Giorgio Barbarelli, Giorgione

Barbarelli, Giorgio di Castelfranco, genannt Giorgione, geb. um 1477, der Sohn armer Eltern, bildete sich unter dem trefflichen Giovanni Bellini zum Maler aus, und machte in Folge seiner glücklichen Anlagen, besonders für das Kolorit, so glänzende Fortschritte, dass er die Eifersucht des Lehrers selbst erweckte. Er verließ daher dessen Schule, malte einige Zeit in Venedig für die Malerbuden Heiligenbilder, Einfassungen für Betten und Vertäfelungen für Kabinette und kehrte hierauf nach seiner Heimath Kastell Franco im Trevisaner Gebiet zurück, wo er auf Bestellung des Feldhauptmanns Tutio Costanzo eine Madonna mit dem Kinde und den h. h. Georg und Franziskus für die Parochialkirche daselbst, einige Bildnisse und einen toten Christus von Engeln getragen (der in das Leihhaus zu Treviso kam und als eines seiner Hauptwerke betrachtet wird), malte. Nach Vollendung dieser Arbeiten reiste Giorgione wieder nach Venedig, nahm seine Wohnung in Campo di S. Silvestro und bemalte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, die Fassade seines Hauses mit Figuren von Musikern, Dichtern und mit sonstigen Gegenständen phantastischen und historischen Inhalts, wie es damals in Venedig Sitte war. Auf solche öffentliche Empfehlung hin von allen Seiten beschäftigt, hielt er eine Bude und arbeitete nach damaliger Gewohnheit für die Bedürfnisse des Luxus. Schilde, Schränke und Kleiderkisten wurden mit Malereien verziert und er wählte dazu meist Gegenstände aus Ovids Verwandlungen, die er landschaftlich und mit allem Reiz der Farbe und großer Lebendigkeit der Erfindung behandelte. Aber auch ganze Fassaden von Häusern schmückte er mit den schönsten Freskomalereien (die jedoch beinahe sämtlich zu Grunde gegangen sind), Kirchen, mit trefflichen in Öl ausgeführten Altarbildern, vor Allem jedoch wurden seine ausgezeichneten Bildnisse gepriesen. Während dieser vielseitigen Beschäftigungen soll er auch einst, so wird es erzählt, um in den zu jener Zeit häufig vorkommenden Rangstreitigkeiten der Künstler über Malerei und Skulptur zu beweisen, dass, wenn gleich die letztere verschiedene Ansichten, jene aber nur eine Seite zeige, dieser dennoch der Vorzug gebühre, weil sie in einem Bilde, ohne Veränderung des Standpunkts, auf einen einzigen Blick alle möglichen Ansichten und Bewegungen menschlicher Gestalten vor Augen führen könne, ein Gemälde ausgeführt haben, die nackte Figur eines Mannes darstellend, der dem Beschauer den Rücken zuwendet, während seine Vorderseite in einem zu seinen Füßen. fließenden klaren Quell abgespiegelt wird, die glänzende Fläche eines goldenen Harnisches zu seiner Linken aber seine linke und ein zur Rechten angebrachter Spiegel seine rechte Seite zeigt. Und sein Bild soll sehr gerühmt und als sinnreich und schön bewundert worden sein!

Unter solch erfolgreicher Tätigkeit wuchs Giorgione's Ruhm bei jeder neuen künstlerischen Hervorbringung, er fährte eine Menge Bildnisse für verschiedene Fürsten Italiens aus und viele seiner Gemälde wurden nach entfernten Ländern versendet ; leider raffte ihn aber mitten im schönsten Streben und Schaffen der Tod in der Blüte seiner Jahre hinweg. Er starb im Jahr 1511 nach Einigen an der Pest, von der er bei seiner davon befallenen Geliebten ergriffen worden, nach Andern aus Verzweiflung über die Untreue derselben und die Undankbarkeit seines Schülers Pietro Luzzo aus Feltre, genannt Zarato, der sie entführt.

