Mehrdeutigkeit


Die Wörter unseres Beispiels sind doch gewiß nicht aus Bosheit gewählt; und doch weisen sie uns alle solche Mehrdeutigkeit auf.

"Füllen." Das Wort heißt etymologisch "voll machen"; es bekommt aber einen ganz anderen Sinn, wenn die Gartenkunst die Nelken gefüllt hat, wenn die Köchin das Fett von der Suppe "füllt". (Im Französischen heißt "emplir" gar "lecken".) Seine Augen füllen = befriedigen. Füllen = Völlerei treiben. Gesang, Licht füllt einen Saal, aber schon metaphorisch. Ein offenes Tal füllen erinnert beinahe an das Füllen im Sinne von Bedecken.

"Wieder." Das Wort kann heißen: abermals, oftmals, zurück. Aber liier hat es offenbar die Bedeutung der Situation: heute an dieser Stelle scheint der Mond wieder.

"Busch." Man bezeichnet damit einen Erdbeerbusch, einen Laubast, einen Blumenstrauß, Haarbusch, Helmbusch, einen Strauch, ein kleines Wäldchen.

"Tal." Es bedeutet außer dem sehr unbestimmten Begriff einer Senkung zwischen Bergen auch die Abwärtsbewegung des Flußwassers oder eines Schiffes. "Sich zu Tod und Tal segeln." Tal erzählt also entweder vom Räume zwischen Bergen, oder von einer Bewegung bergabwärts. Zu Goethes Tal gehört nicht eigentlich ein Berg. Ein Hügel ist gerade recht. Und "Busch und Tal" ist wieder nicht Busch und Tal, sondern ungefähr ein buschiges Tal.

"Still." Das Wort kann bedeuten: vollkommene Lautlosigkeit, verhältnismäßige Ruhe (stille Straße), einen Vorgang ohne Gesangsbegleitung (stille Messe), die Einsamkeit (stiller Suff), die Bewegungslosigkeit (der stille Ozean, ein Toter ist ein stiller Mann). In unserem Beispiel wäre der Grammatiker überdies in Verlegenheit, ob er "still" als ein Adverb (zu füllen) oder als ein Adjektiv (zu Mond) ansprechen soll. Der Nichtgrammatiker findet keine Schwierigkeit.

"Nebel." Eigentlich der Wasserdampf in einer gewissen Erdnähe; dann jedes Mittel, das eine Aussicht verschleiert, der Entfernungsduft von den Bergen.

"Glanz." Das Wort kann das helle Licht selbst bedeuten, dann die Eigenschaft eines Körpers, ein solches Licht auszustrahlen. Endlich die Pracht des Auftretens. Im Französischen bedeutet eclat (von Schleißen) auch Knall, Lärm, Skandal.

Es war unmöglich, mit diesen Worten eine unbekannte Kenntnis logisch zu erschließen. Noch einmal, wer diese Unsicherheit der Bedeutung für eine Schikane hält, der steht noch nicht an der Schwelle meines Gedankens.

Wenn mich ein Franzose fragt, wie er éclat zu übersetzen habe, so werde ich doch antworten müssen, das richte sich nach dem Zusammenhang. Nun glaubt der, der dieses hier für Schikane hält, leichtes Spiel mit mir zu haben. "Also wird doch der Sinn jedes Wortes durch den Zusammenhang klar?" Gewiß. Aber was heißt das eigentlich, es werde der Sinn der einzelnen Worte durch den Zusammenhang klar?



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Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005