1. Die syrische Schule


a) Jamblich. b) Julian. c) Hypatia.

 

a) Während Plotins Lehrsystem, trotz seines theosophischen Gesamtcharakters, doch noch voll der edelsten und feinsten philosophischen Gedanken ist, so ist bei den jetzt folgenden Neuplatonikern von Philosophie kaum mehr die Rede. Als das Haupt der sogen. syrischen Schule gilt Jamblichus (• um 330), ein Schüler des Porphyrius, meist in seiner syrischen Heimat oder Alexandria lehrend. Sein begeisterter Biograph Eunapius berichtet bezeichnenderweise so gut wie nichts von Leben und Lehre, um so mehr von den Wundertaten des »göttlichen« Meisters. Erhalten sind von seinen Schriften: Über die pythagoreische Lebensführung, eine Ermahnung zur Philosophie und drei Zahlenspekulation enthaltende Schriften. Außerdem verfaßte er Kommentare zu Plato und Aristoteles, aber auch eine - chaldäische Theologie in 28 Büchern!

Jamblichus ist in der Hauptsache spekulativer Dogmatiker des Polytheismus, den er in willkürlichstem mystischem Aufputz wiederherzustellen sucht. Über Plotins »Ur-Eines« setzt er noch ein »völlig unaussprechliches« Urwesen, das eine aus drei göttlichen Elementen Bestehende »intelligible« und eine ebenfalls in drei göttliche Kräfte sich zerlegende »intellektuelle« Welt erzeugt. Neben oder unter diesen überweltlichen Wesen stehen zunächst zwölf himmlische Götter, die sich weiter zu 36, dann zu 360 vervielfachen; ihnen folgen 72 Gattungen (!) von unterhimmlischen und 42 von Naturgöttern, auf alle diese »Götter« ein noch viel größeres Heer von Erzengeln, Engeln, Dämonen und Heroen: wie man sieht, eine wahre Musterkarte theosophischen Unsinns, vermischt mit neupythagoreischer Zahlenspekulation. In diesem Götterhimmel sucht er mit mehr oder weniger Geschick die Götter aller möglichen Religionen, mit Ausnahme der christlichen, unterzubringen. Zwischen den über- und untermenschlichen Wesen steht die, natürlich gleichfalls dreigeteilte, menschliche Seele. In ihrer Läuterung besteht auch nach Jamblich die sittlich- religiöse Aufgabe des Menschen. Doch erscheint sie bei ihm nicht nur weit hilfsbedürftiger als bei Plotin, sondern die äußeren Hilfsmittel (Gebete, magische Zeichen, Beschwörungen, Mysterien, Sühnopfer der verschiedensten Art) gewinnen durchaus die Überhand. Die höchste Tugend ist denn auch die - priesterliche!

Leider bleibt dieser phantastische Geist wenigstens in der syrischen Schule vorherrschend. Die wahrscheinlich von einem von Jamblichs Schülern gegen den Bekämpfer der Mantik, Porphyrius, gerichtete Schrift Von den Mysterien der Ägypter verteidigt neben Mantik, Beschwörungs- und Opferwesen die krassesten Albernheiten und erklärt ausdrücklich die Priester, als Träger der göttlichen Offenbarung, für höherstehend als die Philosophen. Jamblichs Triadensystem wurde von seinem Schüler Theodorus noch weiter ausgeführt. Andere gewannen fast einen ebensolchen Ruf als »theurgische« Wundertäter wie ihr Meister, während noch andere, wie Dexippus und Themistius, sich als tüchtige Kommentatoren aristotelischer Schriften bewährten.

b) Zu Jamblichs Anhängern gehörte auch der edle, aber phantastische Kaiser Julian (361-363), der »Romantiker auf dem Throne der Cäsaren« (D. F. Strauß) dem bekanntlich sein Wiederherstellungsversuch des Polytheismus nicht gelang, und den wohl nur sein früher Tod vor noch stärkerer Enttäuschung bewahrt hat. »Der Galiläer« siegte. Die Überbleibsel von Julians Schriften, die mehrfach herausgegeben worden sind - die Bruchstücke der Schrift Gegen die Christen von C. J. Neumann, griechisch und deutsch, Leipzig 1880, die übrigen philosophischen Reden und Briefe von Rudolf Asmus in Philos. Bibl. Bd. 116, Leipzig 1908 -, zeigen keine selbständigeren philosophischen Gedanken. Die Briefe an Jamblich sind unecht. Eine Schrift über »Götter und Welt« rührt von Julians Freund Sallustius her.

c) die letzte, edle Erscheinung aus diesem Kreise ist die 415 von einem durch fanatische Mönche aufgehetzten Christenpöbel zu Alexandria ermordete jungfräuliche Philosophin Hypatia, deren Name durch Kingsleys und Mauthners gleichnamige Romane in weitere Kreise gedrungen ist. Ihr Schüler, der Bischof Synesios von Cyrene, verband in eigenartiger Weise ihre Lehre mit der christlichen (s. § 57 Anf.).


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