Giorgione war der erste, der die Befangenheit der zwar bereits nach lebensvollerer Naturwahrheit und Charakteristik strebenden, liebenswürdig gemütlichen und festlich heiteren, aber noch nicht zur vollen Freiheit des Schaffens hindurchgedrungenen venezianischen Kunstweise, an deren Spitze Giovanni Bellini stand, abstreifte und die neue Richtung der venezianischen Malerei: die Darstellung des Lebens nach seiner ganzen sinnlichen, wie geistig bewegten Schönheit hin mit freister Beherrschung der darstellenden Mittel in all dem Zauber des Lichts und der Farbe eröffnete. In seinen früheren Bildern noch ein entschiedener Nachfolger seines Meisters, entwickelt er in seinen späteren Werken, namentlich in seinen Porträts, Charakterköpfen und Charaktergestalten, eine höchst großartige Auffassung des Menschlichbedeutsamen, eine höchst poetische Anschauung der Natur, der sich zuweilen etwas edel Schwermütiges beimischt und eine kühne feurige Kraft. Seine Gestalten tragen einen tiefen innern Lebensfonds in sich, und seine Andachtsbilder, seine historischen, allegorischen oder legendarischen Kompositionen sind, dem engen Kreise herkömmlicher Darstellungsweise entrückt, und mehr die poetische, als die geschichtliche Wahrheit schildernd, mit hohem dichterischem Schwünge und großartigfreier Phantasie, teils zu Idyllen, Heils zu romantischen, ein bewegtes inneres Leben aussprechenden Novellen von unsäglichem Reiz und seelenvollster Anmut zusammen gedichtet. Seine Behandlungsweise zeichnet sich namentlich durch Naturwahrheit, Klarheit, Tiefe und leuchtende Glut des Kolorits, verbunden mit dem feinsten Gefühl für harmonische Farbenwirkung aus. Durch seinen pastosen, breiten, markigen und fetten Vortrag, der nicht sowohl durch die Schatten, als durch die wenigen und einfachen Farbentöne selbst und durch kühne Gegensätze des Hellen und Dunkeln wirkte, verstand er besonders unvergleichlich das Fleisch zu malen und es als eine weiche glänzende Substanz gleichsam plastisch aus dem Bilde hervortreten zu lassen. Mit ihm nimmt die eigentliche venezianische Art zu malen, die Kunst, durch die Bewegung des Pinsels selbst der Farbe Leben und Modellierung zu erteilen, die Flächen anzudeuten und das Gefühl der Form aus den leichten und breiten Pinselstrichen hervorleuchten zu lassen, welche durch Tizian, Giorgione's glücklicheren Nebenbuhler, der nicht, wie jener, mitten im glücklichsten Wirken abgerufen worden aufs Höchste ausgebildet wurde, ihren Anfang.

Seine vorzüglichsten Schüler waren: Fra Sebastiane del Piombo, Giovanni da Udine, Francesco Torbido aus Verona, genannt: il moro; seine bedeutendsten Nachahmer: Lorenzo Lotto, Jacopo Palma, genannt: il vecchio, Giovanni Cariani aus Bergamo, Rocco Marconi von Trevigi, Paris Bordone, Girolamo von Trevigi, gen. Pennachi, Antonio Licinio, gen. Pordenone, und die minder berühmten Girolamo Colleoni und Filippo und Francesco Zanchi, Giov. Bat. Averara und Franc. Terzi, alle aus Bergamo.

