir nachher gar nicht mehr einsehen. Dieses begegnet dem Philosophen, in ganz methodischen Untersuchungen; also muss es bei dem Künstler, der im Feuer der Einbildungskraft und in Wärme der Empfindung arbeitet, noch weit öfters vorkommen. Kann er selbst aber in solchen Fällen den Zusammenhang seiner Vorstellungen nicht mehr entdecken, so muss dieses natürlicher Weise, anderen noch weniger möglich sein.

 Es ist deswegen sehr nützlich, dass man beim ersten Entwurf eines Werks genau auf das Achtung gebe, was eine Vorstellung mit der anderen verbindet, dass man auf Vorteile denke, das Band, das sie verknüpft, auf eine Weise, die dem Feuer der Wirksamkeit zu Fortsetzung der Arbeit nicht schadet, anzudeuten, um sich desselben nachher wieder zu erinnern. Geschieht dieses, so kann der Künstler bei der Ausarbeitung, da, wo die Verbindung nicht merklich ist, allemal auf Mittel denken, sie merklich zu machen. Es gibt vielerlei Mittel auch sehr fremd und entfernt scheinende Beziehungen der Gedanken gegen einander in nahe Verbindung zu setzen, so wie es auf der anderen Seite eben so viel gibt, einen sehr natürlichen Zusammenhang etwas fremder und reizender zu machen. Aber sie gehören unter die Geheimnisse der Künstler, die sie selbst nicht gern anderen entdecken.

 Wir müssen vor allen Dingen anmerken, dass die Verbindungen enger und genauer oder entfernter; offenbarer und gewöhnlicher oder versteckter und fremder sein müssen, nachdem der Charakter des Werks die eine oder die andere Art natürlich macht. Was vom Übergang angemerkt worden,2 gilt auch hier. Bei Untersuchungen, im lehrenden Vortrag und überhaupt in den Werken, die für den Verstand gemacht sind, müssen die Verbindungen natürlich, eng und in dem Wesentlichen der Dinge gegründet sein; weil es sonst dem Werk an Gründlichkeit fehlt. Je bestimmter der Endzweck eines Werks ist, je genauer und bestimmter muss auch die Verbindung aller Teile desselben sein; denn ein Werk von ganz genau bestimmten Zwecke, hat schon einige Ähnlichkeit mit einer Maschine, deren Wirkung nicht kann erreicht werden, wenn die geringste Trennung in ihren Teilen statt hat. In Werken, an denen die Einbildungskraft des Künstlers den größten Anteil hat, sind die Verbindungen natürlicher Weise viel freier und sie sind es um so viel mehr, je stärker die Einbildungskraft erhitzt ist. Ein Werk dieser Art würde kalt oder matt werden, wann der Künstler da auf methodische und auf innere oder wesentliche Übereinkunft der Dinge gegründete Verbindungen denken wollte.

  Aber diese Materie kann überhaupt hier weder methodisch noch ausführlich behandelt werden; weil das Hauptsächlichste der Kunst, die Wahl der Teile, ihre Anordnung und ein großer Teil der Bearbeitung auf die Art der Verbindung ankommt. Wollten wir hierüber vollständig sein, so müssten wir den völligen Gang des Verstandes bei Untersuchungen, den vielfachen, mehr oder weniger kühnen Flug der Phantasie, durch die wirkliche und durch mögliche Welten, die verborgenen, oft sehr seltsamen Wege des Herzens in ihren Krümmungen, steilen Höhen und gählingen Abstürzen vor Augen haben.

 Wir können also kaum etwas anders tun als auf der einen Seite, den Künstler ermuntern in seinem Studieren, und Nachdenken über die Geheimnisse der Kunst, eine besondere Aufmerksamkeit auf die Verbindungen zu wenden und deren verschiedene Arten und Grade, nach den Charakteren und den verschiedenen Tönen der Werke, so viel möglich ist, zu bestimmen: auf der anderen Seite die Liebhaber und Kunstrichter erinnern, dass sie sich bemühen sollen, bei jedem Werke der Kunst, sich so viel möglich in die Gemütslage zu setzen, darin der Künstler bei Verfertigung des Werks gewesen ist, wann sie nicht in die Gefahr kommen wollen, ein falsches Urteil über die Verbindungen zu fällen oder ohne Not Anstoß in dem Werk zu finden.

 Es gibt leichte, sehr faßliche, schwere und scharfsinnige, natürliche und phantastische, komische und ernsthafte, entfernte und nahe, wesentliche und zufällige und noch gar viel mehr Arten der Verbindung, deren jede nach dem Charakter und Ton des Werks gut oder schlecht ist. Die einzige praktische Anmerkung, die wir hier machen können, ist diese: dass der Künstler, der sich vorgenommen hat, sein Werk bis zur Vollkommenheit zu bearbeiten, es ein oder ein paar male bloß in Absicht die Verbindungen zu beurteilen, genau durchzusehen habe. In Ansehung der Verbindung jedes einzelnen Teiles mit dem Ganzen haben wir an einem anderen Orte dem Künstler die Regel gegeben, dass er in Beurteilung seines Werks bei jedem Teile stehen bleibe, um ihn zu fragen, warum bist du da, und wie erfüllest du deinen Endzweck? hast du den Ort, der dir zukommt? u.s.w. Dieses stellt ihn vor der Gefahr sicher, Dinge zuzulassen, die außer Verbindung mit dem Ganzen sind. In Ansehung der Verbindung eines Teils mit dem anderen kann er ähnliche Fragen aufwerfen: wie folgest du auf das vorhergehende? wie hängst du mit dem folgenden zusammen? Wird der, für dem das Werk gemacht ist, ohne Anstoß und Zwang diese Vorstellung nach der vorhergehenden annehmen und völlig fassen? u.s.w. Braucht der Künstler diese Vorsicht, so wird er auch entdecken, ob die Verbindungen überall nach dem Charakter des Werks richtig seien oder nicht.

 Wie überhaupt in der Natur alles genau zusammenhängt, so hat auch das menschliche Gemüt einen natürlichen Hang in seinen Vorstellungen durch Stufen, nicht durch Sprünge von dem einem zum anderen zu kommen. Wir lieben nach merklicher Hize nicht plötzliche, sondern allmähliche Abkühlung. Findet der Künstler es seiner Absicht gemäß, sehr entfernte oder gar entgegengesetzte Dinge nah an einander zu bringen, so muss er auch besorgt sein, solche Dinge dazwischen zu setzen, die den schnellen Übergang erleichtern. Und darin zeigt sich meistenteils der Unterschied zwischen dem Künstler von wahrem Genie und dem der ohne dasselbe nach Kunstregeln arbeitet. Am deutlichsten sieht man dieses in der Musik, wo große Harmoniker, auf eine gar nichts hartes habende Weise schnell in sehr entfernte Töne gehen können, wobei andere allemal hart und dem Gehör anstößig werden.

 

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1 S. Werke des Geschmacks.

2 S. Übergang.

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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