Die nachgelassenen Werke des frühverstorbenen Meisters sind ziemlich selten. Für die vorzüglichsten, für echt gehaltenen unter denselben gelten: im Museum zu Berlin: die Bildnisse von zwei Männern in mittleren Jahren und das Porträt eines Venezianers in schwarzer Kleidung; zu Brescia, in der Kathedrale: die Geburt Christi (nach Förster); in der Galerie zu Dresden: Jakob und Rahel, ein treffliches seelenvolles Bild idyllischen Charakters; eine Anbetung der Hirten, und das Porträt eines Mannes, in dessen Armen eine schöne Frau ruht; ferner im Besitz des Herrn v. Quandt: eine im Schatten eines Waldes am Saume eines See's ruhende, von Freundinnen begleitete, die Laute spielende und dazu singende Dame; in England: die Tochter des Herodias mit dem Haupte des Täufers, in der Baring'schen Sammlung zu Stratton; zwei wunderbar reizende Frauenköpfe in der Sammlung zu Castle Howard; eine Anbetung der Hirten im Fitzwilliam-Museum zu Cambridge; ein männliches Porträt und eine heil. Familie im Schloss von Alton Tower; das Porträt des Guidobaldo von Montefeltre, Herzogs von Urbino, von edelster Auffassung und tiefem Goldton in der Liverpool Institution; das Porträt des italienischen Dichters Berni, von glühender Farbe in der Bildersammlung zu Corshamhouse; der von einer Biene gestochene Cupido, seinen Schmerz der in einer Landschaft sitzenden Venus klagend, im Besitz des Sir J. Pringle Bart zu Manchester; ferner: das Bildnis des Gaston de Foix, vom Grafen von Carlisle, Milon und Croton, vom Grafen Darnley, das Porträt des Pico della Mirandola, von Justina Lawrence, und das des Pordenone, von Mr. Herbitt aus der ehemaligen Galerie Orleans erkauft; endlich eine, aus der Sammlung des Cardinais Fesch nach England verkaufte Anbetung der Hirten; zu Erfurt im Privatbesitz: eine Judith; zu Florenz, in der Galerie Pitti: das sogenannte Konzert (angeblich die Bildnisse Luthers, Calvins und der Katharina von Bora, von Giorgione im Auftrag eines Edelmanns, Namens Paolo del Sera, nach einem Gemälde dieser Personen ausgeführt und auf solche Weise zusammengestellt); eine von einem. Satyr verfolgte Nymphe, von großer unbefangener Schönheit; die Findung Mosis, in der Form eines Frieses dargestellt; in der Galerie der Uffizien: das Bildnis eines Malteserritters, nebst einer ändern Figur, und mehrere kleinere Bilder, wahrscheinlich aus der frühern Zeit des Meisters; eine Anbetung der Könige; Salomon's Urteil und eine Szene aus dem Leben des Moses; eine sogenannte heilige Unterredung, auf originell novellistische Weise behandelt; zu Frankfurt im Städel'schen Institut: Giorgione's eigenes Porträt; zu London, in der Solly'schen Sammlung: Maria unter einem Baldachin mit vier Heiligen und drei musizierenden Engeln in einer Landschaft, eines seiner ausgezeichnetsten Andachtsbilder, von jenem, dem Giorgione so ganz eigenen, schwermütiggroßartigen Ernst in Charakter und Ausdruck, jener Freiheit der Motive, Fülle der Formen und Breite der Gewandmassen und der Ausführung (stammt aus dem Hause Soranzo, dessen Außenseite Giorgione mit Fresken schmückte); in der Nationalgalerie: der Tod des Petrus (dessen Echtheit aber bezweifelt wird), und ein Musiklehrer, der einen Knaben im Singen unterweist; in der Sammlung Ashburton: ein schönes Madchen, welches die Hand auf die Schulter ihres Geliebten legt; in der Sammlung des Devonshirehouse: ein männliches Porträt; bei Mr. Woodborn: eine Madonna mit dem Kinde und Joseph, vor ihr kniet der Ritter Tuzio Costanza, hinter ihm ein Diener, der das Pferd hält, das bereit ist, ihn nach dem gelobten Lande zu tragen; in der Sammlung des Dichters Rogers: ein junger Ritter von meisterlicher Behandlung; zu Madrid, im königl. Museum: Maria mit dem Kinde, der heil. Brigitta und dem heil. Georg (wird neuerdings dem Palma vecchio zugeeignet); zu Mailand, in der Gemäldesammlung der Brera: die Findung Mosis, eines der bedeutendsten Meisterwerke Giorgione's, in welchem der biblische Vorgang, in dem reichen venezianischen Kostüm der damaligen Zeit in Szene gesetzt, den Inhalt einer Darstellung bildet, in der sich alle höchste Erdenpracht und Lust vereinigt findet; zu München, in der Pinakothek: Giorgione's eigenes Porträt, ein Kopf voll Leidenschaftlichkeit und eigentümlicher Melancholie im dunkelglühenden Auge, und eine Vanitas; in der Leuchtenberg'scken Galerie: eine mit dem Kinde unter einem Lorbeerbaum sitzende Madonna*); zu Paris, im Louvre: eine heil. Familie mit S. Sebastian und S. Katharina und den Donatoren, in einer hochpoetischen Landschaft, aus der mittleren Zeit des Meisters; Salome empfängt von einem Henker das Haupt Johannis (gest. von Resmon) und das Porträt des berühmten Gaston de Foix, Herzogs von Nemours (im Harnisch und durch Beifügung mehrerer Spiegel von verschiedenen Seiten sich darstellend); ein anderes Bild voll glühenden Lebens und edler Sinnlichkeit, zwei nackte Weiber, deren eine die Flöte in der Hand hält, während die andere aus einem Gefäß Wasser in ein steinernes Behältnis gießt, mit zwei in dem Zeitkostüm gekleideten Männern in einer Landschaft sitzend (gest. v. Hölzel und von Nic. Dupuy), wird neuerdings dem Palma vecchio zugeschrieben; zu Rom, in der Galerie Borghese: David mit dem Haupte des Goliath; im Palazzo Rospigliosi: zwei Liebende (nach Förster); zu Stuttgart, in der Galerie. des Museums der bildenden Künste: die drei Grazien, Saul und David und einige Bildnisse (aus der ehemaligen Sammlung Barbini-Breganze in Venedig); zu Venedig, in der Scuola de' Sarti bei den Jesuiten, ein Hauptwerk des Meisters: die Madonna mit dem heil. Omobono, der heil. Barbara und einem Bildnis; in der Akademie (früher in S. Marco) : sein berühmtes Bild, der von den drei Heiligen Markus, Nikolaus und Georg beschwichtigte Seesturm und ein Bildnis; in der Galerie Manfrini: einige poetisch romantische Bilder, drei Venezianerinnen, die drei verschiedenen Temperamente repräsentierend; ein edler Venezianer, der, von einem Pagen begleitet, mit einem schönen Mädchen spricht; eine Dame mit einer Laute im Arm, und der sogenannte Astrolog; im Palazzo Barbarigo : einige Studienköpfe und die Köpfe der neun Musen; in S. Crisostomo: ein Altarbild; zu Wien, in der k. k. Gemäldegalerie des Belvedere: David mit dem Haupte des Goliath; die sogenannten Feldmesser aus dem Morgenlande (die letzte Vollendung von Fra Sebastiane del Piombo); ein geharnischter Krieger mit dem Epheukranz auf dem Haupte, die Hellebarde in der Linken; ein junger Mann mit Weinlaub bekränzt, wird von einem geharnischten Soldaten von hinten angefallen; der Apostel Johannes; ein Kreuzritter, der sich von einem Knaben die Rüstung befestigen lässt; das Brustbild eines, ein Saiteninstrument stimmenden Mannes; das Porträt eines jungen Mannes; eine Auferstehung Christi, und Magdalena, den Heiland bittend, ihm die Füße salben zu dürfen. Andere Bilder Giorgione's, deren erwähnt wird, die aber entweder zu Grunde gegangen sind oder deren dermaliger Aufbewahrungsort unbekannt ist, sind: eine Folge von Darstellungen aus den Fabeln der Psyche in 12 Bildern, eine Sibylle, ehemals in der Sanato'schen Galerie, mehrere Madonnenbilder und viele Porträts, worunter namentlich die des Gonzalvo Ferrante, des Dogen Lionardo Loretano u. A. gerühmt werden; ferner der Henker mit dem Haupte des Johannes, eine Anbetung der Hirten, Giorgione mit seiner Geliebten, eine heil. Familie, Diana und Aktäon, ein Hirt mit einer Flöte, ehemals in der Sammlung König Karl I. von England; die drei Lebensalter, zwei Violinspieler und eine Muse, ehemals in der königl. Sammlung zu Paris.

 

Literatur. C. Ridolfi, Le vite degli illustri pittore Veneti. Venezia 1648. — Vasari, Leben der ausgezeichneten Maler, Bildh. und Baumeister. — Lanzi, Geschichte der Malerei in Italien. — Waagen, Kunstwerke und Künstler in Paris. — Waagen, Kunstwerke und Künstler in England. — Kugler, Handb. der Geschichte der Malerei. — Museo Fiorentino, woselbst auch Giorgione's Porträt im Stich.

 

* Abgebildet in den Denkmälern der Kunst. Atlas zu Kuglers Handb. der Kunstgesch. Taf. 80, Fig. 6.


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 © textlog.de 2004 • 25.09.2016 05:40:36 •
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